Scheidender Berlinale-Chef Dieter Kosslick: ″Ich bin ein demokratischer Dompteur″ | Kino | DW | 08.12.2018
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Berlinale

Scheidender Berlinale-Chef Dieter Kosslick: "Ich bin ein demokratischer Dompteur"

Dieter Kosslick baute die Berlinale zum größten Publikumsfestival der Welt aus. 2019 nimmt er seinen Hut als Festivaldirektor. DW sprach mit "Mr. Berlinale" über großes Kino und unvergessliche Begegnungen.

DW: Wenn man zurückblickt auf 20 Jahre Berlinale stellt sich natürlich die große Frage: Was bleibt? Wir fangen mit dem Festivaldirektor an. Drei kurze Fragen, drei kurze Antworten. 1.Ihre schönste Begegnung?

Dieter Kosslick: Meine aufregendste Begegnung waren auf jeden Fall die Rolling Stones im Berlinale-Palast mit der Weltpremiere ihres Films "Shine a Light" von Martin Scorsese. Für mich als ehemaligen Gitarristen der Rockband The Meters ein Höhepunkt.

Und Ihr schwierigster Fall?

Schwierig war der Moment, als ich mit Patrice Chéreau die Treppen im Hyatt-Hotel runterging zur Vorstellung von seinem Film "Son Frère" (Silberner Bär für Beste Regie 2003), eine Geschichte über Aids und Tod. Und vor dem Restaurant im Hyatt war Daniel Toscan du Plantier, der Repräsentant der französischen Filmindustrie, soeben einem Herzinfakt erlegen. Das war ein wirklich trauriger Moment.

Ihr größter Glücksmoment?

Als ich mit meinem noch nicht ganz einjährigen Sohn Fridolin im Zoo-Palast die Jugendfilm-Sektion "Generation" eröffnete, war er mir im Arm eingeschlafen. Als ich ihn so mit auf die Bühne nahm und anfing ins Mikrofon zu sprechen, wachte er auf und sah 1000 Kinder, die ihn anstarrten und jubelten. Das war ein glücklicher Moment, diese vielen Kinder zu sehen und selbst eines im Arm zu haben.

Judi Dench auf dem Roten Teppich von oben (Berlinale/A. Ghandtschi)

Längst zeigen sich internationale Welt-Stars wie Judi Dench (li) neben Dieter Kosslick auf dem Roten Teppich

Die Ähnlichkeit von Filmfestivals mit einem Zirkus kann man nicht ganz von der Hand weisen. Sind Sie denn nun der Zirkusdirektor mit der Peitsche oder eher der Dompteur?

Ich sehe mich als demokratischen Dompteur. Ich arbeite mit vielen Leuten zusammen und lasse sie auch selbstständig arbeiten. Aber natürlich muss einer die Nase, den Kopf oder die Ohren hinhalten, die Verantwortung übernehmen, entscheiden und das Ding auch nach vorne treiben. Das bin dann oft ich.

Es ist immer ein sportiver Konkurrenzkampf zwischen den großen Festivals gewesen, zwischen der Berlinale, Venedig und Cannes. Wer hat in Ihrer Amtszeit die Nase vorn gehabt?

Das war natürlich immer Cannes. Aber es hat von Jahr zu Jahr auch mal gewechselt. Venedig hat ziemlich aufgeholt und wir waren immer auf einem sehr, sehr guten vierten Platz. Kanzlerin Angela Merkel hat mich einmal gefragt, als wir ein Treffen mit dem ehemaligen französischen Präsidenten François Hollande hatten: "Wer war denn dann auf dem dritten Platz?" Dann hab ich geantwortet: "Naja, da war halt keiner." (lacht)

Bei den hunderten Filmen, die Sie verantwortet haben, fragt man sich: Was ist eigentlich für einen Festivaldirektor ein guter Film?

Da gibt es bestimmte Kriterien und dennoch gibt es  unterschiedliche Auffassungen davon, was dann im Programm ist. Das wird natürlich lange diskutiert. Es gibt aber Filme wie "Separation" von Asghar Farhadi (Goldener Bär 2011) oder "Taxi" von Jafar Panahi (Goldener Bär 2015), da gibt es gar keine Diskussion. Da weiß man einfach, das ist ein guter Film.

Deutschland 65. Berlinale Preisverleihung (picture-alliance/dpa/M. Kappeler)

Preisverleihung 2015: Goldener Bär für "Taxi" von Regisseur Jafar Panahi

Aber man kann nicht mit dem Schraubenzieher und dem Meterstab im Kino sitzen und einen  Film vermessen. Es ist sehr subjektiv, was Leute gut finden, und was Leute nicht gut finden. Das sieht man dann auch bei der Rezeption.

Ich habe mich immer erst einmal dem Publikum verpflichtet gefühlt - natürlich nicht mit allen Filmen, die wir zeigen. Aber da wir ein Publikumsfestival sind seit 1951, war es für mich das Wichtigste, den Leuten auch Kino zu präsentieren, das ihnen Spaß macht und einen Klick in Herz und Kopf auslöst.

Sie reisen um die ganze Welt, um sich Filme anzuschauen. Wie wird der deutsche Film international wahrgenommen? Wird da immer noch über Regisseure wie Fassbinder und Herzog gesprochen? Oder hat sich das geändert?

