Südspanien: Europas Einfallstor für Drogen | Kommentare | DW | 21.11.2019
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Kolumne "gegen den Strom"

Südspanien: Europas Einfallstor für Drogen

Die europäischen Seehäfen in Spanien, den Niederlanden und Deutschland sind bei Drogenhändlern die bevorzugten Ziele für die Einfuhr von Kokain, Haschisch und Methamphetaminen, so Anabel Hernández.

Spanien - 3500 Kilogramm Kokain in Spanien beschlagnahmt

Beschlagnahmung von Kokain in Spanien.

Der illegale Drogenhandel nimmt weltweit zu, ebenso wie die Zahl organisierter krimineller Banden, die Drogen produzieren, handeln und verkaufen. Die Nachfrage wird immer unersättlicher, ebenso wie das Verlangen dieser kriminellen Gruppen, neue Märkte zu erobern.

Die düstere Lage in Mexiko scheint den meisten Ländern Europas mit seinen solideren demokratischen Institutionen sehr fern zu sein. Doch in Wahrheit hat der Krebs der organisierten Kriminalität und der illegalen Drogen schon die wichtigsten europäischen Seehäfen befallen. Die meisten europäischen Nationen sind weder polizeilich noch gesetzlich darauf vorbereitet, dieses Problems Herr zu werden. Sollte sich das nicht ändern, könnte dies zur Zerstörung ganzer Staaten führen, so, wie es schon mit Mexiko geschehen ist.

Dies ist der erste von drei Texten, in denen ich auf die Probleme und Schwachstellen eingehen möchte, die in Häfen in Spanien, der Niederlande und Deutschlands bestehen, wo die größten Mengen an Kokain, Haschisch und chemischen Stoffen zur Herstellung von Methamphetaminen auf dem Weg nach Europa ankommen.

Das Institut für öffentliche Sicherheit in Katalonien (ISPC), ein Forschungszentrum der Universität von Barcelona, lud mich ein, über die Situation in Mexiko, speziell über die Korruption und die Macht der Drogenkartelle, zu sprechen. Im Austausch mit den dort versammelten Experten erfuhr ich aus erster Hand von den komplexen Problemen in Spanien und den Niederlanden im Umgang mit dieser Bedrohung.

Der Kampf des "galizischen Baltasar Garzón"

Richter Antonio Vázquez Taín wird von vielen als "galizischer Baltasar Garzón" bezeichnet, in Anlehnung an den furchtlosen Madrider Ermittlungsrichter, der als einer der bekanntesten Juristen Europas gilt. In den 1990er-Jahren begann der galizische Richter seinen Kampf gegen kriminelle Organisationen und den Drogenhandel im Landkreis Campo de Gibraltar, dem südlichsten Teil Spaniens. Er sah sich nicht nur mit kriminellen Banden konfrontiert, sondern auch mit einer in der Gesellschaft verwurzelten Kultur der Illegalität, die bis in die staatlichen Institutionen reichte.

Erst als die organisierte Kriminalität ein "unhaltbares Ausmaß der Gewalt" erreichte, reagierten die Behörden überhaupt, sagt Vázquez Taín.

DW Kolumne Anabel Hernández

DW-Kolumnistin Anabel Hernández

Im Landkreis Campo de Gibraltar in Andalusien sind vier der sieben Gemeinden von Aktivitäten der Drogenmafia betroffen: Algeciras, Los Barrios, La Línea de Concepción, und San Roque. Der spanische Richter erklärt, dass das Gebiet zwar reich an natürlichen und kulturellen Ressourcen ist, dass aber eine Reihe von wirtschaftlichen, sozialen und geografischen Faktoren es ermöglicht haben, dass die Macht des Drogenhandels in diesem Gebiet Fuß fassen konnte.

Einer der Gründe sind die weniger als 20 Kilometer Entfernung zum Königreich Marokko - dem weltweit führenden Exporteur von Haschisch. Obwohl der Cannabis-Anbau dort verboten werden soll, wird er toleriert, da Tausende von Familien von der Produktion dieser Droge leben.

"Spanien belegt bei den Beschlagnahmungen von Haschisch den ersten Platz in der Welt. Hier konfiszieren wir fast 50 Prozent der Gesamtmenge der Droge, die auf der ganzen Welt sichergestellt wird. Bis heute ist Campo de Gibraltar das Haupteinfallstor dieser Droge auf den europäischen Kontinent", sagt Richter Vázquez Taín.

Geld waschen in Gibraltar

Ein weiterer Grund ist, dass im spanischen Landkreis Campo de Gibraltar einer der wichtigsten Handelshäfen Europas liegt, gemessen an der Menge der umgeschlagenen Güter: der Hafen von Algeciras.

