Royale Geheimnisse - Was steckt hinter Enthüllungsbüchern? | Kultur | DW | 11.08.2020
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Britisches Königshaus

Royale Geheimnisse - Was steckt hinter Enthüllungsbüchern?

Mit "Finding Freedom" erscheint eine neue Biografie über Prinz Harry und seine Ehefrau Meghan. Doch welche Enthüllungen warten wirklich auf die Leser?

Prinz Harry und Herzogin Meghan mit Sonnenbrille und fröhlichen Gesichtern

Nach dem Rückzug ins Privatleben wirken Prinz Harry und Herzogin Meghan gut gelaunt

Herzogin Meghan, geborene Markle, ist ein Drache. So viel Grundwissen haben selbst Menschen, die sich für Geschichten über das britische Königshaus kaum interessieren. Zufällig aufgeschnappte Überschriften reichen dafür ebenso aus wie zum Erlangen einer weiteren Gewissheit: Herzogin Kate, geborene Middleton, ist ein Engel.

In diesem Schwarz-Weiß-Schema lässt es sich für weltweit unzählige Boulevardmagazine gut über die Royals berichten. Das Publikum kann sich sorglos für eine Seite entscheiden, denn ob die zugewiesenen Rollenbilder der Realität entsprechen, wird es sowieso nie abschließend beurteilen können. Gut und böse - dieses Spannungsfeld garantiert Schlagzeilen, verkauft Zeitungen und Zeitschriften und immer wieder Bücher, die alle eines gemein haben: Sie versprechen neue, brisante, bislang unveröffentlichte Infos aus dem Königshaus.

Wie entsteht eine moderne Königsfamilie?

So auch das gerade erschienene Buch "Finding Freedom: Harry and Meghan and the Making of a Modern Royal Family" der amerikanischen Hofberichterstatter Omid Scobie und Carolyn Durand. Es wird allgemein als Enthüllungsbuch beworben und von den Medien rezensiert, doch wer nun an Bücher vom Kaliber großer Enthüllungsjournalisten wie Seymour Hersh denkt, wird bitter enttäuscht. Statt gesellschaftlich relevanter Informationen geht es um private Details, Vorlieben, Eigenheiten.

Queen Elizabeth II am Schreibtisch, um die Weihnachtsansprache zu halten

Queen Elizabeth verbannte Fotos von Harry, Meghan und Archie von ihrem Schreibtisch

"Politische Skandalenthüllungen stehen nicht auf einer Stufe mit Veröffentlichungen über vermeintliche Charakterschwächen von Politikern oder Royals", sagt Joachim Trebbe, Kommunikationswissenschaftler an der Freien Universität Berlin. "Bücher über das britische Königshaus sprechen eine bestimmte Zielgruppe an, die über Boulevardmagazine wie 'Gala' und 'Brisant' gut informiert ist und sich tiefere Einblicke erhofft." Diese Klientel sei in der Regel im Bilde darüber, zu welchem Anlass Herzogin Kate welches Kleid getragen habe und warum der frühere spanische König Juan Carlos abgetaucht sei.

Königsfamilie als Projektionsfläche

Auch die Bestätigung, dass die Familie im Königshaus nicht weniger dysfunktional ist als die eigene, kann die Neugier wecken - und mit ihr die "parasoziale Interaktion", wie Experten den Vorgang nennen: "Erna Müller setzt sich in Bezug zur Königin, weil sie mit ihrem Enkel den gleichen Ärger hat wie Queen Elizabeth", erklärt Joachim Trebbe.

Für diese Anschlussfähigkeit sorgt das Königshaus zur Genüge: Hinter der glamourösen Fassade toben Intrigen, die Queen stellt bei ihrer Weihnachtsansprache kein Bild von Harry, Meghan und dem kleinen Archie auf den Tisch, Kate ist beliebter als Meghan, William warnt seinen Bruder vor Meghan und Harry ist nicht nur schwer in Meghan verliebt, sondern der monarchischen Hierarchie ohnehin überdrüssig. In "Finding Freedom" heißt es, nicht Meghan, sondern Harry sei die treibende Kraft hinter dem Bruch mit dem Königshaus gewesen.

Aber rechtfertigt diese Information als vermeintliche Neuigkeit eine ganze Biografie? "Das ist der schmale Grat, den diese Bücher gehen müssen", sagt Joachim Trebbe: "Sie müssen an das allseits Bekannte anschließen und es aufgreifen. Kaufentscheidend ist dann jedoch, wie viele neue Sachen tatsächlich enthalten sind."

Das trifft nicht nur auf Publikationen über das britische Königshaus zu, sondern gilt auch im Gebiet des Politischen. Über US-Präsident Donald Trump sind seit Beginn seiner Amtszeit zahlreiche sogenannte Enthüllungsbücher erschienen, neben dem kürzlich veröffentlichten "Zu viel und nie genug" der Trump-Nichte Mary etwa auch "Furcht" vom renommierten Enthüllungsjournalisten Bob Woodward, der 1974 die Watergate-Affäre aufgedeckt hatte. Doch Trump ist nach wie vor im Amt, die Veröffentlichungen scheinen lediglich das vorherrschende Bild eines für das Präsidentenamt ungeeigneten Menschen zu bestätigen.

So wie von Trump tropft negative Berichterstattung auch vom britischen Königshaus ab. "Der Rückzug vom Hof ist sowieso ein relativ normaler Vorgang, der sich durch die europäischen Königshäuser hindurch zieht", sagt Joachim Trebbe. Auch die aus heutiger Sicht alltägliche Scheidung von Harrys Eltern Charles und Diana sei damals skandalisiert worden. Wie harmlos der zum Eklat aufgebauschte "Megxit" tatsächlich ist, zeigt übrigens die noch immer ungeklärte Rolle von Prinz Andrew im Fall des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein. Hier könnte eine Enthüllung schlummern, die diese Bezeichnung verdient.

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