Schlechte Gerstenernte: Klimawandel könnte Biermangel verursachen | Wissen & Umwelt | DW | 16.10.2018
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Klimawandel

Schlechte Gerstenernte: Klimawandel könnte Biermangel verursachen

Dürren, ausgelöst durch den Klimawandel, könnten weltweit die Gerstenernte beeinträchtigen - mit schlimmen Folgen für das liebste Getränk vieler Menschen: das Bier.

Schlechte Nachrichten für Bierliebhaber: Klimawandel verursacht nicht nur einen Meeresspiegelanstieg, stärkere Hurrikane und intensivere Waldbrände. Eine wärmere Welt könnte auch zur Folge haben, dass Bier teurer wird oder gar nicht mehr fließt. 

Denn zunehmend ausgedehnte und harte Dürren und Hitzewellen könnten einen weltweiten Rückgang der Gerstenernte bedeuten. Und Gerste ist der Hauptbestandteil von Bier.

Das heißt, Bierpreise könnten weltweit in die Höhe schnellen und der Bierkonsum könnte sinken, wie eine neue, internationale Studie herausgefunden hat. An der Studie, veröffentlicht im Fachjournal "Nature Plants", waren unter anderem die kalifornische Universität in Irvine und die britische Universität in Ostanglien (UEA) beteiligt.

Studie soll reiche Menschen wachrütteln

Forscher aus Großbritannien, Mexiko und den USA haben für die Studie Extremwetterphänomene identifiziert und diese mit den Einflüssen auf Gerstenernten in 34 Regionen der Welt verglichen.

In einem nächsten Schritt wurden die Auswirkung des resultierenden weltweiten Gerstenmangels auf die Bierpreise und das Bierangebot in verschiedenen Ländern ermittelt unter Einbeziehung zukünftiger Klimaszenarien.

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Ähren auf einem Gerstenfeld in der Abendsonne (picture-alliance/dpa)

Klimawandel könnte einen jährlichen Gerstenernteverlust zwischen drei und 17 Prozent zur Folge haben

"Es ist das erste Mal, dass so etwas gemacht wurde", sagt Dabo Guan, Erstautor der die Studie. Der Professor für Klimawandel an der UEA sagt, die Studie solle bewirken, dass besonders Menschen aus wirtschaftsstarken Ländern erkennen, dass der Klimawandel ihr Privatleben ernsthaft beeinträchtigen wird.

"Sie werden vielleicht nicht wegen des Klimawandels an Hungersnot leiden, wie Menschen aus Entwicklungsländern, aber ihre Lebensqualität wird drastisch sinken."

Globale Auswirkungen

Die Ergebnisse der neuen Studie zeigen, dass der Klimawandel einen potenziellen jährlichen Gerstenernteverlust zwischen drei und 17 Prozent verursachen kann, je nach Schweregrad der Bedingungen.

Während sehr extremen Klimaereignissen könnte der globale Bierkonsum daher um 16 Prozent sinken. Das bedeutet 29 Milliarden Liter weniger Bier – das ist so viel, wie Bierliebhaber in den gesamten USA zurzeit jährlich verbrauchen. Zudem würden sich die Preise für das Getränk verdoppeln.

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Eine Bedienung im Biergarten hält zwei Maßkrüge (Imago/Michael Westermann)

In Deutschland könnte der Bierkonsum laut der Studie um 30 Prozent zurückgehen

Selbst bei weniger extremen Wetterszenarien zeigt die Studie, dass der Bierkonsum sich um vier Prozent verringern könnte und Bierpreise dann um 15 Prozent in die Höhe schnellen würden.

Markus Raupach, Besitzer der Deutschen Bierakademie, die Veranstaltungen rund ums Bier organisiert, sieht das Ganze weniger schwarz. Er kann die Prognose, dass es durch die Veränderung des Wetters einen Rückgang der Gerstenernten geben wird, nachvollziehen. Doch eine Alternative sei es, mit anderen Gerstensorten zu arbeiten. 

"Es gibt momentan den Trend in England, alte Gerstensorten neu zu züchten und wieder in den Verkehr zu bringen", so der Sommelier aus Bamberg. "Diese Gerstensorten haben zwar nicht so hohe Maximalerträge, aber sie sind unheimlich resistent gegenüber Dürre oder Überflutungen. Und man hat einen durchschnittlichen Jahresertrag, der relativ wetterunabhängig ist. Damit kann man langfristig sehr viel besser auf den Klimawandel reagieren."

Wo hört das Bier auf zu fließen?

Laut der Studie werden Länder, die in den letzten Jahren pro Kopf am meisten Bier getrunken haben, auch die Länder sein, deren absoluter Bierkonsum bei Dürre am meisten beeinflusst werden könnte.

