Rumänien bleibt, die Rumänen gehen | Europa | DW | 10.08.2019
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Auswanderung

Rumänien bleibt, die Rumänen gehen

Zwanzig Prozent der Rumänen leben und arbeiten im Ausland. Aus keinem anderen EU-Land sind so viele Menschen weggezogen, um in der Fremde eine neue Existenz aufzubauen. Und die Politik sieht weiterhin tatenlos zu.

Rumänien Bukarest Proteste gegen Regierung (DW/C. Stefanescu)

Protest in Bukarest: In welchem Land willst Du leben?

Vor genau einem Jahr, am 10. August 2018, waren zehntausende Auslandsrumänen nach Hause gekommen, um an den Massenprotesten der rumänischen Zivilgesellschaft gegen Amtsmissbrauch und Korruption in Regierung und Verwaltung teilzunehmen. Polizei und Gendarmen hatten die Proteste in Bukarest gewaltsam aufgelöst, friedliche Demonstranten wurden wahllos mit Tränengas und Schlagstöcken traktiert.

An diesem Samstag wollen viele Rumänen in Bukarest wieder auf die Straße gehen, um an die gewaltsame Niederschlagung des Antiregierungsprotests vor einem Jahr zu erinnern. Camelia und Laurențiu werden nicht dabei sein. Sie sind vor einem Jahr nach Deutschland gezogen und gerade dabei, ihr Leben in einem fremden Land zu organisieren.

Heimat verlassen - aber wie?

Camelia und Laurentiu, Migranten aus Rumänien (Privat)

Camelia und Laurențiu: ”Das Universum wollte es so!”

"Jemand dort oben muss uns lieben - wir hätten kein besseres Land finden können als Deutschland", erzählt Camelia. Die 46-jährige ehemalige Mitarbeiterin eines großen rumänischen Medienkonzerns lächelt verlegen. Dabei hatten sie und ihr Mann Laurențiu, ein 48-jähriger Kameramann, gar nicht an Deutschland gedacht, als im August letzten Jahres feststand, dass sie zusammen mit ihren zwei minderjährigen Söhnen ihre Heimat verlassen wollten.

In Rumänien hatte sich das Ehepaar ein gut gehendes Geschäft mit Kurzzeitvermietungen für Touristen aufgebaut. "Doch dann kamen reiche Ausländer, die Dutzende Wohnungen aufkauften und die Preise kaputt machten", klagt Camelia. Bald verdiente die Familie zu wenig und die Aussichten auf einen festen Job standen schlecht. "Entweder sagte man uns, wir seien zu alt für den Job oder überqualifiziert - es war einfach peinlich", erinnert sie sich.

Dann kam der August 2018 als ein neuer Höhepunkt der sozialen und politischen Verwerfungen und der Entschluss stand fest: sie wollten ihr Glück im Ausland versuchen. Gute Freunde waren bereits nach Griechenland ausgewandert und hatten auf Kreta ein neues zu Hause gefunden. Eine gut bezahlte Arbeit irgendwo am Meer - das musste es sein. Doch aus dem Traum wurde nichts. Viele gute Jobs gab es nicht auf der Insel, bezahlbare Wohnungen waren Mangelware.

Aus heiterem Himmel dann plötzlich ein Anruf aus Deutschland. Eine gute Freundin hatte ein Job-Angebot. "Bis dahin waren wir noch niemals in Deutschland gewesen. Wir konnten die Sprache nicht. Außerdem hieß es immer, die Deutschen seien viel zu verkrampft", erzählt Laurențiu. Die Familie verkaufte ihr Auto, um etwas Geld für den Neuanfang zu haben.

Alarmierende Statistiken

Allein in Deutschland lebten Anfang 2019 laut Statistischem Bundesamt rund 700.000 Menschen rumänischer Herkunft. In Italien und Spanien liegt die Zahl der Rumänen, die dort leben und arbeiten, bei jeweils über einer Million. Rumänien gehört nach Angaben der OECD zu den führenden Herkunftsländern beim Kapitel Familienmigration und Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union.

Die Zahl der ausgewanderten Rumänen liegt nach Schätzungen rumänischer Behörden bei vier Millionen, also rund 20 Prozent der Gesamtbevölkerung. In den Sommermonaten steigt deren Anzahl durch die Saisonarbeiter auf Baustellen und in der Landwirtschaft auf bis zu fünf Millionen.

Gabriela Mirescu Gruber (Stelian Pavalache)

Die Politologin Gabriela Mirescu lebt in der Schweiz

Gabriela Mirescu, Politologin aus Rumänien, lebt in der Schweiz. Sie unterscheidet zwei Generationen von rumänischen Auswanderern seit der politischen Wende vor 30 Jahren. "Anfang der 1990er Jahre musste ein rumänischer Arzt im Westen oft als Taxifahrer beginnen und jahrelang auf die Anerkennung seiner Studien warten", sagt sie. "Heute kommen Ärztinnen und Ärzte mit einem Vertrag in der Tasche und können gleich auf Station gehen." 

Für Mirescu macht es einen großen Unterschied, ob man sich durchkämpfen musste, um Anschluss an die Gesellschaft zu finden, oder ob man sich frei von Komplexen schnell in sein neues Umfeld integriert. Was beiden Generationen aber eigen ist: sie pflegen den Kontakt zur alten Heimat. Sie schicken nicht nur Monat für Monat Geld an ihre Familien, sondern viele sind an den politischen Entwicklungen in Rumänien interessiert.

Auch Camelia und Laurențiu geht es so. Einerseits sind sie glücklich, dass Ordnung in ihr Leben eingekehrt ist. "Wir haben das gebraucht. In Rumänien war alles ziemlich chaotisch, der Lebensstil ist da ganz anders. Uns gefällt es hier sehr gut", sagt Camelia. Ihr Mann hat einen gut bezahlten Arbeitsplatz bei einem großen internationalen Online-Händler, sie kann sich um ihre Söhne kümmern. Und auf Kreta war die Familie auch - im Sommerurlaub.  

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