″Sabaya″: Film über Rettung von IS-Zwangsprostituierten | Filme | DW | 20.09.2021
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Dokumentation

"Sabaya": Film über Rettung von IS-Zwangsprostituierten

Tausende Jesidinnen befinden sich in den Fängen der Terrormiliz "Islamischer Staat". Filmemacher Hogir Hiroris dokumentiert ihre schwierige Rettung.

Filmstill von Sabaya zeigt drei vollverschleierte Frauen

"Sabaya" eröffnete das Human Rights Film Festival in Berlin

Der Film beginnt mit einer Radionachricht: Sie verkündet die Niederlage der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien. Mahmud und Ziyad, Freiwillige des Yazidi Home Center, nehmen sie kaum zur Kenntnis. Sie sind gerade mit dem Auto auf dem Weg zum berüchtigten Internierungslager Al-Hol in Syrien, wo an die 73.000 Menschen aus 58 Ländern - die meisten von ihnen mutmaßliche Unterstützer und Familien von IS-Kämpfern - in einem Zeltlager leben. Darunter befinden sich auch jesidische Mädchen und Frauen, die vom sogenannten "Islamischen Staat" verschleppt wurden, um als Zwangsprostituierte, als "Sabaya", zu dienen. Die Entführungen fanden bereits 2014 statt, als der IS die Provinz Sindschar im Irak eroberte. Mit dem Massaker an den Jesiden in der Region begann der Völkermord an der alten religiösen Minderheit.

Video ansehen 42:30

Jiyan - Die vergessenen Opfer des IS

Horari brachte sich beim Dreh in Lebensgefahr

Mahmud, Ziyad und das kleine Team des Yazidi Home Center tun alles dafür, um diese Jesidinnen aufzuspüren und sie in Sicherheit zu bringen. Filmemacher Hogir Hirori schloss sich ihnen an, um ihre gefährlichen Rettungsmissionen mit der Kamera zu dokumentieren.

Als ihre kleine Expeditionsgruppe nach einer Verfolgungsjagd in eine Schießerei auf einer holprigen Straße gerät, filmt Hirori jede Sekunde des Geschehens. Eine sehr riskante Situation. "Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich das überlebe", sagte der Filmemacher der DW bei der Deutschlandpremiere seines Films in Berlin mit Hilfe eines Dolmetschers.

"Sabaya" eröffnete das

Human Rights Film Festival Berlin, das vom 16. bis 25. September 2021 als Hybrid aus Online- und Vor-Ort-Veranstaltungen stattfindet. Obwohl das Berliner Festival das erste ist, das der Regisseur aufgrund der Corona-Pandemie persönlich besuchen kann, wurde "Sabaya" bereits auf 30 internationalen Festivals gezeigt und gewann unter anderem den World Documentary Directing Award 2021 des Sundance-Filmfestival in den USA.

Seltener Blick ins Innere von Al-Hol

Regisseur Hirori wurde 1980 in Kurdistan geboren, nicht weit von Sindschar entfernt. Seit 1999 lebt er in Schweden. "Sabaya" ist der dritte Teil einer Trilogie über die Auswirkungen des Krieges in der Region, nach "The Girl Who Saved My Life" (2014) und "The Deminer" (2017).

Durch seinen immersiven Filmstil bietet Hirori einen seltenen Einblick in das Leben im Lager Al-Hol. Auch wenn viele der Gefangenen inzwischen umgesiedelt wurden, hausen noch immer mehr als 60.000 Flüchtlinge in überfüllten Zelten. Kontrolliert wird Al-Hol von den Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), einem kurdisch geführten Militärbündnis, das als Partner der USA im Krieg gegen den IS in Syrien tätig ist.

Um das Vertrauen des Aktivisten-Teams des Yazidi Home Center und der Menschen, die es rettet, zu gewinnen, verbrachte der Dokumentarfilmer viel Zeit mit ihnen: "Als sie den Filmarbeiten zustimmten, dachten sie, dass ich ein oder zwei Tage oder vielleicht eine Woche bei ihnen bleibe, aber ich begleitete sie anderthalb Jahre lang", sagt Hirori.

Eine vollverschleierte Frau steht in einem Zeltlager mit einem Baby auf dem Arm. Szene aus Sabaya.

Frauen, die bei Vergewaltigungen durch IS-Kämpfer schwanger geworden sind, können nicht in ihre Gemeinschaften zurück

Erschütternd sind insbesondere die Interviews, die Hirori mit den Mädchen nach ihrer Rettung aus Al-Hol gefilmt hat. Manche von ihnen waren zum Zeitpunkt ihrer Entführung erst zwölf Jahre alt. Sie haben Unbeschreibliches durchgemacht und miterlebt - sogar die Ermordung ihrer gesamten Familie. Im Gedächtnis bleibt der Bericht einer Überlebenden. Sie erzählt, dass sie an 15 verschiedene Männer verkauft worden sei. Diese haben sie derart verprügelt, dass sie ein Loch im Kopf hatte und ihre Zähne verlor. Ein anderes gerettetes jesidisches Kind wurde als einjähriges Baby entführt.

