Salzburger Festspiele: Momente, die Spuren hinterlassen haben | Musik | DW | 31.08.2019
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Festspielsommer

Salzburger Festspiele: Momente, die Spuren hinterlassen haben

"Mythen" hieß das Motto der diesjährigen Salzburger Festspiele. Dabei kamen auch zeitgenössische und brandaktuelle Themen auf die Festspielbühne. Eine kleine Kostprobe der diesjährigen Pressestimmen.

Eine Saison des Kräftesammelns, eine Art Verschnaufpause im Vorjahr des großen Jubiläums – so wurden die diesjährigen Salzburger Festspiele in der deutschen Presse wahrgenommen. Wirklich Herausragendes, wirkliche Superlative dürfe man nächstes Mal erwarten, einhundert Jahre nach der Gründung der Festspiele im Jahr 1920.

Salzburger Festspiele 2019 (SF/Marco Borrelli)

Der Pianist Igor Levit tritt regelmäßig in Salzburg auf

Das wirkt jedoch wie ein Klagen auf hohem Niveau, wurden doch im aktuellen Jahrgang immerhin fünf Opern neu inszeniert. Im Bereich Schauspiel gab es bei 55 Vorstellungen vier Neuinszenierungen. Mit 81 Konzerten war zudem - wie immer - die Crème de la Crème der internationalen Musikszene vertreten. Auch die Resonanz beim Publikum war groß: Über 97 Prozent der verfügbaren Karten wurden verkauft.

"Orpheus": Herrliche Blödelei bei höllischer Fete

Am 31. August gingen die Salzburger Festspiele jetzt zu Ende. Von den insgesamt 199 Veranstaltungen an 43 Festspieltagen war in den Feuilletons am meisten über eine Produktion zu lesen: "Orpheus in der Unterwelt"- ein Stück (im Bild oben), das zum Motto "Mythen" bestens passte und dessen Komponist Jacques Offenbach vor 200 Jahren geboren wurde. "Virtuose Blödelei vom Feinsten, unterirdisch gut!" schrieb der Bayerische Rundfunk über die Neuinszenierung des australischen Regisseurs Barrie Kosky. "Das Haus für Mozart wird gerockt, und der Großteil des Publikums hat höllisch Spaß bei der Sache."

Salzburger Festspiele 2019 (SF/Monika Rittershaus)

"Witzig und wüst, frech und frivol, grell und gay - und all dies im XXXL-Format" schrieb die FAZ über Koskys "Orpheus".

Die erste Operette der Musikgeschichte lag offenbar in guten Händen bei Kosky, der jahrelang an der Komischen Oper in Berlin für eine Renaissance des totgesagten Genres gesorgt hat. Offenbachs Stück ist eine bitterböse Satire über den abgrundtief traurigen Mythos um Orpheus, der sich in die Hölle wagt, um seine verstorbene Euridike zurückzuholen, sie aber dann abermals verliert.

Bei Offenbach sind die Protagonisten dagegen ein gelangweiltes Ehepaar, und die Götter führen sich lächerlich auf. In seiner bunt-schillernden Darbietung veranstaltet Kosky eine wahre Höllenfete, teils mit brillanten Ballett-Einlagen: etwa eine Chorus-Line männlicher Tänzer in Bienenkostümen.

"Idomeneo": Umweltsymbolik gerät daneben

Weniger begeistert war die Presse von Mozarts "Idomeneo" in der Regie von Peter Sellars. In einer Ansprache zu Beginn der Festspiele gab der Amerikaner ein leidenschaftliches Plädoyer für Klimaschutz zum Besten: "Wir werden zeigen, was es heißt, wenn die Flutwelle wirklich auf uns zurollt und eine ganze Stadt auslöscht."

Salzburger Festspiele 2019: Sänger bewegen sich zwischen beleuchteten Kunststoffsäulen (SF/Ruth Walz)

"Nett designter Meeresmüll" in Mozarts "Idomeneo" von Peter Sellars

Die diversen Plastikgestalten im Bühnenbild wirkten jedoch eher flach und dekorativ als erschreckend, so die Meinung der Kritik. Für die Neue Musikzeitung sahen sie wie "nett designter Meeresmüll" aus. "Hätte nicht Teodor Currentzis am Pult gestanden, wäre man schnell zur Tagesordnung übergegangen." Der in Griechenland geborene und in Russland aktive Dirigent sorgt derzeit überall für Furore – in Salzburg ebenfalls mit seiner Interpretation der Siebten Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch.

Domingo und die Berliner in Salzburg

Einem weiteren Dirigenten wurde viel Aufmerksamkeit zuteil: Kirill Petrenko, frischgebackener Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und dort noch nicht zwei Wochen im Amt, gab mit den Berlinern ein Gastspiel in Salzburg - und zwar mit seinem Premierenprogramm, zu dem Beethovens Neunte Sinfonie gehörte. "Chefdirigent Kirill Petrenko gestaltete die Klangmassen transparent, ließ menschliches Maß ahnen, ohne dem Zuhörer die Lust am Überwältigtwerden zu nehmen", schrieb Der Standard.

Placido Domingo auf der Bühne: Salzburger Festspiele 2019 (SF/Marco Borrelli)

Sängerdämmerung? Noch nicht ganz: In Salzburg gab es für Domingo viel Applaus

Auch auf einen weiteren Künstler wurde intensiv geschaut - allerdings wohl weniger aus rein künstlerischen Gründen: Der 78-jährige Opernstar Placido Domingo geriet durch aktuelle Vorwürfe der sexuellen Belästigung in die Schlagzeilen. Die Vorfälle sollen zum Teil bis in die späten Achtziger Jahre zurückreichen. Etliche Auftritte Domingos in den USA wurden kürzlich abgesagt - nicht jedoch in Salzburg. Helga Rabl-Stadler, Präsidentin der Festspiele, stellte sich vor den Sänger und Dirigenten. Domingos Auftritt in der Oper "Luisa Miller" von Giuseppe Verdi wurde vom Publikum stürmisch gefeiert.

Russische Enttäuschungen

Ebenfalls gefeiert wurde die russische Sopranistin Anna Netrebko. Beim Auftritt in Francesco Cileas "Adriana Lecouvreur" hatte sie sich scheinbar so sehr verausgabt, dass sie einen weiteren geplanten Termin in Salzburg - sowie auch ihr geplantes Debüt bei den Bayreuther Festspielen - absagen musste. Dennoch: Selbst das, was verblieb, gehörte zu den Highlights dieses Salzburger Jahrgangs. Der Standard feierte Netrebkos Auftritt als "unvergessliches Erlebnis".

Dafür kam Netrebkos Landsmann weniger gut weg: "Valery Gergiev, der als Maestro überall in den letzten zwölf Monaten vierundzwanzig Opern dirigiert hat, hatte fast durchgehend den Kopf in der Partitur und überließ die auch von der Regie allein gelassenen und/oder an die Rampe postierten Sänger sich selbst", schrieb die FAZ über die Aufführung von Verdis "Simon Boccanegra". Und: "Die Aufführung wirkte, was die Klangkontraste angeht, wie ein routiniertes Vom-Blatt-Lesen." Auch als Dirigent bei den Bayreuther Festspielen war der Stardirigent durchgefallen.

Salzburger Festspiele 2019 (SF/Monika Rittershaus)

Die Aufführung von George Enescus einziger Oper "Oedipe" fiel durch die Kostüme auf, die die Sänger wie Puppen aussehen ließen

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