Sarin, der heimtückische Killer | Wissen & Umwelt | DW | 11.10.2013
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Wissen & Umwelt

Sarin, der heimtückische Killer

Das Nervengas ist geruchs- und geschmacklos und hochgefährlich. Wer es einmal eingeatmet hat, kann kaum noch etwas dagegen tun. In der Umwelt hält es sich sehr lange und Gegenmittel gibt es kaum.

Drei UN-Inspektoren mit Gasmasken. (Foto: REUTERS/Mohamed Abdullah/Files)

UN-Inspektoren schützen sich mit Gasmasken bei der Arbeit.

Das giftige Nervengas Sarin ist so stark, das eine winzige Menge – weniger als ein Salzkorn - hätte es eine feste Form – genug ist, um einen Menschen zu töten. Es wird in flüssiger Form gelagert und kann nicht nur eingeatmet, sondern auch durch die Haut und die Augen aufgenommen werden.

Es ist außerdem genauso farblos und geruchsneutral wie Wasser. Wenn es in der Luft verdampft ist es unmöglich wahrzunehmen. Deswegen brachen an einem kühlen Augusttag dieses Jahr ahnungslose Zivilisten in einem Vorort von Damaskus zusammen und erstickten, ohne zu wissen, was mit ihnen passiert.

Sarin wirkt hauptsächlich auf das vegetative Nervensystem. Dieses steuert die unbewussten Bewegungen wie Verdauung, Blinzeln oder Atmen. "Das Gift führt dazu, dass Atmen sehr schwierig wird. Das Gehirn sagt den Lungen, dass sie ganz normal atmen sollen, aber diese Botschaft wird unterbrochen und man hört auf zu atmen", sagt der Chemiker Rob Stockman von der Nottingham University.



Und das geht so: Nervenzellen schicken das Signal zum Atmen über chemische Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter, an die Muskelzellen. Danach zerlegen normalerweise Enzyme diese Botenstoffe wieder in ihre Einzelteile.

Pac-Man-Molekül wird gelähmt

Ein Beispiel sind der Neurotransmitter Acetylcholin und das dazugehörige Gegen-Enzym Acetylcholinesterase. Dies bezeichnet Stockman als "Pac-Man-Molekül", weil es den Neutrotransmitter Acetylcholin quasi auffrisst. Und dieses Auffressen ist wichtig, denn die Muskeln hören erst auf, sich zu bewegen, wenn die Neurotransmitter wieder weniger werden.

Nervengase wie Sarin zerstören aber die "Pac-Man-Moleküle." "Und dann hat man eine sehr große Menge von Neurotransmittern in den Synapsen, also wird der Muskel pausenlos erregt." Dann ist der Muskel auch dauerhaft angespannt, etwa im Arm: "Man kann den Arm nicht mehr bewegen, egal welche Botschaft das Gehirn sendet," so Stockman.

"Wenn die Botschaft der Neurotransmitter an das Auge zum Beispiel lautet: 'Du sollst Tränen ausschütten', und Sarin behindert das Pac-Man Molekül, dann wird das Auge endlos tränen," erklärt der Chemiker.

UN-Inspektoren sammeln mit Plastiktüten Bodenproben ein, während Kollegen zusehen. (Foto: REUTERS/Bassam Khabieh/Files)

Nach dem Chemiewaffen-Anschlag sammelten die UN-Inspektoren rund um Damaskus Bodenproben ein



Sarin ist tödlich, wenn diese Dauer-Aktivierung das Zwerchfell betrifft. Das sorgt nämlich dafür, dass die Lungen ein- und ausatmen können. Bei einer Sarinvergiftung schütten die Nervenzellen immer weiter Acetylcholin aus, das den Muskeln eine Atemrichtung vorgibt: Immer nur ein- und nie auszuatmen. Weil dann keine Pac-Man-Moleküle das unterbrechen, erstickt der Mensch.

