RUSADA-Vizechefin Pachnozkaja: ″Daten wurden gelöscht″ | Sport | DW | 25.10.2019
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Doping

RUSADA-Vizechefin Pachnozkaja: "Daten wurden gelöscht"

Die Welt-Anti-Dopingagentur WADA untersucht die Manipulation von Dopingdaten aus Russland. Margarita Pachnozkaja, Vizechefin der russischen Anti-Doping-Agentur, versichert der DW, die RUSADA habe damit nichts zu tun.

DW: Oft hört man hier in Russland, das Land werde zu Unrecht für Doping bestraft. Die anderen täten es ja auch. Finden Sie das unfair?

Margarita Pachnozkaja: Ja, ich finde das unfair. Wenn es um sportliche Höchstleistungen geht, um Titel, Medaillen, hohe Preise und Sponsorenverträge, gibt es immer das Risiko, dass jemand all das illegal verdienen will. Das Problem wird in jedem Land anders gelöst. Mal besser, mal schlechter. Manche sind da effektiv.

Und wie effektiv ist Russland?

In den letzten drei Jahren deutlich effektiver. Wenn es die Krise nicht gegeben hätte, gäbe es einen solchen Effekt nicht.

Russland wird verdächtigt, Daten des Moskauer Anti-Doping-Labors manipuliert zu haben, die 2019 an die WADA geschickt wurden. Da ist sich die WADA sicher. Wie konnte das passieren?

Eine sehr gute Frage. Ich würde das auch gern wissen. Der forensische WADA-Bericht ist geheim. Darum kann ich nur Daten und Begriffe benutzen, die öffentlich zugänglich sind. Vor einem Jahr, als es um die Rehabilitierung der RUSADA ging, hat unser Sportminister garantiert, eine authentische Datenbank zur Verfügung zu stellen. Ohne wesentliche Veränderungen. Jetzt wirft die WADA genau das vor: Die Datenbank wurde wesentlich verändert.

Sie sagen wesentlich. Können Sie sagen, wie viele Athleten gedopt haben und jetzt dank dieser Manipulationen nicht mehr erwischt werden können?

Ich würde es anders formulieren. Von jenen Sportlern, deren Daten in der Datenbank manipuliert wurden, sind 90 Prozent keine aktiven Sportler mehr. Wenn man berücksichtigt, aus welcher Zeit diese Daten stammen.

Und aus welcher Zeit stammen sie?

Angefangen 2012 bis ...

… 2019?

Nein, sie können nicht bis 2019 reichen, weil wir seit 2016 die Daten in die europäischen Labore schicken. Vielleicht bis Ende 2015.

"Derjenige, der das gemacht hat, muss sehr mutig gewesen sein"

Wie wurden die Daten manipuliert?

Sie wurden entfernt.

Das heißt, vom Computer gelöscht?

Ja.

Was hat die RUSADA damit zu tun?

Es ist erstaunlich und sehr unangenehm, wenn man in einer Situation nichts machen kann. Die RUSADA hat damit gar nichts zu tun. Das versteht die WADA, das verstehen alle internationalen Organisationen, Föderationen, das IOC und andere.

Können Sie zu 100 Prozent garantieren, dass die Datenmanipulationen in keiner Weise mit der RUSADA zu tun haben? Weder früher noch jetzt?

Ich kann das garantieren.

Dann lassen Sie uns darüber sprechen, was Ihr Chef Yuri Ganus, Generaldirektor der RUSADA, sagte. Seiner Meinung nach wurden die Manipulationen von oben angeordnet. So kann man seine Worte interpretieren. Was halten Sie davon?

Derjenige, der das gemacht hat, muss sehr mutig gewesen sein. Ich weiß nicht, welche Motive dieser Mensch hatte, weil er oder mehrere Personen nicht nur den Sportminister reingelegt haben, sondern auch den russischen Präsidenten. Denn beide, sowohl der Minister als auch der Präsident, versicherten, man sei im Dialog, wir würden alles offenlegen, wir wollten die Krise bewältigen.

Ihr Chef sagt, das Motiv sei gewesen, die eigene Haut zu retten. Das übliche Interesse eines Beamten, der jetzt einen hohen Posten innehat und nicht bestraft werden will ...

