Rollstuhlbasketballer weltweit sind sauer auf das IPC | Sport | DW | 12.08.2020
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Para-Sport

Rollstuhlbasketballer weltweit sind sauer auf das IPC

Der Beschluss des IPC, neun Rollstuhlbasketballerinnen und -basketballern das Paralympics-Startrecht zu entziehen, schlägt hohe Wellen. Der Ruf nach einer Übergangslösung wird lauter - nicht nur bei den Betroffenen.

"Ich bin am Boden zerstört und auch wütend über diese Entscheidung", sagt die Australierin Annabelle Lindsay der DW. "Nicht nur um meinetwillen, sondern auch mit Blick auf mein Team, auf die acht anderen nicht zugelassenen Athleten und die Zukunft unseres Sports." Die 22-Jährige gehört zu den neun Rollstuhl-Basketballerinnnen und Basketballern, denen kürzlich eröffnet wurde, dass der Grad ihrer Behinderung nach den Klassifizierungregeln des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) nicht mehr ausreicht, um bei Paralympics antreten zu dürfen.

"Was ich am meisten am Rollstuhlbasketball geliebt habe, war die Tatsache, dass es der inklusivste Sport der Welt ist", sagt Lindsay. "Es ist wirklich traurig, dass das IPC uns diesen Sport weggenommen hat." Sie sieht sich am Ende ihrer sportlichen Karriere angelangt und will sich nun auf die berufliche Ausbildung konzentrieren: "Ich bin körperlich nicht in der Lage, einen Nicht-Behinderten-Sport zu betreiben, werde aber als nicht 'behindert' genug betrachtet, um am paralympischen Sport teilzunehmen."

"Es bricht uns das Herz"

Bis zum Frühjahr 2016 galt Lindsay als aufgehender Stern des australischen Frauen-Basketballs. Sie hatte ein Stipendium an einer US-Universität und träumte von einer Karriere in der WNBA, der nordamerikanischen Frauen-Profiliga. Doch dann renkte sie sich ihr rechtes Knie aus. Nach der Operation blieben die Schmerzen, die Ärzte diagnostizierten Osteoarthritis, Knorpelschwund. Das bedeutete das Ende ihrer "normalen" Basketballkarriere. Lindsay wechselte zu den Rollstuhl-Spielerinnen und qualifizierte sich mit dem australischen Nationalteam, den "Australian Gliders", für die Paralympischen Spiele in Tokio.

"Ich halte es für sehr unfair, einen Athleten ungefähr drei Wochen vor dem eigentlich geplanten Beginn der Spiele für nicht teilnahmeberechtigt zu erklärten", sagt die Australierin, "obwohl wir in den letzten vier Jahren unser Leben dem Training speziell für die Paralympics 2020 in Tokio geopfert haben."

Auch ihre 17 Jahre alte Teamkollegin Teisha Shadwell fiel durch das Raster des IPC. "Wie kann jemand Menschen sagen, dass sie nicht behindert genug sind? Und wie kann es sein, dass die Bestätigung von Ärzten und Spezialisten mit akademischen Abschlüssen und langjähriger Ausbildung, dass ich behindert bin, nicht ausreicht?", fragt Shadwell gegenüber der DW. "Ich habe mein ganzes Leben für diesen Sport geändert." 

Neben den beiden Australierinnen entzog das IPC der Deutschen Barbara Groß, der Niederländerin Dagmar van Hinte, der Spanierin Genoveva Tapia, dem Kanadier David Eng, dem Türken Cem Gezinci und dem Briten George Bates das Startrecht für die Paralympics. Noch ist nicht bekannt, um wen es sich bei der neunten Person handelt.

Parapan Am Games Toronto David Eng (picture-alliance/empics/N. Denette)

Auch der Kanadier David Eng (2.v.r.), ein Star des Rollstuhlbasketballs, darf nicht mehr bei Paralympics starten

Die Betroffenen blicken teilweise auf eine bereits lange Para-Sportkarriere zurück. So nahm David Eng an den letzten vier Paralympics teil, holte mit dem Team Kanada zweimal Gold und einmal Silber und trug 2016 bei der Eröffnungsfeier der Spiele in Rio de Janeiro die kanadische Fahne. Die Empörung im Rollstuhlbasketball über die Entscheidung des IPC, diese Athletinnen und Athleten mit so genannten "Minimalbehinderungen" auszuschließen, ist einhellig über alle Kontinente. 

Weltverband IWBF: Eskalation ohne Vorwarnung

"Der Zusammenhalt der Rollstuhlbasketball-Familie ist groß, und das tut auch gut", sagt Ulf Mehrens, Präsident des Weltverbands IWBF der DW. "Wir waren ja die Überbringer der schlechten Nachricht, nicht das IPC. Das fand ich sehr unglücklich."

Das IPC hatte der IWBF Ende Januar damit gedroht, Rollstuhlbasketball aus dem Programm der Paralympics zu streichen, sollte der Verband nicht umgehend den bereits 2015 verabschiedeten Klassifizierungs-Code des IPC umsetzen. "Uns wurde von heute auf morgen ohne Ankündigung gesagt: Ihr seid suspendiert, für Tokio und Paris. Es sei denn, ihr erfüllt unsere Bedingungen", sagt Mehrens. Bis zu diesem Zeitpunkt habe es beim IPC auf wiederholte Nachfrage stets geheißen, es gehe bei dem neuen Klassifizierungs-Code nur "ums Wording, nicht um Inhalte", so der IWBF-Chef: "Es gab keinen Negativ-Dialog."

