„Scheiße“ – oder doch besser „Fuck“? | Deutschlehrer-Info | DW | 09.01.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschlehrer-Info

„Scheiße“ – oder doch besser „Fuck“?

Fast überall auf der Welt wird mit sexuellen Wörtern beleidigt. In Deutschland und Österreich wurden früher vor allem fäkale Ausdrücke benutzt. Sprachforscher fanden heraus, dass sich das mittlerweile geändert hat.

Wenn Amerikaner, Engländer, Russen, Franzosen, Spanier, Italiener oder auch Holländer jemanden beschimpfen, wird es schnell sexuell. Deutsche und Österreicher haben dagegen eher Fäkales im Angebot – und das seit Jahrhunderten. Während es zum Beispiel auf Englisch „Fuck off“ heißt, sagen deutschsprachige Menschen „Verpiss dich“. Der englische Ausruf „Fuck!“ entspricht auf Deutsch dem Wort „Scheiße!“

Inzwischen schimpfen jüngere Menschen in Deutschland jedoch sexualisierter als ältere, meint der Sprachwissenschaftler André Meinunger. Er arbeitet am Berliner Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS) und sagt: „[Da] gibt es in den letzten Jahren einen Wandel und das Deutsche passt sich an. Also die Nutzung des Wortes ,Fuck‘ zum Beispiel hat sich stark ausgebreitet.“ Meinunger weist darauf hin, dass heute auch mal eher gesagt werde, jemand sei „gefickt“ statt „gearscht“. Oder aber es heiße „Du Schwanz“ statt „Du Arsch“. Üblicher geworden seien neben traditionellen Tierschimpfwörtern (Sau, Esel, Kuh) auch Begriffe wie „Du Opfer“, „Du Lauch“ oder „Fick dich“, also die englische Übersetzung von „Fuck you“. Die Globalisierung macht also auch vor den Schimpfwörtern nicht Halt.

„Sprache ist im Fluss, viele Einflüsse kommen aus der Jugendkultur, in den letzten Jahren zum Beispiel oft und vielfach aus dem Hip-Hop“, sagt Meinunger. Durch Hip-Hopper mit Migrationshintergrund werde die deutsche Sprache in einem gewissen Sinne bereichert – durch Begriffe wie „Babo“ (Chef) oder „Chaya“ (Tussi) zum Beispiel. „Wir leben hier zusammen mit Menschen, die mehrsprachig sind, und übernehmen auch die Slangs von ihnen.“ Junge Leute schauten zudem öfter (amerikanische und britische) Filme und Serien im Originalton. Und das dürfte ebenfalls einen Beitrag dazu leisten, dass es bei Wut und Zorn anders aus ihnen herausbricht als noch bei ihren Eltern oder Großeltern.

Schimpfwörter sind ein spannendes Thema. Viele, die eine Fremdsprache lernen, sind neugierig auf die Schimpfwörter, die es in der jeweiligen Sprache gibt. Trotzdem: Malediktologie (Schimpfwortforschung) gibt es in Deutschland kaum. Meinunger sagt: „Welcher Forscher will sich schon damit rühmen, Experte fürs Fluchen zu sein?“ Eine Ausnahme ist zum Beispiel der emeritierte Sprachforscher Hans-Martin Gauger in Freiburg. Er gehört zu den wenigen, die sich mit Beschimpfung, Diffamierung, Schmähung und Verunglimpfung ausgiebig wissenschaftlich beschäftigt haben. Vor gut sieben Jahren veröffentlichte er zum Beispiel das Buch „Das Feuchte und das Schmutzige: Kleine Linguistik der vulgären Sprache“.

Im Hinblick auf die Schimpfwortveränderungen im Deutschen gibt Gauger zu bedenken, dass sie im Deutschen langsam und auch nicht überall passiere. Er sehe sie vor allem in Großstädten, etwa in Berlin, im Ruhrgebiet, in Frankfurt und Hamburg, wo junge Deutsche viel eher mit Nicht-Deutschen Tür an Tür lebten. Der Fachbegriff für diesen Vorgang laute „Adstratwirkung“, womit der wechselseitige sprachlich-kulturelle Einfluss gemeint ist.

Beim sexuellen Schimpfen in anderen Sprachen sieht Gauger meist einen frauenfeindlichen Hintergrund. Das Weibliche sei fast immer negativ konnotiert – wie zum Beispiel auch beim deutschen Wort „Fotze“. Beim Schimpfen kultivierten viele Sprachen „männliche Abgebrühtseinsfantasien“. Auch da sei das Deutsche lange Zeit einen Sonderweg gegangen. Die Mutter oder Schwester von jemandem herabzusetzen, um damit den Mann bei seiner Ehre zu packen, sei in Deutschland und Österreich beispielsweise unüblich. Das sei aber etwa im Türkischen oder Italienischen normal und sickere nun auch ein bisschen in die deutsche Sprache ein.

sts (dpa)/ip

 

Die Redaktion empfiehlt