Romane über neue Männer-Rollen bei der Frankfurter Buchmesse | Bücher | DW | 18.10.2019
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Frankfurter Buchmesse

Romane über neue Männer-Rollen bei der Frankfurter Buchmesse

Müssen sich Männer warm anziehen? "Männlichkeit wird neu verhandelt" titelte eine Nachrichtenagentur kürzlich zum Deutschen Buchpreis. Wir haben nachgefragt. Doch einfache Antworten gibt es in der Literatur nur selten.

Symbolbild Mann im Stress nach Shopping (Colourbox)

Wie ist die Rolle des Mannes im Jahre 2019?

Ein in die Jahre gekommener Schaufenster-Dekorateur sieht seine Ideale von der Zeit überrollt. Ein älterer Mann versucht, eine Lebenskrise durch eine sportliche Großtat zu bewältigen. Ein dritter hängt den musikalischen, nicht tot zu kriegenden Idolen seiner Jugend nach. Und ein weiterer, jüngerer Mann, sieht sich vor einer ganz neuen Herausforderung: Er soll Vater von Zwillingen sein.

"Die Identität des Mannes ist problematisch geworden", bilanzierte Jörg Magenau, Sprecher der Jury des Deutschen Buchpreises - und meinte dabei die 20 Titel der Longlist. Schält sich da also ein neues Thema unter den deutschsprachigen Schriftstellern heraus: Der Mann im Jahre 2019, seine Rolle, sein Image, möglicherweise überkommene Ideale - und vor allem die Frage: Wie geht er mit dem Alter um?

Männerrollen als Thema in neuen deutschsprachigen Romanen

Wir haben in Frankfurt nachgefragt, jenseits der vieldiskutierten Titel der Short- und Longlist. Schließlich erscheinen zur Messe hunderte neue deutschsprachige Romane und Erzählungen. Nicht alle sind literarisch so ambitioniert wie die, die zum Buchpreis eingereicht wurden. Nach möglichen neuen Männerrollen wird auch in Unterhaltungsromanen gefragt - auch von Frauen.

Buchcover Montage Sulzer, Reichlin, Behr, Drasener, Weiler

Neue deutschsprachige Romane über Männer in Krisenzeiten

Ulrike Draesner hätte man sich mit ihrem neuen, stilistisch ambitionierten Roman "Kanalschwimmer" allerdings auch auf der Longlist vorstellen können. Draesner stellt den Lesern Charles vor, der sich in einer Lebenskrise befindet, seine Ehe steht vor dem Aus. Da soll eine sportliche Großtat helfen, Charles will den Ärmelkanal durchschwimmen: "Charles sieht sich zwei Herausforderungen gegenüber: Wie hält man eine lange Ehe über Jahrzehnte hinweg lebendig? Und wie geht man mit der Aussicht auf die Pensionierung und dem allmählich nicht mehr wegzuleugnenden Alter um?"

Die Schriftstellerin Ulrike Draesner bei der Roswitha-Literaturpreis 2013-Verleihung (picture-alliance/dpa/S. Pförtner)

Ulrike Draesner

Draesner erzählt das literarisch anspruchsvoll, lotet ihr Thema tiefschürfend aus: "Am Thema Altern fasziniert mich, dass man sich als Mensch ständig neu verwandeln und umerfinden muss", erzählt sie: "Gerade auch dann, wenn alles fertig zu sein scheint. Dann vielleicht am meisten." Zudem habe es sie gereizt, eine Liebesgeschichte nach 30 Ehejahren zu erzählen: "Eine Geschichte, in der die klassischen Mann-Frau-Rollen umgedreht sind."

Alain Claude Sulzer: Vom Leben eines Schaufensterdekorateurs

Wie bei Draesner begegnet man auch bei der Lektüre von Sulzers wunderbar elegant-melancholischen Roman "Unhaltbare Zustände" einem Mann, über den die Zeit hinwegzurollen scheint. Sulzers Protagonist namens Stettler arbeitet seit Jahren bei einem Basler Kaufhaus als Schaufensterdekorateur. Plötzlich wird Stettler ein viel jüngerer Mann zur Seite gestellt, der mit ganz neuen Ideen daherkommt.

Buchmesse 2012 in Frankfurt Alain Claude Sulzer (picture-alliance/dpa/E. Kremser)

Alain Claude Sulzer

Auch hier: Ein Mann in der Krise, der sich seines Alters und des Zeitenwandels bewusst wird. Doch wie bei Draesners Buch greifen alle schnellen Deutungsmuster zu kurz: "So eine Figur kann man nicht in einem Satz beschreiben, deshalb habe ich auch einen ganzen Roman geschrieben", gibt  Sulzer im Gespräch mit der Deutschen Welle zu bedenken.

"Unhaltbare Zustände": Über den Wandel in der Arbeitswelt

Der Schweizer Autor hat "Unhaltbare Zustände" in den bewegten Jahren um 1968 in Bern verortet. Nicht nur persönlich verändert sich viel für Stettler, auch gesellschaftlich scheint die Zeit über ihn hinwegzugehen. "Man gibt Stettler deutlich zu verstehen: Es ist schon Ok, mach Deine Arbeit, aber wir müssen jetzt auf etwas Neues setzen." Für Sulzer hat das auch etwas Tragisches: "Es ist so wie ein König, der während seiner Regentschaft abgesetzt wird, ohne dass er sich etwas hat zu Schulden kommen lassen: Er fühlt sich bestraft."