Mit 1,4 Milliarden Einwohnern hat China momentan den höchsten Bierkonsum der Welt. Durch häufiger auftretende Wetterextreme könnte der Bierkonsum dort um 4,34 Milliarden Liter sinken, das entspräche etwa zehn Prozent des momentanen Verbrauchs.

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Eine Gruppe am Oktoberfest in Qingdao, China (picture-alliance/dpa/Imaginechina/Yu Fangping)

4,34 Milliarden Liter weniger Bier in China dank des Klimawandels

In den USA könnte der Bierkonsum in Folge von Dürren und Hitzewellen sogar um 20 Prozent sinken. Manche Amerikaner müssten dann eventuell beliebte Trinkspiele wie "beer pong" und "keg stands" aufgeben. 

In Deutschland – gemeinhin als Biernation bekannt – könnte der Konsum laut der Studie sogar um 30 Prozent zurückgehen. Wie dann wohl das Oktoberfest aussehen würde?

Und in Großbritannien könnte der Verbrauch um ein Drittel fallen, während sich die Preise für das beliebte Getränk verdoppeln könnten. 

Auch hier sieht Raupach nicht ganz so schwarz – zumindest für Regionen außerhalb Deutschlands.

"Alleine die Gerste wird nicht dazu führen, dass es so viel weniger Bier gibt, zumindest nicht überall", sagt der Bierexperte. 

"Nur in Deutschland haben wir das Reinheitsgebot. Das bedeutet, dass wir mit Gerste brauen müssen. In anderen Ländern ist es natürlich möglich, die Gerste einfach mit Reis oder Mais zu ersetzen. Und in dem Moment, wo ich nicht mehr auf die Enzyme aus dem Gerstenmalz angewiesen bin, in dem ich sie künstlich zugebe, könnte ich sogar komplett darauf verzichten." 

Preis wird in Ländern, die Bier lieben, am meisten steigen

Nicht nur Bierbrauer werden unter dem möglichen Gerstenmangel leiden, sondern etwa auch Viehzüchter, die Gerste verfüttern. Und nicht alle Weltregionen werden von den Veränderungen des weltweiten Gerstenangebots gleichermaßen betroffen sein. Bestimmte europäische Länder, die für ihren Bierkonsum bekannt sind, könnten es als Erste spüren. Denn genau diese Länder stünden in Zeiten von Extremwetterereignissen vor einem 27- bis 38-prozentigen Rückgang ihrer Braugerstenvorräte.

"Osteuropäische Länder wie Tschechien, Polen und Estland werden die größten Veränderungen spüren. In diesen Ländern wird der Bierpreis sechs- bis siebenfach in die Höhe schnellen", sagt Guan. "Das heißt, eine Flasche Bier, die dort momentan 70 Cent kostet, wird dann 3,50 Euro kosten".

Obwohl diese EU-Staaten viel Bier brauen und die Bevölkerung viel Bier trinkt, produzieren sie nicht besonders viel qualitativ hochwertige Gerste. Den Großteil importieren sie.

Auch Irland ist für seinen Bierkonsum bekannt. "Es wird die größte Veränderung spüren, wenn es um den absoluten Preiswandel geht", sagt Guan. "Momentan zahlt ein Ire ungefähr 2,50 Euro für einen halben Liter Bier. Das wird in Extremwetterjahren ungefähr das Doppelte sein".

Diese Preisveränderung könnte dann dazu führen, dass der Konsum von durchschnittlich einer Flasche Bier am Tag pro Person zu einer Flasche Bier die Woche zurückgeht, schätzt Guan.

Zwei Iren mit St. Patrick Day Verkleidung (picture-alliance/dpa/D. Himbrechts)

Die Iren werden nicht nur am St. Patricks Day tiefer in die Tasche greifen müssen

Ob Bierliebhaber in Zukunft weiterhin ihr Getränk genießen können, kommt laut der Forscher im Endeffekt darauf an, wie viel sie bereit sind, für ihren Konsum zu bezahlen.

Warum das wichtig ist

Der Klimawandel hat nicht nur eine Auswirkung auf den Markt mit alkoholischen Getränken, es wird die gesamte Lebensmittelproduktion beeinflussen.

Doch Luxusgüter, wie Bier, könnten die ersten Produkte sein, die verschwinden, wenn das Getreide benötigt wird, um den generellen Essensbedarf zu decken. Das gleiche gilt für andere Luxusgüter, wie Kaffee, Wein, Tee und Schokolade.

"Wenn Extremwetterphänomene immer häufiger auftreten, werden Luxusgüter sehr teuer oder gar nicht mehr zur Verfügung stehen", sagt Guan.

"Natürlich tötet das keinen, doch unsere Lebensqualität wird dadurch ernsthaft eingeschränkt und das soziale Gleichgewicht könnte ins Wanken geraten. Vielleicht rüttelt das die Menschen endlich wach, etwas gegen den Klimawandel zu tun, und zwar bevor es zu spät ist."

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