Rollstuhlbasketball gilt seit Jahrzehnten als Vorzeigesportart in Sachen Inklusion. Ein Punktesystem sorgt dafür, dass durch den Einsatz Minimalbehinderter keine Wettbewerbsverzerrung entsteht. Auf nationaler Ebene dürfen sogar Nicht-Behinderte im Rollstuhl mitspielen, das gilt nicht für internationale Wettbewerbe. "Unser Klassifizierungs-Code ist seit 1982 in Kraft und wurde nie beanstandet", sagt Mehrens. Sogar der damalige IPC-Präsident Sir Philipp Craven sei maßgeblich daran beteiligt gewesen. "Das ist ja eine Farce in sich."

Paralympics sind exklusiv

Paralympics-Experte Thomas Abel plädiert dafür, die Emotionalität aus der Diskussion herauszunehmen. "Der Machtkampf zwischen dem IPC und dem Weltverband IWBF hat vermutlich eine Rolle gespielt", sagt der Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln. "Vielleicht hätte man die Situation gar nicht erst so eskalieren lassen müssen und ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl zeigen können." Für die Inklusion sieht der Wissenschaftler jedoch durch die IPC-Entscheidung keinen Riesenschaden. "Im Rollstuhlbasketball, wenn wir ihn nicht als paralympischen Spitzensport betrachten, ändert sich ja eigentlich nichts. Sie können als 'Fußgänger' auch weiterhin um nationale Meisterschaften mitspielen", sagt Abel.

Die Paralympics hätten zwar "eine herausragende Bedeutung für die Inklusion", seien aber exklusiv: "Die Teilnehmer müssen eine Mindestbehinderung haben, Menschen ohne Behinderung erhalten bei den Paralympics kein Startrecht. Das ist gewollt und durchaus auch richtig so." Dass Athleten wie Barbara Groß, die sich für die Spiele in Tokio qualifiziert haben, so kurz vor den Paralympics ausgeschlossen werden, hält jedoch auch Abel für "sehr unglücklich": "Vielleicht gäbe es die salomonische Lösung, dass der Weltverband einräumt: 'Okay, wir stehen mit diesen Athleten jenseits des IPC-Klassifizierungs-Codes‘, das IPC sie aber erst nach den Paralympics in Tokio ausschließt. Ich würde mir jedenfalls eine Lösung wünschen, die die Karriereleistung der betroffenen Sportler wertschätzt."

Gleiches Recht für alle?

Rollstuhlbasketball Ulf Mehrens IWBF (picture-alliance/dpa/D. Karmann )

IWBF-Präsident Ulf Mehrens hadert mit dem IPC

Mit genau diesem Antrag ist die IWBF allerdings beim IPC abgeblitzt. "Das hat man ohne Begründung kategorisch abgelehnt", sagt Weltverbands-Präsident Mehrens. "Das finde ich schade." Auf Nachfrage der DW erklärt das IPC, "dass nicht nur im Bereich des IWBF Athleten für nicht teilnahmeberechtigt befunden werden." Es sei "immer möglich, dass Athleten (in jeder Para-Sportart) als nicht teilnahmeberechtigt eingestuft werden oder die Sportklasse vor den Spielen wechseln, auch wenn diese Athleten möglicherweise an Qualifikationswettbewerben teilgenommen haben".

Mit dem Tennis-Weltverband ITF einigte sich das IPC jedoch im Sommer 2019 auf eine Übergangsregel für Rollstuhltennis-Spielerinnen und -Spieler, die durch das Raster des neuen IPC-Codes fielen. Wenn diese Athleten nach den "vorherigen Qualifikationsregeln teilnahmeberechtigt" gewesen seien, dürften sie "bis zum Ende der Saison 2020 an Wettkämpfen teilzunehmen (u.a. an den Paralympischen Spielen Tokio 2020)", ließ die ITF im August 2019 wissen. "Warum es da zwei verschiedene Auslegungen gibt, ist mir völlig schleierhaft", wundert sich Rollstuhlbasketball-Chef Mehrens. 

Kampf gegen IPC-Beschluss geht weiter

Es sei seine "verdammte Pflicht", so der IWBF-Präsident, weiter dafür zu kämpfen, dass auch die betroffenen neun Basketballerinnen und Basketballer bei den auf 2021 verschobenen Spielen in Tokio starten dürften. Sein Verband werde die Auflagen des IPC für die nächsten beiden Paralympics erfüllen, sagt Mehrens. Er werde jedoch gleichzeitig versuchen, "international ein Umfeld aufzubauen, um den inklusiven Gedanken weiterhin zu verteidigen". Der Weltverband strebe einen Dialog mit dem IPC darüber an, den Klassifizierungs-Codes zu erweitern - "ohne wie Kleinkinder zu drohen oder die Schaufel wegzunehmen", so Mehrens.   

George Bates - einer der neun vom IPC aussortierten Athletinnen und Athleten - will sich nicht damit abfinden, von den Paralympics ausgeschlossen zu bleiben. "Ich kann diese Entscheidung nicht nachvollziehen. Ich bin seit 15 Jahren behindert, und seit zehn Jahren widme ich mein Leben diesem Sport", sagt der britische Rollstuhlbasketballer, der an einem komplexen regionalen Schmerzsyndrom (CRPS) im Bein leidet, der DW: "Diese Entscheidung betrifft so viele andere Sportler aus allen Sportarten und mit vielen anderen Behinderungen. Was sagen wir dem 14-Jährigen mit einer Behinderung, der jetzt nicht mehr antreten kann? Das war's, du kannst weder Leistungs- noch Behindertensport treiben?" Bates will mit den anderen Betroffenen für sein Paralympics-Startrecht kämpfen. "Denn was hier geschieht, ist nicht richtig."

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