"Algeciras ist vor allem ein Transithafen. Eine Vielzahl von Reedereien nutzen diesen Hafen, um Container zu entladen, die wiederum auf andere Schiffe verladen werden, die um die Welt reisen. Viele der Schiffe, die einen Stopp in Algeciras einlegen, kommen aus Ländern, in denen Kokain produziert wird. Aus diesem Grund gewinnt Kokain, neben Haschisch, eine immer wichtigere Rolle in Campo de Gibraltar", so Vázquez Taín.

Algeciras (DW)

Der Hafen von Algeciras in Südspanien

Laut dem jüngsten Bericht von Europol, den der Richter zitiert, "sind die Häfen von Algeciras, zusammen mit den Häfen von Valencia, Barcelona (beide Spanien), Rotterdam (Niederlande) und Antwerpen (Belgien) die wichtigsten Anlandepunkte für Kokain in Europa". Die Verbindung zwischen dem Hafen von Rotterdam und Deutschland über den Rhein erkläre auch den wachsenden Kokainhandel in Deutschland.

Ein dritter Faktor, so Vázquez Taín, sei die Kriminalität in der Gemeinde Línea de la Concepción mit ihrer hohen Arbeitslosenquote und der unmittelbaren Nähe zur britischen Enklave Gibraltar.

Gibraltar sei eine wichtige Basis für Geldwäsche und kriminelle Aktivitäten, so der Richter. "Die Enklave bietet eine sehr günstige Steuergesetzgebung, die die Gründung von Offshore-Gesellschaften begünstigt sowie große Steuervorteile gewährt", sagt Vázquez Taín. Obwohl Gibraltar weder von der OECD noch der Europäischen Union als Steuerparadies eingestuft wird, sei die Zusammenarbeit der Behörden auf dem Gebiet der Geldwäsche und Bekämpfung der organisierten Kriminalität überschaubar.

Algeciras nur der Anfang?

"Die lokalen Drogenhändler leben in luxuriösen Residenzen, besitzen Lagerhäuser und Docks. In diese Privatgelände kommen die Behörden nicht so einfach rein", so der spanische Richter. Die von ihm beschriebene Realität ähnelt frappierend der mexikanischen Wirklichkeit.

Die Schnellboote, die Haschisch aus Marokko sogar tagsüber vor den Augen der Bevölkerung auf das spanische Festland bringen, fördern ein gefährliches Klima der Straflosigkeit. Die Faszination und die Mythen der illegalen Welt sprechen viele Jugendliche an, die sich ein Porträt des kolumbianischen Drogenhändlers Pablo Escobar oder ein Schnellboot auf die Haut tätowieren lassen.

Kokainfund in Spanien (picture-alliance/Europa Press)

Der größte Kokainfund in Spanien seit eineinhalb Jahrzehnten - natürlich in Algeciras

Die kriminellen Organisationen, die in Campo de Gibraltar aktiv sind, hätten eine flexible Vorgehensweise, so der spanische Richter. "Es sind keine hierarchisch festen Strukturen - ganz anders als bei den terroristischen Kommandos der 1980er-Jahre".

Die beschriebene Diagnose deckt sich mit der Arbeitsweise des mexikanischen Sinaloa-Kartells. Die Flexibilität bei der Zusammensetzung einzelner "Arbeitsgruppen" und die Unvorhersehbarkeit ihrer Operationen ist zu einem der wichtigsten Erfolgsrezepte dieser Organisationen geworden.

2018 erreichten die Gewalt und der Kampf gegen die Drogenmafia in Spanien einen Höhepunkt. In jenem Jahr stürmte ein Kommando von 20 bewaffneten Personen ein Krankenhaus, um einen verletzten Drogenhändler zu befreien. Dieser Vorfall zusammen mit dem Tod eines jungen Mannes, der von einem Schnellboot auf See überfahren wurde, kennzeichnen das vorläufige Ende der Gewaltspirale.

Viele Beobachter sprechen von einer "Mexikanisierung" der Region, doch im April 2018 gelang der Polizei ein spektakulärer Erfolg. In einem Container, der aus Kolumbien im Hafen von Algeciras angekommen war und Bananen geladen hatte, konnten die spanischen Beamten 8,7 Tonnen Kokain sicherstellen. Es war die bis dahin größte in Europa sichergestellte Drogenmenge.

Der Kampf der spanischen Behörden in Campo de Gibraltar ist nicht nur für Spanien, sondern auch für die Zukunft Europas von größter Bedeutung.

 

Die Journalistin und Buchautorin Anabel Hernández berichtet seit vielen Jahren über Drogenkartelle und Korruption in Mexiko. Nach massiven Morddrohungen musste sie Mexiko verlassen und lebt seitdem in Europa. Für ihren Einsatz erhielt sie beim Global Media Forum der Deutschen Welle in Bonn den DW Freedom of Speech Award 2019.

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