Von Magdeburg nach Mexiko: Maya-Skulpturen kehren zurück | Kultur | DW | 26.05.2021
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Raubkunst

Von Magdeburg nach Mexiko: Maya-Skulpturen kehren zurück

Ein spektakulärer Fund zeigt: Raubgut liegt nicht nur im Museum. Es findet sich manchmal auch in unseren Kellern. Und die Rückgabe hat Tücken.

Im November 2020 klingelt es in einem Bauernhaus in Klötze, Sachsen-Anhalt. Die Besitzer öffnen die Tür - und sehen sich der Polizei gegenüber. Diese bitten die erstaunten Bewohner, in den Keller gebracht zu werden.

Dort, so die Polizei, sollten seit dem Jahr 2007 zwei Gewehre aus dem Zweiten Weltkrieg liegen. Der vorherige Besitzer des Bauernhauses hatte die Behörden darüber informiert, dass er sie dort in einer Plastiktonne vergraben hätte. Die Gewehre gehörten seinem Großvater.

Video ansehen 42:31

Raubkunst-Rückgabe - Stellt sich Deutschland seiner Kolonialgeschichte?

Die neuen Besitzer wussten nichts davon, und auch die Polizei staunte nicht schlecht, als sie nicht nur zwei Gewehre, sondern einen unvermuteten archäologischen Schatz aus dem Keller des Bauernhauses bargen: Insgesamt 13 Objekte der Maya-Kultur kamen bei dem Einsatz zum Vorschein, bis zu 1500 Jahre alt.

So nah kann Raubkunst sein.

Die Kolonialzeit ist in Süd- und Lateinamerika schon länger vorüber als in anderen Weltregionen. Sie folgte auf die spanischen und portugiesischen Eroberer im 15. Jahrhundert und spielte sich vor allen Dingen im 16. und 17. Jahrhundert ab. Die Strukturen aus der Kolonialzeit wirken aber auch in diesem Erdteil bis heute nach. "Solche Funde sind langfristige Folgen des europäischen Kolonialismus in Südamerika im 15., 16. und 17. Jahrhundert", so Nikolai Grube, Professor für Altamerikanistik an der Universität Bonn.

Raubgut schlummert nicht nur in Archiven und Museen

Nach Kunstschätzen der antiken Maya und Teotihuacán-Kultur hätten Archäologen in Sachsen-Anhalt sicher zuletzt gegraben. Solche Schätze geraten nicht zufällig in den Keller eines Bauernhauses im Dorf Klötze. Nikolai Grube von der Universität Bonn bestätigte die Echtheit des Funds, nur ein Stück stellte sich als Fälschung heraus. Die Schätze stammen aus Raubgrabungen in Mexiko und Guatemala und wurden vom Besitzer vermutlich auf einem Schwarzmarkt in Südamerika erworben. Dem Gutachter zufolge hätten sie bei Verkauf eine sechsstellige Summe eingebracht.

Mehrere Fundstücke sind auf einem Foto abgebildet, unter ihnen zwei Statuen, eine Schüssel, ein Becher, ein tönerner Kopf und einige Scherben

Diese Artefakte stammen von den indigenen Völkern Mexikos und Guatemalas. Sie sind bis zu 1500 Jahre alt

Der 66-jährige Vorbesitzer des Bauernhauses, der seit vielen Jahren in Frankreich lebt und sich bei der Polizei in Salzwedel selbst anzeigte, kann dafür nicht belangt werden. Das Kulturgutschutzgesetz existierte zur Tatzeit noch nicht - es löste erst 2016 das bis dahin bestehende Gesetz zum Schutz deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung, das Kulturgutrückgabegesetz und das Gesetz zur Ausführung der Haager Konvention von 1957 ab.

Raubkunst kann sich überall finden

In der deutschen Presse wurde der Fall als "ungewöhnlicher Kriminalfall" betitelt, lief in der Kategorie "Panorama". Dabei zeigt der Fund vor allen Dingen eines: Raubgut steht nicht nur im Museum - auch in Kellern und auf Dachböden lässt es sich finden, auf dem Land und in der Stadt. Die Themen von Raubkunst und Rückgabe, Kolonialismus und Verantwortung, betreffen nicht nur Archäologen und Feuilletonisten. Sie betreffen uns alle.