Mütter werden von ihren Kindern getrennt

Porträtfoto von Hogir Hirori.

Filmemacher Hogir Hirori

Bevor die geretteten Frauen und Kinder in ihre Heimat nach Sindschar zurückkehren, bringt Mahmud sie vorübergehend in seiner Familie unter. Seine Mutter kocht Essen für sie, sein kleiner Sohn spielt mit ihnen. Diese Zuflucht bereitet ihnen erstmals ein Gefühl von Geborgenheit nach all den schrecklichen Lagerjahren. Doch den Überlebenden machen nicht nur die Traumata ihrer Vergangenheit zu schaffen. Sie fürchten auch um ihre Zukunft. Viele sind nach der Ermordung ihrer Familienmitglieder auf sich allein gestellt und fürchten nun, als ehemalige "Sabaya" stigmatisiert zu werden.

Besonders schlimm trifft es Frauen, die bei Vergewaltigungen durch IS-Männer schwanger geworden sind. Ihnen ist es untersagt, in ihre Gemeinschaft zurückkehren; der Oberste Jesidische Geistliche Rat hat entschieden, dass sie keine Kinder akzeptieren, die durch Vergewaltigung auf die Welt gekommen sind.

Diese Kinder seien nach irakischem Recht als Muslime geboren worden und müssen daher auch als Muslime erzogen werden, so Hirori. Die einzig Chance auf ein besseres Leben für die jesidischen Mütter und ihre Kinder bestünde darin, in ein anderes Land zu ziehen.

Ehemalige Zwangsprostituierte kehren in das Lager zurück

Die Arbeit der Freiwilligen des Yazidi Home Center gleicht einem Akt größter Selbstlosigkeit. Ehemalige Zwangsprostituierte erklären sich sogar dazu bereit, in das Al-Hol-Lager zurückzukehren, denn nur so ist es möglich, inmitten der zahlreichen gefangenen IS-Frauen, jesidische Gefangene aufzuspüren. Diese sind unter ihrem Niqab nur schwer zu identifizieren. Bis auf einen Schlitz für die Augen ist ihr Gesicht vollständig verhüllt.

Fotos von Frauen hängen an einer Wand. Eine Hand deutet auf eines. Szene aus Sabaya.

Die Aktivisten leisten eine gefährliche und schier übermenschliche Arbeit

Im Film sieht man, wie Mahmud und Ziyad in ständigem Kontakt mit diesen mutigen Frauen stehen. Und das trotz miserabler Internetverbindung. Unzählige Tage und Nächte verbringen sie damit, die nächste Rettungsaktion vorzubereiten, indem sie die Fotos gefangener Jesidinnen vergleichen.

Dem Yazidi Home Center gelang es, 206 Menschen zu retten. Von den geschätzten 7000 jesidischen Mädchen und Frauen, die seit 2014 vom IS verschleppt und versklavt wurden, werden Schätzungen zufolge noch etwa 2000 bis 2800 vermisst.

Seit Ende der Dreharbeiten musste Ziyad, der Leiter des Yazidi Home Center, wegen der zunehmenden IS-Angriffe aus Syrien fliehen. Trotzdem arbeitet er weiter daran, jesidische Mütter mit ihren Kindern aus dem Ausland wieder zusammenzubringen. Auch Mahmuds Haus ist inzwischen nicht mehr sicher vor Angriffen. Deswegen kann es den Mädchen nicht mehr als Zwischenunterkunft dienen.

"Sabaya" ist ein Appell, diesen Menschen zu helfen

Filmstill aus der Dokumentation Sabaya mit vielen verschleierten Frauen im Hintergrund

Einer der mutigen Protagonisten des Films auf Rettungsmission in Al-Hal

Hirori riskierte während der Dreharbeiten sein Leben. Mit seinem Film will er die Welt aufrütteln. "Ich wollte diesen Dokumentarfilm machen, damit niemand sagen kann, ich hätte nichts davon gewusst oder nie davon gehört", sagte er auf dem Filmfestival in Berlin. Er hofft, dass sich größere staatliche Stellen engagieren werden, um diese Frauen zu retten, die von der internationalen Gemeinschaft inmitten anderer Krisen weitgehend vergessen wurden. Sein berührender Film ist ein Kampf für mehr Unterstützung: "Wenn einzelne Aktivisten, die nur mit einem Mobiltelefon mit schlechter Verbindung ausgestattet sind, so viel erreichen können, dann kann eine große Organisation noch viel mehr tun." 

Der Artikel wurde von Sabine Oelze aus dem Englischen übersetzt.