Südosteuropa-Gesellschaft stellt sich der Vergangenheit | Europa | DW | 02.01.2014
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Europa

Südosteuropa-Gesellschaft stellt sich der Vergangenheit

Fast 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitet die Südosteuropa-Gesellschaft (SOG) ihre Vergangenheit auf. Glühende Nationalsozialisten hatten in der jungen Bundesrepublik Karriere in der SOG gemacht.

Porträt des ehemaligen CDU-Politikers Rudolf Vogel (Foto: dpa)

Der ehemalige CDU-Politiker Rudolf Vogel hatte in der Nazi-Zeit Propaganda betrieben

Der Journalist Andreas Ernst brachte die Sache ins Rollen. Er berichtet für die Neue Zürcher Zeitung aus Belgrad. Im Februar vergangenen Jahres sollte er mit der "Rudolf-Vogel-Medaille" der Südosteuropa-Gesellschaft (SOG) ausgezeichnet werden. Ernst lehnte wenige Tage vor der Preisverleihung ab - und protestierte damit gegen den Namensgeber der Medaille: Rudolf Vogel hatte während der Zeit des Nationalsozialismus antisemitische Propaganda verfasst und ist selbst Mitglied der SS gewesen.

In letzter Minute benannte das Präsidium der SOG den Preis um in "Journalistenpreis der Südosteuropa-Gesellschaft"; Andreas Ernst nahm ihn dann auch an. Bei dieser Gelegenheit einigte man sich, eine Entscheidung, die schon 2012 anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der SOG beschlossen worden war, schneller umzusetzen: sich mit der Geschichte der Gesellschaft zu beschäftigen. Ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung war nun eine zweitägige Konferenz in München - nicht nur zur Gründungsgeschichte, sondern auch zur Vorgeschichte der SOG. Die Südosteuropa-Gesellschaft, die vom Auswärtigen Amt finanziert wird, soll die wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu den Staaten Südosteuropas fördern. Sie veranstaltet unter anderem Konferenzen und vergibt Stipendien.

1945 war keine Stunde Null

Michael Martens Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Istanbul (Foto: DW/Kouparanis)

Martens war Gewinner der Vogel-Medaille der Südosteuropa-Gesellschaft

Rudolf Vogel war nach dem Zweiten Weltkrieg Bundestagsabgeordneter, Staatssekretär, Botschafter bei der OECD in Paris und jahrzehntelang Präsident beziehungsweise Vizepräsident der Südosteuropa-Gesellschaft. Obwohl dem CDU-Politiker seit den 1950er Jahren wiederholt propagandistische Aktivitäten im nationalsozialistischen Deutschland vorgeworfen wurden - in Publikationen wie dem Spiegel und der Süddeutschen Zeitung - wird Vogel in einer Festschrift der SOG von 1986 als "Nazigegner" und "ausgewiesener Antifaschist" gewürdigt. 1991 wird sogar der Journalistenpreis der SOG nach ihm benannt. Michael Martens, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Istanbul und selbst Träger der Vogel-Medaille, erklärt den Umstand, dass sich Vogel keiner Diskussion über seine Vergangenheit stellen musste, mit dem "personellen Umfeld", das bis weit in die 1980er Jahre hinein die SOG dominierte: Es seien Personen gewesen, die zwar einen "hohen wissenschaftlichen Ruf" hatten, die aber während der NS-Zeit "eine entscheidende und damit notwendigerweise oft unheilvolle Rolle in der Südosteuropa-Forschung gespielt haben."

Während der Nazi-Diktatur verstanden zentrale Figuren der Südosteuropa-Forschung wie Fritz Valjavec oder Franz Ronneburger als Mitglieder der NSDAP und der SS ihre Tätigkeit als "kämpfende Wissenschaft" im Dienste des Nationalsozialismus, so der Historiker Gerhard Seewann, der an der Universität Pécs in Ungarn lehrt. Es ging ihnen unter anderem darum, die deutsche Expansion nach Südosteuropa pseudo-wissenschaftlich zu untermauern oder auch "Gegnerforschung" zu betreiben: Zu diesem Zweck wurden Daten von Gruppen und Personen erhoben, die eine Gefahr für das nationalsozialistische Deutschland darstellten.

