Rumänien und der Mauerfall: Das große Schweigen | Europa | DW | 07.11.2019
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Europa

Rumänien und der Mauerfall: Das große Schweigen

Ein Physikprofessor aus der DDR war im November 1989 in Rumänien und erfuhr nur auf Umwegen vom Mauerfall. Cristian Stefanescu, DW-Korrespondent in Bukarest, war damals Student und übersetzte für ihn.

Rumänien, 24. November 1989 | Diktator Nicolae Ceaușescu & Elena Ceaușescu, Ehefrau (picture-alliance/dpa/AFP)

Bukarest, 24. November 1989: Diktator Ceausescu wird im Beisein seiner Ehefrau Elena einstimmig zum KP-Chef wiedergewählt

Von Dresden bis Budapest saß der ostdeutsche Physikprofessor Frank Tannhäuser im Herbst 1989 in einem überfüllten Zug, danach blieb er allein. Weil die Regierung in Budapest die ungarisch-österreichische Grenze geöffnet hatte, versuchten die meisten der DDR-Reisenden über Ungarn in den Westen zu gelangen. Nur für Frank Tannhäuser, Experte für Bergbau an der Universität Freiberg in der Deutschen Demokratische Republik, ging die Reise weiter nach Rumänien, wo er einen Aufenthalt für ostdeutsche Studenten in der Bergbau-Stadt Petrosani vorbereiten sollte.

Der Bahnhof von Petrosani (DW/C. Ștefănescu)

Der Bahnhof von Petrosani, 30 Jahre danach

Politik - ein Tabuthema

Nach der einsamen Fahrt von Budapest nach Petrosani wartete in der rumänischen Kleinstadt niemand auf ihn. Er musste sich selber durchfragen, um das Bergbauinstitut zu finden, wo alle überrascht waren vom Besuch aus der DDR. Die Führung der Universität musste improvisieren und suchte auf die Schnelle nach einem Studenten, der Deutsch sprach. So kam es dazu, dass gerade ich, nachdem ich mit Mühe den Eintritt in das zweite Studienjahr geschafft hatte (nach einer harten Runde Nachprüfungen im Sommer), plötzlich aus Vorlesungen herausgeholt wurde, um im Büro des Rektors oder bei offiziellen Abendessen in den Partei-Gästehäusern zu übersetzen. Über Politik wurde allerdings nie gesprochen.

In Petrosani wohnte Frank Tannhäuser in einem Hotelzimmer und erlebte selbst, wie groß die Not in Rumänien damals war: "Die Menschen, denen ich begegnet bin, waren alle sehr freundlich, aber ich habe selber unter der Energiekrise, den Stromausfällen und dem Fehlen der Informationen im Fernsehen gelitten", erinnert sich der inzwischen emeritierte Professor im DW-Interview.

Die Universität von Petrosani (DW/C. Ștefănescu)

Die Universität in der Bergbaustadt Petrosani heute

"In der DDR hatte ich kein Geld für diesen Aufenthalt bekommen, sondern den Rat, Kaffee, Strumpfhosen und andere Waren zu kaufen, die ich beim ersten Halt des Zuges in Rumänien verkaufen sollte. Und genauso war es: In nur fünf Minuten verkaufte ich alles. So hatte ich direkt rumänisches Geld, erlebte aber auch die Not in Rumänien. In Petrosani merkte ich, dass es in den Läden fast nichts zu kaufen gab, es gab viel, viel weniger Waren als in der DDR."

Heimlich DW-Rumänisch gehört

Zu jener Zeit hörten meine damalige Freundin und ich heimlich ausländische Radiosender, die während der Ceausescu-Diktatur verboten waren. Wir saßen Abend für Abend in ihrer Küche im Hinterhof, weit weg von der Straße und lauschten den längst vertrauten Stimmen. Anders als der ostdeutsche Professor, der völlig isoliert war in einem Land, dessen Sprache er nicht verstand, und nicht einmal Zuhause anrufen konnte, war es uns möglich, auf Rumänisch von den Ereignissen in Berlin zu erfahren, in den Sendungen der DW und von Radio Free Europe. DW-Redakteur Peter Janku aus der Rumänischen Redaktion berichtete live über den Mauerfall, direkt von der Bernauer Straße in Berlin: "Ich war mitten in der Menge, zwischen den Menschen, die auf die Mauer stiegen und sich die Hand reichten", erinnert er sich.

Checkpoint Charlie am 10. November 1989 (AP)

Checkpoint Charlie am 10. November 1989

"Am nächsten Morgen ging ich zum Checkpoint Charlie und wollte in die DDR hinüber, aber die ostdeutschen Grenzsoldaten haben es mir verwehrt. Der Menschenfluss ging nur in eine Richtung: Die Ostdeutschen konnten nach Westen, aber für die kommunistischen Behörden hatte jeder, der aus dem Westen kam, ein subversives Potenzial."

Zensur "von ganz oben"

Währenddessen lobten und priesen alle rumänischen Medien Ceausescu und seine vermeintlich "glorreiche" Herrschaft. Ab und zu lasen wir in den Zeitungen, dass kapitalistische Staaten angeblich dubiose Mittel verwenden, "um den Charakter der politischen Macht in den sozialistischen Staaten zu verändern".   

Die Suche nach Artikeln über den Mauerfall aus dem November 1989 in rumänischen Archiven sei im Grunde genommen sinnlos, erklärt mir Corneliu Vlad 30 Jahre später. Er ist einer der Veteranen der rumänischen Medienlandschaft und arbeitete vor der Wende bei einer der beiden großen rumänischen Zeitungen, Romania Libera. Die Befehle von ganz oben seien damals mündlich weitergegeben worden, der Chefredakteur habe seinen Mitarbeitern gesagt, sie sollten nichts über den Mauerfall schreiben. "Es gab diesbezüglich keine Protokolle, keine Rundbriefe, also sind keine schriftlichen Spuren dieser Zensur erhalten geblieben", sagt Corneliu Vlad im DW-Gespräch.

Rumänische Zeitungen zum Thema Fall der Berliner Mauer (Neuer Weg)

Die deutschsprachige Tageszeitung in Rumänien "Neuer Weg" vom 11. November 1989

Professor Tannhäuser aus der DDR war im November 1989 also in einem Land, dessen Medien über den Mauerfall schweigen mussten. "Wissen Sie, was an diesen Tagen in Ihrem Land passiert?", fragte ich ihn damals ganz diskret bei einem Abendessen, als sein rumänischer Fachkollege gerade die Toilette aufsuchte. "Ja", antwortete er, "mir hat es der Fahrer gesagt, der mich gerade hierher gebracht hat." Dieser rumänische Fahrer saß schweigend mit uns am Tisch und schien kein einziges Wort auf Deutsch zu verstehen. Ich weiß nicht einmal heute, 30 Jahre später, ob er damals wirklich die Absicht hatte, den Professor aus der DDR zu informieren, oder ob er ihn aushorchen wollte.                       

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