Ja, über Fassbinder wird auf jeden Fall gesprochen und über Herzog schon deshalb, weil er noch Filme macht. In Amerika ist er ein großer Star. Auch die Berlinale hat dazu beigetragen, das deutsche Kino bekannt zu machen, weil wir jedes Jahr im Wettbewerb deutsche Filme hatten.

Insgesamt liefen mehr als 50 deutsche Filme im Wettbewerb. Oft gewannen sie auch Silberne und Goldene Bären. Das bedeutet, dass die internationale Jury die deutschen Filme für wettbewerbsfähig hielt.

Als Sie die Berlinale 2001 übernommen haben, war das Festival schon etabliert und weltberühmt. Wenn Sie zurückschauen - wie hat sich die Berlinale verändert?

Sie ist enorm viel größer geworden, das Publikum hat sich fast verdreifacht. Fast 340.000 Festivalbesucher haben sich dieses Jahr eine Kinokarte gekauft. Dann sind wirtschaftliche Komponenten hinzugekommen wie der Filmmarkt, Koproduktionen, die Zusammenarbeit mit der Buchmesse.

Und es wurden zielgruppengerechte Programme gemacht wie das "Forum Expanded", wo wir uns gegenüber der Kunst geöffnet haben. Oder gegenüber dem Essen und der Ökologie mit unserem "Kulinarischen Kino".

Kinder mit Kochmütze kochen beim Kulinarischen Kino (picture-alliance/dpa)

Populäre Sektion: Kochkurs für Schüler im Rahmen der Berlinale-Reihe "Kulinarisches Kino"

Es wurden auch Förderprogramme entwickelt wie die "Berlinale Talents" oder der "World Cinema Fund", mit dem wir weltweit sehr erfolgreich Filme unterstützen. Die laufen dann nicht nur bei uns beim Festival in Berlin, sondern auch in Cannes und auf anderen Filmfestivals.

Historisch gesehen verstand sich die Berlinale immer als politisches Festival. Was waren die größten gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen in Ihrer Zeit?

Früher war das der Ost-West-Konflikt - bis die Mauer stand. Und dann bis sie fiel. Hier wurde auf der Berlinale osteuropäisches Kino und auch das asiatische Kino gezeigt. Das war die frühere Zeit.

Unsere Herausforderungen waren etwas anders. Wir hatten es mit dem Irak-Krieg zu tun, mit der Invasion der Amerikaner im Irak. Es wurde auch gleich ein politischer Film prämiert: "In This World" von Michael Winterbottom (Goldener Bär 2003) - ein Flüchtling aus Afghanistan, der es bis London in einen Coffeeshop geschafft hat.

Es gab viele Herausforderungen. Während dieser Zeit ist die Globalisierung völlig aus den Fugen geraten. Wir haben immer wieder mit Filmen darauf hingewiesen, dass man nicht auf der einen Seite freien Warenverkehr weltweit anpreisen kann, aber, wenn Menschen sich frei über Grenzen hinweg bewegen wollen, dies dann "Asyl-Tourismus" nennt.

Das waren die Themen während meiner Zeit. Und dann kam noch die zunehmende Radikalisierung der rechten Szene hinzu: die Rechtsradikalen, die immer stärker werden. Auch da haben wir versucht, mit Filmen auf diese verbohrten, ewig Gestrigen hinzuweisen.

Dieter Kosslick bei der Berlinale 2012 (picture-alliance/dpa/M. Gambarini)

Mann mit Hut: Dieter Kosslick kämpfte 17 Jahre für das Renommee der Berlinale

Wie sieht die Zukunft des Films aus - in Zeiten von Netflix und Heimkino? Wo liegt Ihrer Meinung weiterhin die große Kraft des Kinos?

Da werden sich enorme Veränderungen ergeben. Unsere Richtlinien für die Berlinale, jedenfalls für den Wettbewerb, sind eindeutig. Da steht: Die Kinoauswertung muss vorgesehen sein, sonst können wir diesen Film nicht spielen. Das heißt, Firmen wie Amazon, die ähnlich produzieren wie Netflix, machen eine Vorauswertung im Kino. Dann können wir diese Filme auch im Wettbewerb zeigen - ansonsten nicht.

Es wird sich auf jeden Fall in Zukunft etwas verändern. Aber das Kino wird nicht sterben. Dafür bin ich jetzt zu lange dabei, und das Kino gibt es erst recht lange, nämlich bald 120 Jahre. Das wird bleiben.

Die Frage ist nur, wer das Kino betreibt und ob nicht Netflix eines Tages der größte Anbieter von Arthaus-Filmen und von großen Filmen sein wird. Das ist eine große Frage, wie sich Filmfestivals dann verhalten, die genau auf diese Filme angewiesen sind. Im Moment sind wir in der Übergangszeit.

Im Februar 2019 startet die letzte Berlinale unter Ihrer Leitung. Was machen Sie, wenn sich der ganze Rummel gelegt hat und der letzte Berlinale-Gast abgereist ist?

Dann fahre ich in die bayerischen Berge und faste. Danach werde ich nicht nur im Magen, sondern auch im Kopf so frei sein, dass ich ein neues Leben beginnen kann. Darauf freue ich mich schon.

Dafür wünschen wir Ihnen alles Gute und natürlich noch eine wunderbare letzte Berlinale.

Das Gespräch führte Hans Christoph von Bock

Berlinale 2018: Festivaldirektor Dieter Kosslick steigt aus Auto (picture alliance/dpa/B. Pedersen)

Nimmt 2019 seinen Hut: Berlinale-Chef Kosslick

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