Schwierigkeiten mit der Vergangenheitsbewältigung

Später, während des Kalten Krieges, wurden dann Experten gebraucht, die Land und Leute hinter dem Eisernen Vorhang kannten. In den mit staatlichen Geldern gegründeten Instituten und Organisationen, die sich seit Anfang der 1950er Jahre mit Südosteuropa beschäftigten, traf man bekannte Gesichter aus der Zeit vor 1945 wieder. Nicht nur deshalb könne nicht von einem Bruch und einem Neuanfang in der Südosteuropa-Forschung nach Kriegsende die Rede sein, betont Mathias Beer, Geschäftsführer des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen.

Porträt des Historikers Gerhard Seewann von der Universität Pécs in Ungarn (Foto: DW/Kouparanis)

Sewann: Institutsleiter ließ vor 1945 verfasste Arbeiten in der Schublade verschwinden

Überdies gebe es auch eine inhaltliche Kontinuität. Vor 1945 verfasste wissenschaftliche Beiträge seien in den Jahren danach publiziert worden. Mathias Bernath, der die Leitung des Münchner Südost-Instituts nach dem Tod von Valjavec 1960 übernommen hatte, habe sich stillschweigend solcher Arbeiten entledigt, indem er sie für immer in der Schublade verschwinden ließ: Das sei die Art von Vergangenheitsbewältigung gewesen, die in jener Zeit möglich war, glaubt sein damaliger Mitarbeiter Gerhard Seewann.

Doch gerade diesem politisch vorbelasteten Personenkreis sei es maßgeblich zu verdanken, dass sich nach 1945 in der Bundesrepublik Deutschland die Südosteuropa-Forschung etablieren konnte, wurde auf der Tagung in München betont. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden das Südost-Institut, das Südostdeutsche Kulturwerk, die Südosteuropa-Gesellschaft und die Südostdeutsche Historische Kommission gegründet. Diese Organisationen ermöglichten in den Zeiten des Kalten Krieges den Kontakt mit Wissenschaftlern aus Südosteuropa, betont der langjährige Präsident der Südosteuropa-Gesellschaft, Walter Althammer.

Wie geht es weiter?

Nicht nur Vogel oder Valjavec haben eine widersprüchliche Biografie - das betrifft eine ganze Wissenschaftlergeneration. Historiker wie Werner Conze und Theodor Schieder oder der Politologe Theodor Eschenburg hatten sich in den Dienst der NS-Ideologie gestellt. Ihre durchaus kritischen Schüler unterließen es jahrzehntelang, sich mit der Vergangenheit ihrer Lehrer zu beschäftigen. Dazu sei ihre persönliche Loyalität zu stark gewesen, so die These von Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München.

Eine Historikerkommission, die das Präsidium der Südosteuropa-Gesellschaft eingesetzt hat, soll nun bis Februar konkrete Vorschläge für die Zukunft ausarbeiten: Dazu gehören Fragen der Finanzierung von Forschungsarbeit und der Zusammenarbeit mit Hochschulen und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen. Professor Ulf Brunnbauer, Leiter des Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung an der Universität Regensburg, kündigt an, dass die Kommission auch Fragestellungen erarbeiten werde, die das ideologische Denkmuster der Akteure der Südosteuropaforschung unmittelbar nach Kriegsende und deren Wirken betreffen, aber auch, worin genau die Mittlertätigkeit der Südosteuropa-Gesellschaft zwischen Deutschland und dem Balkan während des Kalten Krieges, zur Zeit der Entspannungspolitik, bestand. Als was sahen die südosteuropäischen Regimes die Südosteuropa-Gesellschaft? Nahmen sie Einfluss auf ihre Arbeit? Gab es Geheimdienstarbeit im Dunstkreis der SOG - und wenn ja, wie sah diese aus? Die Antworten werden mit großer Spannung erwartet.

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