Roger Waters: Streitbares Urgestein des Rock | Kultur | DW | 05.09.2018
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75. Geburtstag

Roger Waters: Streitbares Urgestein des Rock

Mit "The Wall" hat er sein musikalisches Lebenswerk geschaffen. Mit Pink Floyd hat er Musikgeschichte geschrieben. Jetzt wird Roger Waters 75. Dass mit dem Alter eine gewisse Milde einkehrt, ist bei ihm nicht der Fall.

Die deutschen Landesrundfunkanstalten haben in diesem Sommer 2018 erklärt, dass sie seine Konzerte nicht übertragen wollen. Roger Waters hat nämlich auf seiner "Us & Them"-Tour nicht nur seine berühmtesten Songs und eine sensationelle Bühnenshow dabei. Er hält auch mit seiner umstrittenen politischen Einstellung nicht hinterm Berg und trägt während seiner Konzerte unter anderem anti-israelische Parolen vor. 

Das macht er auch bei seinen beiden ausverkauften Konzerten in Berlin im Juni. Der "Musikexpress" schreibt später: "Ohne die große Show in der Mercedes-Benz-Arena hätte er in diesen Minuten schlichtweg wie ein wirrer alter Antisemit gewirkt, der sich irgendwie auf eine der größten Bühnen der Stadt verlaufen hat." Das Publikum aber findet das nicht lustig: Es hat den meisten Zuschauern das Konzert gründlich verhagelt, viele verlassen buhend und stinksauer die Konzerthalle oder schweigen peinlich berührt.

Roger Waters mit Bass auf der Bühne auf seiner Us & Them Tour (Imago/ZumaPress)

Am besten ist er, wenn er Musik macht

Zu viel Politik bis hin zu Antisemitismus

In der Regel finden die Zuschauer politische Statements von engagierten Musikern gut - viele setzen sich für Werte ein, die für ein friedliches Zusammenleben stehen: Menschenrechte oder Antirassismus; das Konzert in Chemnitz ist das jüngste Beispiel dafür. Waters' Israelkritik geht aber vielen zu weit: Man bezichtigt ihn auch des Antisemitismus. Wie Waters versucht, seine Einstellung auch seinen Musikerkollegen aufzudrücken, und sie dazu zu drängen, geplante Konzerte in Israel abzusagen, bringt ihm nicht nur Freunde ein. 

Waters ist eines der lautstärksten Mitglieder des "BDS", einer Organisation, die unter dem Motto "Boycott, Divestment and Sanctions" weltweit agiert, dabei vor allem die Unterdrückung der Palästinenser in Israel anprangert, und der offen antisemitische Züge vorgeworfen werden. Die Kampagne gegen Israel startete 2005 angesichts der israelischen Besatzungspolitik und fordert den Ausschluss Israels aus internationalen Organisationen und einen vollständigen kulturellen Boykott des Landes. 

Mit der Begründung, man unterstütze mit Auftritten in Israel ein Unrechtsregime, das mit der Apartheid in Südafrika vergleichbar sei, setzt der BDS Künstler und Musiker massiv unter Druck. Gerade erst hat die Sängerin Lana Del Rey ein Konzert auf dem israelischen "Meteor"-Festival abgesagt, nachdem auch Waters ihr im Vorfeld in den Sozialen Medien erheblichen Druck gemacht hatte.

Schon immer streitbar

Es gehört zu Roger Waters' Naturell, unbequem zu sein. Seine Texte sind oft melancholisch, gespickt mit zynischer Gesellschaftskritik. Seine Sicht auf die moderne Gesellschaft wirkt stets pessimistisch - das spiegelt er in seinen Songs. Nicht von ungefähr. Als einjähriges Kind verlor er seinen Vater im Zweiten Weltkrieg und wuchs mit einer Mutter auf, die ihm viel abverlangte. Das macht hart. 

Vom Blues- und Folkfan zum Mastermind einer Kultrockband

Er ist noch keine 20 Jahre alt, als er die US-amerikanische Blues- und Folkmusik für sich entdeckt: Songs mit elektrisierenden Rhythmen und gesellschaftskritischen Texten. Das inspiriert den jungen Roger, sich das Gitarrespielen beizubringen.

