Rum, Revolver und Romane: Einkaufen in der Corona-Krise | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 03.04.2020
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USA

Rum, Revolver und Romane: Einkaufen in der Corona-Krise

Wegen des Coronavirus dürfen in den USA nur Geschäfte "von essenzieller Bedeutung" ihre Türen öffnen. Gehören dazu auch harte alkoholische Getränke, Bücher oder Waffen? Carla Bleiker hat sich in Washington umgesehen.

Seit dem ersten April gilt auch in Washington DC eine strikte "Stay at home"-Order. Vor die Tür gehen soll man nur noch mit Personen aus dem eigenen Haushalt, um frische Luft zu schnappen, für Arztbesuche, oder um essenzielle Einkäufe zu erledigen. Davon ausgenommen sind Personen wie Supermarktangestellte, Ärzte und Krankenpfleger, also Menschen, deren Arbeit vor Ort von entscheidender Wichtigkeit ist. In den meisten US-Bundesstaaten sieht das ähnlich aus.

So weit, so klar. Schwammig wird es aber bei der Frage, welche Läden weiterhin geöffnet haben dürfen. Mit der Formulierung, alle "non-essential"-Geschäfte müssten schließen, ist es da nicht getan.

Supermärkte, Tankstellen und Apotheken bleiben geöffnet - logisch. Schuhgeschäfte, Möbelläden und Theater müssen schließen - auch klar. Doch was ist mit liquor stores, also Geschäften, die harten Alkohol verkaufen, den man in den meisten US-Supermärkten nicht bekommt? Oder, noch wichtiger im "land of the free and home of the brave", Waffengeschäften?

Waffen kaufen überlebenswichtig

Während einige US-Amerikaner versuchen, mit der Einstellung "Wenigstens gibt es jetzt weniger school shootings" dem Virus etwas Positives abzugewinnen, stürmten andere zu Beginn der Pandemie die Waffengeschäfte. Schusswaffenverkäufe erreichten Rekordzahlen, und das in einem Land, in dem laut der 2018 veröffentlichten "Small Firearms Study" sowieso schon 120,5 Schusswaffen auf 100 Einwohner kommen.

In einigen Bundesstaaten wurde die Meinung vertreten, die Menschen könnten während Corona auch mal auf den Kauf eines Schnellfeuergewehrs verzichten. Auf das Virus kann man schließlich nicht schießen. New Jerseys demokratischer Gouverneur und ehemaliger US-Botschafter in Deutschland Phil Murphy beispielsweise erklärte Waffengeschäfte für nicht-essenziell und verdonnerte sie Ende März zur Schließung.

Liquor Store in Washington (DW/C. Bleiker)

Harter Alkohol: In der Corona-Krise "essenziell"

Das gefiel der mächtigen National Rifle Association (NRA) natürlich gar nicht. "Einige Anti-Waffen-Politiker nutzen die Covid-19 Pandemie aus, um Ihnen und Ihren Lieben Ihr grundlegendes Recht auf Selbstverteidigung und den zweiten Verfassungszusatz [das Recht, eine Waffe zu tragen, Anm. d. Red.] zu verwehren", so die NRA in einer Mitteilung an ihre Mitglieder.

Bei der US-Regierung fand die Waffenlobby Gehör: Am Montag erklärte Murphy auf einen Rat des Heimatschutzministeriums hin Waffengeschäfte doch für essenziell, sie dürfen nun mit Einschränkungen öffnen. Colorados Gouverneur Jared Polis erklärte in einem Interview mit dem Radiosender NPR, US-Amerikaner müssten zur Erhaltung der öffentlichen Ordnung weiterhin die Möglichkeit haben, eine Waffe zu kaufen. Eine unnötige Panik sei zu vermeiden.

Kein Entzug in der Corona-Krise

Wenn man durch die größtenteils verwaisten Straßen in Washington DC geht, fällt einem ein weiterer Geschäftszweig auf, der hier als essenziell gilt: Der Verkauf von hartem Alkohol. Im Supermarkt um die Ecke bekommt man Bier, Wein und Mixgetränke. Für alles andere gibt es den liquor store.

Und auch der hat weiterhin geöffnet. Zum einen ist ein Glas guten Whiskys wohl durchaus hilfreich dabei, die langen Tage zuhause rumzubringen. Zum anderen hat es aber auch gesundheitliche Gründe, dass den US-Amerikanern der Alkohol-Hahn nicht einfach zugedreht wird.

Für Alkoholiker kann ein Alkoholentzug von einem Tag auf den anderen ernste medizinische Folgen haben. Während Alkoholismus generell schlecht für die Gesundheit ist, ist jetzt gerade nicht der Zeitpunkt, eine große Menge Menschen zwangsweise zum Trockenwerden zu verdonnern. "Wenn [ein Alkoholiker] durch einen kalten Entzug geht, braucht er einen Arzt, der das überwacht", sagt Ashley Linden-Carmichael vom College of Health and Human Development an der Pennsylvania State University. "Da unser Gesundheitssystem gerade von Covid-19 überrannt wird, wäre es schwer für Menschen die Hilfe zu bekommen, die sie bräuchten."

Bücher nicht essenziell

Der Nachschub an Waffen und Alkohol ist für US-Amerikaner in der Krise also schon mal gesichert. Wem nach Trinken und Schießen immer noch langweilig ist, und wer bereits alle Serien auf der Netflix-Watchlist durch hat, überlegt vielleicht, ein neues Buch zu lesen. Aber hier wird es kompliziert. Einfach so in den Buchladen marschieren ist nicht - denn der hat, im Gegensatz zum Waffengeschäft und dem liquor store, geschlossen. Buchläden gelten nach den neuen Regeln des Coronavirus nicht als überlebenswichtig, auch wenn treue Kunden wie Stephanie Donohoe das anders sehen. Für sie sei der unabhängige East City Bookshop in Washington DC sehr wohl "essenziell", schreibt die Künstlerin auf Twitter.

Die Buchhändler wissen sich in diesen harten Zeiten zu helfen. Nur, weil keine Kunden in den Laden hinein dürfen, heißt das nicht, dass keine Bücher hinausgehen. Normales Onlineshopping ist weiterhin möglich, und viele kleine Läden haben sich besondere Dienstleistungen überlegt.

Filiale von Kramerbooks in Washington (DW/C. Bleiker)

Filiale von Kramerbooks in Washington

Bei Kramerbooks, einer Institution unter Washingtons unabhängigen Buchläden, kann man über einen Essenslieferdienst bestellen und sich zum neuen Roman noch eine Portion Pommes aus dem angeschlossen Café kommen lassen. Und wer noch unentschlossen ist, kann mit einer Buchhändlerin im East City Bookshop telefonieren, Vorgaben zu Genre und Preis machen und dann die Expertin aussuchen lassen. Das Überraschungspaket, das einige Tage später nach Hause kommt, lässt die Corona-Krise für einen kurzen Augenblick vergessen. Mindestens so gut wie ein Gin Tonic oder eine Runde Zielübungen.

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