Saul Friedländer: Mehr als ein ″Historiker des Holocaust″ | Kultur | DW | 30.01.2019
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Holocaust-Gedenken

Saul Friedländer: Mehr als ein "Historiker des Holocaust"

Er erforscht nicht nur seit Jahrzehnten, wie es zu der brutalen Ermordung von sechs Millionen Juden kommen konnte. Saul Friedländer ist selbst ein Überlebender der Shoah. Zum Holocaust-Gedenktag sprach er im Bundestag.

Ehrungen hat Saul Friedländer im Laufe seiner Karriere reichlich bekommen: den Pulitzer-Preis, den Israel-Preis, den Geschwister-Scholl-Preis, den Preis der Leipziger Buchmesse, um nur einige zu nennen. Und doch scheint ihn die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2007 in Frankfurt besonders bewegt zu haben. Denn in seiner Dankesrede las er Briefe seiner Familie vor, die er nie zuvor öffentlich zitiert hatte.

"Meine große, innige Bitte an Sie, gnädige Frau", schrieb Friedländers Mutter Elli am 28. August 1942 an Madame Macé de Lepinay, "ist nun, sich unseres Kindes anzunehmen und ihm, bis zum Ende dieses furchtbaren Krieges, Ihre Patronage angedeihen zu lassen. Wie er am besten zu schützen ist, weiß ich nicht, habe aber vollstes Vertrauen zu Ihrer Klugheit und Güte. Meines Mannes und mein Schicksal liegt nur mehr in Gottes Händen. Wenn Er will, dass wir durchkommen, so werden wir das Ende dieser grauenhaften Zeit erleben. Wenn wir zugrunde gehen müssen, so haben wir das eine große Glück, unser geliebtes Kind gerettet zu wissen."

Friedländers Eltern wurden in Auschwitz ermordet

Die Französin brachte den damals Zehnjährigen in ein katholisches Internat, wo das jüdische Kind getauft wurde und den Krieg überlebte. Die Eltern aber wurden bei der Flucht von Frankreich in die Schweiz gefasst, der französischen Polizei übergeben, in verschiedene sogenannte Durchgangslager gebracht und schließlich in Auschwitz ermordet.

Saul Friedländer - Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (picture-alliance/dpa/A. Dedert)

Saul Friedländer bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 14.10.2007

Für Saul Friedländer ist der Holocaust nicht ein abstraktes Forschungsgebiet. Er gehört zu seiner Lebensgeschichte. Geboren wird er 1932 in Prag. Die Eltern geben ihm den Namen Pavel. Wie bei Franz Kafka, über den er später ein Buch schreibt, wird zu Hause Deutsch gesprochen. Der Vater ist - wie Kafka - studierter Jurist und Angestellter einer Versicherungsgesellschaft.

Kafka, ein Bruder im Geiste

Die jüdischen Eltern sind so assimiliert an die deutsche Bevölkerung in Prag, dass sie den Sohn nicht einmal beschneiden lassen. Doch als die deutsche Wehrmacht 1939 in Prag einrückt, ist ihnen klar: Sie müssen fliehen. Zunächst nach Paris, dann erneut vor den deutschen Truppen nach Südfrankreich. Und als auch dort die Verfolgung von Juden beginnt, lassen sie den Sohn verstecken. Die Umstände, wie die Eltern gefasst werden, recherchiert Saul Friedländer erst Jahrzehnte später, in den 1990er Jahren, als er bereits ein renommierter Historiker ist. Er erfährt: Sie sind mit einer Gruppe von 15 Juden unterwegs in die Schweiz, als Jugendliche aus einer Dorfkneipe kommen und alle verraten.

Lange Zeit kennt er nur seine eigene Erinnerung, die um den Moment kreist, in dem er ins Internat von Montluçon gebracht wird: "Ich hasste die Nonnen, den Katechismus, den sie mir aufzwangen, das schreckliche Essen." Mehrmals versucht er wegzulaufen. Bei Kriegsende glauben die Nonnen, so erinnert er sich in seiner Autobiographie, Paul-Henry, wie sie ihn nennen, sei so vom Katholizismus durchdrungen, dass er einmal Priester werde. Doch sie täuschen sich. Auf dem Lycée Henri IV in Paris entdeckt Friedländer seine jüdischen Wurzeln wieder und schließt sich der zionistischen Jugendgruppe Betar an. Er fälscht seinen Pass, um sich älter zu machen, und gelangt 1948 als gerade einmal 15-jähriger nach Israel.

Buchcover Wohin die Erinnerung führt von Saul Friedländer (C.H.Beck)

Saul Friedländers Autobiographie

Ein Wandler zwischen den Welten

Er will damals "mit Haut und Haaren" Israeli werden, erinnert er sich in seiner Autobiographie. Aus Paul-Henry, dem geborenen Pavel, wird nun Shaul und aus Friedländer zwischenzeitlich Eldar. Für Regierungsangestellte ist die Hebräisierung des Namens damals Pflicht. Und er macht - nach drei Jahren beim Militär - Karriere im jungen Staat Israel. Er verkehrt mit Politikern wie Schimon Peres, Mosche Dajan, später mit Menachem Begin, und er ist bei den Friedensverhandlungen mit dem ägyptischen Präsidenten Anwar Sadat dabei.