Das ist möglich.

Und wer könnte das sein?

Wir können nur spekulieren. Aber die Situation ist absurd, selbst wenn man davon ausgeht, dass es, wie Sie sagen, russische Beamte waren. Viele der Sportler, um die es geht, sind nicht mehr aktiv, haben heute aber hohe Posten.

RUSADA-Chef Ganus fordert eine Strafe für die Täter. Stimmen Sie ihm zu?

Ja, und ich denke, die Strafe sollte streng und öffentlich sein.

"Sportminister Kolobkov trägt Verantwortung"

Sie haben eben Sportminister Pavel Kolobkov angesprochen. Er ist politisch verantwortlich für das, was im Land passiert. Sie sagen, er wurde reingelegt. Ist er als Minister zu halten?

(seufzt)

Trägt er Verantwortung oder nicht?

Unbedingt! Die muss er tragen.

Was muss passieren, damit sich solche Manipulationen nicht wiederholen? Wer kann dies garantieren, wenn es selbst der Präsident nicht kann? Oder geht es immer und ewig so weiter?

Ich würde mir sehr sorgfältig das Management anschauen.

Was bedeutet das?

Ich möchte niemanden auf den Schlips treten. Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber wenn du mal ein großer Sportler gewesen bist, heißt das noch lange nicht, dass du gleich einen Sportverband führen oder Cheftrainer werden kannst. Diese Leute sind Athleten, keine Trainer.

Die WADA will in Kürze bekanntgeben, welche Konsequenzen die Datenmanipulationen für Russland haben werden. Mit welchem Ergebnis rechnen Sie? Mit einem Ausschluss von den Olympischen Spielen 2020 in Tokio?

Das wäre wirklich ein sehr harter Schlag. Mir tun die Sportler leid, die zu den Spielen fahren wollen. Sie haben nichts getan, das eine solche Strafe rechtfertigen würde.

Was sagen Sie einem jungen Sportler, für den Sport alles ist, sein Leben, und plötzlich wird er gesperrt?

Ich würde ihm sagen: Nimm die Dinge, wie sie sind! Trainiere weiter, sorge dafür, dass dein sportlicher Ruf tadellos bleibt und sei stark!

Russland Juri Ganus, Generaldirektor Anti-Doping-Agentur RUSADA (picture-alliance/dpa/Tass/M. Pochuyev)

RUSADA-Chef Yuri Ganus beteuert, seine Agentur habe keine Daten gefälscht

Wenn man Ihren Chef Yuri Ganus hört, könnte man meinen, er versucht, alle Verantwortung von sich auf andere zu schieben, um nicht gefeuert zu werden. Sie sagen im Grunde ähnliche Dinge. Geht es Ihnen auch darum, Ihre Karriere zu retten?

Ich kenne diese Vorwürfe. Wir tun wirklich alles, um die RUSADA zu schützen. Wenn deine Reputation sauber ist, bleibt auch kein Dreck an dir stecken. Weder Ganus noch mir noch der RUSADA wurde das Misstrauen ausgesprochen. Von niemandem, weder national, noch internatioanl.

Aber die ganze Welt misstraut Russland. Wenn Datenfälschung auf höchster staatlicher Ebene angeordnet wurde, erscheint in diesem Land jederzeit und an jedem Ort jede Art von Manipulation möglich. Ist das so?

Ich denke, es ist inzwischen deutlich unwahrscheinlicher geworden. Man kann heute keinen Druck mehr auf die RUSADA ausüben. Ich kann nachvollziehen, dass die Leute die Augen verdrehen, wenn wir sagen, dass wir eine unabhängige Agentur sind. Früher erschien das wie eine Utopie, heute ist es Realität.

Margarita Pachnozkaja ist stelltvertretende Vorsitzende der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA. Die Agentur war wegen des Skandals um staatlich organisiertes Doping in Russland drei Jahre lang gesperrt. Die Suspendierung wurde im September 2018 aufgehoben. Eine neuerliche Sperre droht, sollte sich herausstellen, dass die RUSADA in die Manipulation von den Daten verwickelt ist, die an die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA geschickt wurden.

Das Interview führte Juri Rescheto in Moskau.

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