Schalke 04 lehnt Tönnies-Hilfen ab | Sport | DW | 07.01.2021
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Entscheidung gefallen

Schalke 04 lehnt Tönnies-Hilfen ab

Die sportliche und finanzielle Krise des FC Schalke 04 wird nicht mit dem Geld von Clemens Tönnies abgewendet. Der aktuelle Aufsichtsrat lehnt die Hilfen des ehemaligen Gremiums-Vorsitzenden ab.

Clemens Tönnies

Clemens Tönnies

Der FC Schalke 04 hat bei vielen seiner überaus zahlreichen Fans und Mitglieder den Status, wie eine eigene Religion zu sein: Einmal Schalker, immer Schalker, Konvertieren ist nicht möglich. Allerdings wird die S04-Gemeinde gerade in einer Glaubensfrage tief gespalten: Soll Clemens Tönnies dem Klub wieder finanziell zur Seite springen und Geld für Neu-Verpflichtungen während der Winterpause bereitstellen? 

Die Möglichkeit bestand, die Frage stellt sich nun aber nicht mehr. Nach Informationen des WDR vom Donnerstag  sollen sich im aktuellen Aufsichtsrat zwei Gremium-Mitglieder dagegen ausgesprochen haben. Damit fließt kein neues Geld von Tönnies an Schalke. Der Ex-Chef des Gremiums hatte ein einstimmiges Votum gefordert.

Die Kassen der Königsblauen bleiben damit leer - und es ist nicht abzusehen, dass dem Verein bald wieder neues Geld zufließen wird. Zudem drücken den Klub 240 Millionen Euro Verbindlichkeiten und die damit verbundene Zinslast und machen ihn beinahe handlungsunfähig. Irgendwo muss also schnell Geld herkommen, um den sportlichen Totalausfall - den Abstieg aus der Bundesliga - noch irgendwie zu verhindern. Denn ob die Schalker in der 2. Liga in Anbetracht ihrer finanziellen Belastungen überhaupt eine Lizenz erhalten würden, erscheint zumindest fragwürdig. 

Tönnies stopfte Finanzlöcher - und kassierte Zinsen

Anti-Tönnies-Proteste in Gelsenkirchen im Sommer 2020

Anti-Tönnies-Proteste in Gelsenkirchen im Sommer 2020

Der Fleisch-Unternehmer Tönnies ist in seinen mehr als 25 Jahren als Mitglied des S04-Aufsichtsrates und als langjähriger Vorsitzender des Gremiums in den vergangenen Jahrzehnten schon häufiger als Kreditgeber eingesprungen. Dieses Angebot unterbreitete Tönnies dem S04 zuletzt wieder. "Ich lasse meinen Herzensklub nicht untergehen", hatte der 64-Jährige jüngst verkündet. 

Der Milliardär aus dem ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück lieh dem Klub bereits mehrfach jeweils mehrere Millionen Euro - und ließ sich diese gut verzinsen. Immer wenn Schalke Geld brauchte und es hätte schwierig werden können mit neuen Bank-Krediten, war Tönnies zur Stelle. Der 64-Jährige agierte fast wie eine interne Bank bei den Königsblauen und stopfte kurzfristig die größten Finanzlöcher. Ein Vorwurf, den die Fans und Mitglieder in diesem Zusammenhang immer wieder an Tönnies richteten: Der Unternehmer nutze die Notlage des Klubs aus, um sich selbst zu bereichern. Ein Mäzen, der seinem Herzens-Klub Geld schenkt, war er nie. Seit dem vergangenen Sommer ist indes alles anders.

Emanzipation von Tönnies erschwert

Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider

Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider

Tönnies ist nicht mehr im Amt, ein Fan-Aufstand hatte ihn dazu veranlasst zurückzutreten. Seine rassistischen Äußerungen bei einer Rede sowie der Covid-19-Ausbruch in einem seiner Fleischwerke hatten einen Teil des Schalker Umfelds dazu veranlasst, gegen Tönnies auf die Barrikaden zu gehen. Die Kritiker hatten schon seit längerer Zeit beklagt, dass Tönnies mit den Jahren (zu) viel Macht um sich angehäuft habe und ohne ihn keine wichtige Entscheidung mehr getroffen werden könne.

Die Schalker sollten und wollten sich nach Tönnies' Rücktritt vollständig vom vermeintlichen "Schalke-Boss" emanzipieren. Dieser Prozess verkomplizierte sich durch die Corona-Pandemie allerdings deutlich. Die finanzielle Schieflage der Schalker verschlimmerte sich weiter. Eine Bürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen über rund 30 Millionen Euro musste sogar her, um das Überleben zu sichern. Zudem drückte die nur schwer zu erklärende sportliche Talfahrt (mittlerweile 30 Spiele in Folge ohne Sieg) nicht nur auf das Gemüt aller Beteiligten, sondern auch die Einnahmen.   

Umdenken bei den Verantwortlichen?

Bereits im Spätsommer, als die sportliche Krise schon lange begonnen hatte, bot Tönnies seine monetäre Hilfe an, um neue Spieler zu finanzieren. Damals hatten der Vorstand um den Verantwortlichen für den Sport, Jochen Schneider, und der Aufsichtsrat das Angebot noch abgelehnt, um nicht erneut in Abhängigkeit von Tönnies zu geraten. 

Während die große Mehrheit der Tönnies-kritischen Fans und Mitglieder ihre Meinung trotz der großen Krise des Klubs nicht geändert hat und ein neuerliches Engagement des ehemaligen Aufsichtsratschefs weiter ausschließt, scheint zumindest Schneider die Lage mittlerweile neu zu beurteilen. 

"Ob es dazu kommt und er dem Verein hilft oder nicht, das wird man sehen", erklärte der Sportchef der Königsblauen am vergangenen Sonntag. Es sei eine Frage, die "intern beantwortet" werden müsse. Der Schalker Sportvorstand sang in der Folge dann noch ein Loblied auf die Verdienste des ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden. Auch Schneiders Zukunft beim S04 hängt davon ab, ob das Profi-Team doch noch die Wende schafft. Und: Schneider wurde von Tönnies einst verpflichtet.

Im elfköpfigen Aufsichtsrat des Klub sitzen zudem noch viele Weggefährten des ehemaligen Vorsitzenden - aber auch Gegner. Die Entscheidung ist nun gegen die Tönnies-Hilfen getroffen worden. Aber auch dieses Votum dürfte kaum dazu führen, dass die tiefen Gräben im Klub zugeschüttet werden.

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