Zu seinen Freunden zählen Intellektuelle wie Elie Wiesel und Gershom Scholem. Jahrelang pendelt er zwischen Paris, Jerusalem, Genf, schließlich auch Stockholm und Tel Aviv und schlägt immer mehr eine Universitätskarriere ein. Mehrmals fährt er zu Forschungsaufenthalten nach Deutschland. In dieser Zeit, so analysiert er es Jahrzehnte später, konnte ihn nichts tief berühren, vor allem keine menschlichen Beziehungen. Er ist wie "ein Insekt, dem man die Fühler abgerissen hatte."

Der "Historiker des Holocaust"

Der Mann, der heute häufig als "Historiker des Holocaust" bezeichnet wird, kommt erst durch einen Zufall zu seinem Forschungsgegenstand: Als er in Bonn ein Dokument von Pius XII. entdeckt - jenem Papst, der auch noch schwieg, als die Juden aus Rom abtransportiert wurden. Er erforscht die Verstrickungen zwischen dem Vatikan und Nazi-Deutschland. Was wusste der Papst? Hätte er nicht Millionen Juden retten können? Friedländer veröffentlicht sein erstes bahnbrechendes Buch "Pius XII. und das Dritte Reich" 1964 auf Französisch. Es löst eine Kontroverse aus.

"Ich hatte die Geschichte der Shoah zum Gegenstand meiner Forschung gemacht", schreibt Friedländer in seiner Autobiographie, "aber gerade diese 'unbeteiligte Beschäftigung' mit dem kollektiven Schicksal war wahrscheinlich für mich ein Weg geworden, eine allzu große Nähe zu meinen persönlichen Erinnerungen zu vermeiden."

Deutschland Bundeskanzlerin Angela Merkel im ehemaligen KZ Dachau (picture-alliance/AP Photo/K. Joensson)

Bundeskanzlerin Merkel am 12.01.2012 im Konzentrationslager Dachau

Und doch: Die kühle Analyse des Holocaust mancher Historiker stört ihn. Als sein Freund Raul Hilberg sein Pionierwerk "Die Vernichtung der europäischen Juden" schreibt, hat er das Gefühl, es reiche nicht aus, die Geschichte der deutschen Ermordungsmaschinerie zu erzählen. Eine Geschichte der Shoah, so meint er, müsste mehr liefern. Die Juden dürften nicht nur als Opferzahlen vorkommen. 16 Jahre lang - bis 2006 - arbeitet er an seinem Opus Magnum "Das Dritte Reich und die Juden". Darin schildert er die historischen Ereignisse seit der Machtübernahme Hitlers bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs aus der Perspektive aller Beteiligten.

Er zitiert etliche Quellen wie Briefe und Tagebücher, in denen sich das Unverständnis und die Furcht, die Verzweiflung und die Hoffnungen der in der Falle sitzenden Menschen unmittelbar äußern. Damit gibt er jenen sechs Millionen ermordeten Juden ihre Stimme zurück und unterbricht den normalisierenden Gang des historischen Erzählens. Er will das distanzierte intellektuelle Verstehen, an dem er sich bei Raul Hilberg gestört hatte, erschüttern. Er ist sich seiner eigenen Subjektivität beim Schreiben bewusst, wenn er sagt: "Ich erinnerte mich an die Angst, die kalte und alles durchdringende Angst um mich herum."

Eine "kalte und alles durchdringende Angst"

Bildergalerie Franz Kafka (picture-alliance/dpa)

Saul Friedländer lebt heute in den USA, seine kulturelle Identität nennt er französisch, dazu komme das jüdisch-deutsche Erbe, das sich mit dem israelischen verbinde

Und er wehrt sich zugleich gegen einen Vorwurf, der ihm besonders aus deutschen Historikerkreisen immer wieder entgegenschlägt: Juden könnten keine objektive Geschichte des Holocaust schreiben. Er will sich nicht - wie sein anderer Freund Claude Lanzmann - einzig und allein auf Zeugenaussagen verlassen. Stattdessen versucht er, beides zusammenzubringen: die Stimmen der Opfer und die Analyse der Strukturen, die den Holocaust möglich machten.

Seit nunmehr 30 Jahren lebt Saul Friedländer - aus Shaul und Paul ist seit langem Saul geworden - in den USA, in Los Angeles. Seine kulturelle Identität aber, so schreibt er in seiner Autobiographie "Wohin die Erinnerung führt", sei sein ganzes Leben mehr oder weniger französisch geblieben. Hinzu komme das Prager jüdisch-deutsche Erbe, das sich mit dem israelischen verbinde. Israel, die hebräische Sprache, die Energie und Kreativität, sagt er, fehlten ihm.

Scharfer Kritiker der israelischen Siedlungspolitik

Doch seit den 1980er Jahren zählt er zu den schärfsten Kritikern der israelischen Siedlungspolitik im besetzten Westjordanland. Noch heute sagt er, "die zunehmend nationalistisch-religiös geprägte Gesellschaft" stoße ihn ab.

Wenn man ihn aber frage, so Friedländer, was er für seine zentrale Identität halte, "etwas, das ich zu verleugnen oder aufzugeben nie bereit wäre, würde ich ohne zu zögern antworten: Ich bin Jude, wenn auch Jude ohne religiöse Bindung und ohne Traditionsbezug, aber einer, der unauslöschlich von der Shoah gezeichnet ist. Letztlich bin ich nur dies."

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