1965 gründet er mit seinen Kumpels Nick Mason (Schlagzeuger) und Rick Wright (Keyboard) die Gruppe "Sigma 6", die später Pink Floyd heißen wird. Sänger Syd Barrett wird ins Boot geholt und erste Platten veröffentlicht. Der Erfolg kommt, aber Syd Barrett entwickelt eine Psychose und wird drogenabhängig. 1968 verlässt er die Band. David Gilmour wird Pink Floyd-Gitarrist, Waters spielt Bass.

In den 1970ern entstehen die ikonischen Pink Floyd-Alben "Meddle", "Wish You Were Here" und das Rekordalbum "The Dark Side Of The Moon". Fast alle Songtexte stammen von Roger Waters. Später komponiert er auch fast alle Songs. Am stärksten ist seine künstlerische Handschrift bei den Alben "Animals" (1977) und "The Wall" (1979) zu spüren. Bei "The Wall" zeichnet sich bereits ab, dass es innerhalb der Band heftig brodelt.

Pink Floyd 1971: Rick Wright, Roger Waters, Nick mason, Dave Gilmour auf einem schwarz-weiß Foto. (Pink Floyd Music Ltd)

Pink Floyd 1971: Rick Wright, Roger Waters, Nick Mason, David Gilmour

Der Bruch mit Pink Floyd

Vor allem Gilmour und Waters zanken sich darüber, wie es musikalisch weitergehen soll. Letztendlich steigt aber der sensible Keyboarder Rick Wright aus, der von allen Seiten musikalischen Gegenwind bekommen hat.

Trotz Roger Waters' zunehmender Alleinherrschaft rafft sich die verbliebene Band noch einmal zu einer gemeinsamen Produktion zusammen: 1983 erscheint "The Final Cut" - mit dem Zusatz "Written by Roger Waters, performed by Pink Floyd" - es ist quasi Waters' erstes Soloalbum. 1985 erfolgt der endgültige Bruch: Waters steigt aus und will die Band direkt mitauflösen. Doch Gilmour und Mason wollen unter dem Bandnamen weitermachen. Ein jahrelanger Rechtsstreit folgt und Waters ärgert sich maßlos darüber, dass Pink Floyd ohne ihn tatsächlich noch erfolgreich sind. Man einigt sich schließlich außergerichtlich. 

Waters setzt seine Solokarriere fort, bringt ein paar Alben heraus und tourt mit "The Wall" durch die Welt - dafür hat er die alleinigen Aufführungsrechte erwirkt. 1990 inszeniert er "The Wall" anlässlich des Mauerfalls in Deutschland auf dem Berliner Potsdamer Platz. Zahlreiche international bekannte Künstler machen mit, darunter Van Morrison, Bryan Adams, Joni Mitchell, Sinéad O'Connor, die Scorpions und Tim Curry. 250.000 Zuschauer sind da, übertragen wird das Spektakel weltweit über Satellit.

Zunehmend politischer

Roger Waters sprüht ein Graffiti an die Mauer in Bethlehem. (Getty Images/AFP/M. Johanson)

Waters sprüht "No Thought Control" an die Mauer in Bethlehem

Mit den Jahren wird Roger Waters immer politischer, er teilt offen Medienschelten aus, kritisiert Regierungen (China, die Bush-Administration), beklagt zunehmende wirtschaftliche Zwänge und Desinformation. Er gibt ein Benefizkonzert für die Opfer des Tsunamis in Südostasien 2004 und steht schließlich doch noch einmal mit Pink Floyd auf der Bühne - ebenfalls für einen guten Zweck: Bob Geldof gewinnt die komplette Band 2005 für sein Live 8-Konzert.

Waters stellt bis heute Krieg, Machtmissbrauch, Überwachung an den Pranger. Zu seinen aktuellen Adressaten zählen neben der israelischen Regierung auch Präsident Trump und Facebook-CEO Mark Zuckerberg, was ihn allerdings nicht davon abhält, seine "BDS"-Aktivitäten über seine Facebook-Seite laufen zu lassen.

Doch selbst wenn sein politisches Engagement stark polarisiert und seine - gelungenen - Soloproduktionen nicht an den früheren Erfolg mit Pink Floyd anknüpfen können, ist Roger Waters unterm Strich ein genialer Musiker, der mit seinem Werk Musikgeschichte geschrieben hat.

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