Focus Magazin Cover Titelseite Mick Jagger (Focus)

Der Focus hievte gerade Mick Jagger auf den Titel, Romanautor Linus Reichlin blickt in seinem neuen Roman auf den Stones-Gitarristen Keith Richards

Auch Sulzers Landsmann Linus Reichlin hat in diesem Herbst einen Roman beigesteuert, der sich im weitesten Sinne dem Thema "Männer werden älter" widmet: "Keiths Probleme im Jenseits". Allerdings in einem ganz anderen, witzig-verspielten Ton, leicht zu lesen und unterhaltsam. 

Die Geschichte hat es in sich: Fred Hundt, Spezialist für Wahrscheinlichkeitstheorie, wird von einem Freund gebeten, ihn in einer geheimen Mission zu unterstützen. Keith Richards, Gitarrenlegende der Rolling Stones, dessen Todesnachricht gerade die Welt erschüttert, ist in Wirklichkeit gar nicht gestorben. Doch das soll geheim bleiben.

Schließlich will der ergraute Musikgott nicht als medizinisches Wunder in Erinnerung bleiben, sondern als musikalisches Genie. Der Schweizer Autor hat seine Geschichte um den wiederauferstandenen Richards als witzig-surreale Story angelegt, die sich im Kern aber doch um die ernste Frage dreht: Was ist aus den Träumen und Idealen der Jugend der (männlichen) Protagonisten geworden - und wofür stehen die Idole früherer Zeiten: "Ich verstehe den Roman als Generationen-Roman, eine ganze Generation altert, Männer und Frauen sind im Prozess des DNA-Zerfalls innig vereint. Der Rede wert ist das Altern dieser Generation deshalb, weil sie sich stets als die Jugend schlechthin verstanden hat."

Ein Roman über die Angst, von außen bewertet zu werden 

Der Schriftsteller Linus Reichlin (imago stock&people)

Linus Reichlin

Schließlich bespielt auch der noch junge Markus Behr in "Vaterschaftstest" auf vergnügliche Weise das Genre: Hier ist es der Lehrer Fabian Weinert, der sich von einem Tag auf den anderen mit einer ganz neuen Lebenssituation konfrontiert sieht. Zwei Mädchen, ein 16-jähriges Zwillingspaar, steht eines Tages vor der Tür und behauptet, Fabian sei ihr Vater.

"Vaterschaftstest" ist kein Buch über männliche Midlife-Crisis, aber: "Es spielt sicher eine Rolle, dass er Mitte 30 ist und nicht mehr 20 - denn dadurch wird die Bewertung der eigenen Biographie bzw. der eigenen Jugend zu einem wichtigen Thema des Romans", erzählt Behr und verweist auf das eigentliche Thema seines Romans: "Ausgangspunkt meines Schreiben war das Thema 'Bewertungsangst'."

Als typisches Männerbuch will Behr sein literarisches Debüt nicht verstanden wissen: "Das Buch richtet sich an Männer und Frauen gleichermaßen. Auch Frauen leiden ja an Bewertungsangst, und das Gefühl 'Es gibt etwas Wesentliches, das alle hinbekommen, nur ich nicht', erlebt wahrscheinlich jeder Mensch im Laufe seines Lebens."

Autorenfoto Markus Behr - PROVISORISCH (T. Tietze)

Markus Behr

Weitere Bücher zum Thema, literarisch anspruchsvolle ebenso wie verspielt-unterhaltsame wie auch Jan Weilers neuester Streich der populären Reihe über die Erlebnisse von Kommissar Kühn ("Kühn hat Hunger") findet man in den Regalen der Frankfurter Messe. Doch mit dem Aufspüren von literarischen Trends sollte man vorsichtig umgehen. 

Romane über Männer - auch für Leserinnen!

Beim Blick auf belletristische Neuerscheinungen lässt sich bilanzieren: Je mehr Themen wie 'Neue Männerrollen/Älterwerden/Midlife-Crisis' ins Auge fallen, umso unschärfer werden diese bei genauerer Lektüre und im Gespräch mit den Autorinnen und Autoren. Frauen und Männer stehen, so das Fazit, oft vor ähnlichen Herausforderungen. Und: Die Bücher über Männer (wie die über Frauen) richten sich sowieso meist an alle gleichermaßen - an Leser und Leserinnen! 

Zum Weiterlesen: Ulrike Draesners Roman "Kanalschwimmer" ist im Mare-Verlag erschienen. Alain Claude Sulzers "Unhaltbare Zustände" liegt ebenso wie Linus Reichlins Roman "Keiths Probleme im Jenseits" bei Galiani vor. "Vaterschaftstest" von Markus Behr ist bei Wagenbach erscheinen, Jan Weilers "Kühn hat Hunger" bei Piper.

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