Es gibt allerdings ein Gegenmittel namens Pralidoxim. Damit kann ein chemischer Angriff überstanden werden - vorrausgesetzt, man war nur sehr wenig Sarin ausgesetzt. Das Gegenmittel trennt Sarin vom Pac-Man Molekül. So wird das Enzym wieder aktiviert und kann seiner normalen Aufgabe, dem Zerlegen von Acetylcholin, nachgehen.

Backpulver und Wasser gegen Sarin

Die meisten Menschen haben aber kein Pralidoxim zur Hand. Dennoch könnten sie etwas tun meint Stockman: Eine Möglichkeit wäre es, durch ein Handtuch zu atmen, das vorher in einer Wasser-Backpulver-Mischung gelegen hat. Die so entstandene alkalische Lösung baut Sarin ab. "Je alkalischer das Wasser, desto besser", so der Chemiker.

Am 20. März 1995 wird ein durch das hochgiftige Nervengas Sarin verletzter Fahrgast medizinisch versorgt.

Am 20. März 1995 wurden in Tokio bei einem Sarin-Anschlag 13 Menschen getötet.

Auch Umweltfaktoren können die Wirkung von Sarin beeinflussen. Ein Grund, dass es soviele Opfer bei dem Angriff nahe Damaskus gab, war auch das für einen August relativ kühle Wetter.

Bei 20 Grad Celsius hält sich Sarin zwei bis 20 Tage in der Luft. Bei 25 Grad nur halb so lange. Bei sehr kaltem Wetter nahe dem Gefrierpunkt, kann sich Sarin bis zu ein Jahr in der Luft halten.

"Wenn es kühler ist, gibt es weniger Bewegung von Luftschichten mit unterschiedlicher Temperatur, und kühlere Luft liegt näher am Erdboden", erklärt Stockman. "Je wärmer es ist, desto schneller reagiert Sarin auf Luftfeuchtigkeit, und desto schneller wird es zersetzt." Das Gift reagiert nämlich dann mit dem Wasser in der Luft.

Niemand weiß, wie das Gas reagiert

"Das Hauptproblem mit Chemiewaffen ist, dass sie so unberechenbar sind. Ihre Wirkung ist vom Wind abhängig und der Einsatz ist komplizierter als der von Sprengstoffen", sagt Martyn Poliakoff, Forschungschemiker an der Universität von Nottingham in Großbritannien. "Man weiß nie genau, wie es laufen wird", so der Forscher Giftgase blieben oft länger in der Umwelt erhalten und können so Menschen noch nach langer Zeit umbringen. "Diese anonyme Art, Menschen zu töten, ist das abstoßende daran", so der Chemiker.

Eine Packung mit Sarin Kanülen. (Photo by Marco Di Lauro/Getty Images)

2004 wurden Kanülen mit Sarin versteckt in einem Haus im Irak gefunden

Möglicherweise ist ihre Unberechenbarkeit auch ein Grund, weshalb Sarin und andere Nervengase bisher eher selten in Kriegen eingesetzt wurden. Sarin wurde in den späten 1930ern von den Nazis entwickelt. Sie benutzten es jedoch nie auf dem Schlachtfeld oder in ihren Vernichtungslagern. Dort mordeten die Täter einem Zyanid-Gas namens Zyklon-B.

In einer wissenschaftlich distanzierten aber nüchternen Weise, spekuliert der Wissenschaftler über den Grund dafür: "Ich glaube, Sarin war teuer und Zyklon B war günstiger für den Völkermord", sagt Poliakoff. "Und weil die Opfer ja Gefangene waren, war die Schnelligkeit des Tötens nicht so entscheidend."

In jüngerer Vergangenheit haben Chemiewaffen vor dem Angriff bei Damaskus zweimal Schlagzeilen gemacht. In Japan hatte eine terroristische Vereinigung 1995 selbsthergestelltes Sarin in der U-Bahn in Tokio versprüht und so dreizehn Menschen umgebracht, fünfzig schwer verletzt und über tausend leicht. Und während des Iran-Irak Krieges 1988 hatte der irakische Diktator Saddam Hussein schätzungsweise 5000 eigene Bürger in der mehrheitlich kurdisch besiedelten Rebellenhochburg Halabja mit Sarin ermordet und bis zu 10.000 verletzt.

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