Diese Erkenntnis sei noch nicht genügend in der Gesellschaft angekommen, so Florian Helfer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität Bonn. Der Kolonialismus werde gerade im Schulunterricht auf die Rolle reduziert, die er für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges gespielt habe. "Die Thematisierung des Kolonialismus in der Schule dient dazu, den ersten Weltkrieg erklären zu können. Damit spielt die Ausgestaltung des Kolonialismus vor Ort so gut wie keine Rolle mehr", erklärt er im Interview mit der DW.

Eine Maya-Skulptur zeigt einen Menschen, der auf dem Boden kniet und die Hand ausstreckt

Diese Skulptur aus der mexikanischen Teotihuacan-Kultur verbrachte fast 15 Jahre in einem deutschen Plastikfass

Immer mehr Rückgabeforderungen

Immerhin: Derzeit rückt die Frage, wie mit Raubkunst umgegangen werden muss, in Deutschland vermehrt in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen und öffentlichen Interesses. Und damit häufen sich auch die Rückgabeforderungen. Unlängst untersuchte der Historiker Götz Aly den Fall eines Prachtbootes im Humboldt Forum, das aus der Südsee geraubt wurde. Dem Deutschlandfunk sagte er, dass es in einem ersten Schritt wichtig sei, die wahre Geschichte dieser Kulturschätze im Museum direkt in der Ausstellung zu erzählen: "Zeigen, dass man gewillt ist aufzuklären", so Götz Aly, "Klarheit schaffen, sich auch selbst befreien. Im Moment versucht man noch, sich herauszureden, indem man mal den einen oder anderen afrikanischen oder Maori-Wissenschaftler aus Australien einlädt und mit ihm kooperiert."

Die Skulpturen kehren heim - oder?

Im Falle der Maya-Skulpturen, die in Sachsen-Anhalt gefunden wurden, stellt sich diese Frage nicht. Noch liegen die Kunstgüter aus der Maya- und Teotihuacán-Kultur im Tresor der Magdeburger Staatskanzlei. Aber sie sollen schon bald wieder nach Hause zurückkehren. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff wird sie am Rande einer Bundesrats-Sitzung am 28. Mai 2021 an die Botschafter aus Mexiko und Guatemala übergeben.

Im heutigen Guatemala zählen noch etwa 40 Prozent der Einwohner zu den Maya. Im Norden des Landes liegt mit der Ruinenstadt Tikal eines der einstigen Machtzentren der Maya-Hochkultur. Nahe der Hauptstadt Mexikos liegt außerdem die riesige Ruinenstadt Teotihuacán - das Zentrum einer Kultur, die im ersten nachchristlichen Jahrtausend Mittelamerika dominierte.

Ein Becher aus Ton, der mit komplizierten Mustern verziert ist, steht vor einem weinroten Hintergrund.

Ein vielleicht 1500 Jahre altes Tongefäß aus der klassischen Ära der Maya-Kultur

Was nach einem einfachen Fall von gelungener Rückgabe klingt, gestaltet sich aber komplizierter: Nikolai Grube, Professor für Altamerikastudien der Universität Bonn, bezweifelt im Telefoninterview mit der DW, ob die legitimen Erben dieser Kunststücke die Museen und Kulturinstitutionen Lateinamerikas sind. "Die legitimen Erben sind die indigenen Völker Lateinamerikas. Ihre Vorfahren haben diese Kulturgüter geschaffen. Ihnen wird aber heutzutage noch nicht einmal gestattet, ihre Sprache zu sprechen; in der Schule kommt diese nicht vor, ihre Kultur ist kein Teil des nationalen Lebens. Es regiert eine regelrechte Art Apartheid. Entweder leben Mitglieder der indigenen Bevölkerung in Armut auf dem Land oder in den Favelas der Großstädte. Die Kulturinstitutionen agieren ohne ihre Partizipation."

Aufgrund großer Armut plünderten und verkauften manche indigenen Völker Objekte aus ihren Kulturstätten sogar selbst, weil ihnen keine andere Möglichkeit bleibe, an Geld zu kommen, so Grube. Über diesen "Binnenkolonialismus" in Lateinamerika werde noch zu wenig gesprochen. "Die Debatte über afrikanische Raubkunst ist in vollem Gang, das ist auch richtig so und hätte viel früher passieren müssen, zumal die Schuld durch die deutschen Kolonien besonders groß ist. Und das bräuchte man jetzt auch für Südamerika", fordert Grube. "An all diesen Objekten klebt ebenfalls Blut - es ist nur älter."

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