Richtig essen für das Klima | Wissen & Umwelt | DW | 16.10.2019
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Welthungertag 2019

Richtig essen für das Klima

140 Länder, 140 Essgewohnheiten, 140 verschiedene Auswirkungen auf das Klima. Eine neue US-Studie zeigt, welche Änderung in den verschiedenen Ernährungsgewohnheiten nötig sind, um den Klimawandel einzuschränken.

Wie werden alle Menschen dieser Welt satt? Diese Frage steht Jahr für Jahr im Fokus des Welthungertags der Vereinten Nationen. Doch an diesem 16. Oktober gesellt sich noch eine weitere Frage dazu: Wie können sich alle Menschen eine gesunde Ernährung leisten, die gleichzeitig den Planeten schont?

Dieser Frage sind Forscher des Johns Hopkins Center for a Livable Future in Baltimore, USA, nachgegangen, und haben dafür die Ernährungssituation in 140 unterschiedlichen Ländern untersucht – und die jeweilige Auswirkung auf das Klima.

Für die Industrienationen ist die Lösung klar, sagt Martin Bloem, Co-Autor einer neuen Studie des Zentrums im DW-Gespräch. "Die Menschen in Europa und Amerika müssen dringend ihre Ernährung ändern. Sie müssen mehr pflanzliche und weniger tierische Produkte essen, also weniger Fleisch, Milch und Eier, um den Klimawandel abzuschwächen."

Rinderhälften im Schlachthof

Der Verzicht auf Fleisch hat einen großen Einfluss auf das Klima

Die Studie zeigt weiter: Eine Ernährung, die nur aus einem Drittel aus tierischen Produkten besteht – also zu zwei Dritteln vegan ist – hat einen kleineren Klima- und Wasserfußabdruck als die klassische lacto-ovo-vegetarische Ernährung, bei der auf Fleisch und Fisch verzichtet wird, aber Eier und Milchprodukte konsumiert werden.

Warum tierische Nahrungsmittel schlecht fürs Klima sind

Viehzucht ist laut Welternährungsorganisation der UN für fast 15 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. 65 Prozent dieser Emissionen wird durch Zucht von Rindern verursacht. An Stelle zwei steht die Produktion von Schweinefleisch (neun Prozent), gefolgt von Büffelmilch (acht Prozent) sowie der Hühnerfleisch- und Eier-Produktion (acht Prozent).

Martin Bloem

Martin Bloem ist Direktor des Johns Hopkins Zentrums und Co-Autor der Studie

Der Großteil der Treibhausgase entsteht dabei als Methan (CH4) – ein Gas, das die Tiere bei der Verdauung  produzieren. Und die Viehzucht bringt noch weitere Klimagase hervor: Lachgas (N20) und Kohlenstoffdioxid (CO2), vor allem durch die Futterproduktion, die meist weitflächiges Auftragen von stickstoffbasierten Düngern beinhaltet.

Mehr Treibhausgase gegen den Hunger?

Doch was für westliche Länder gilt, trifft noch lange nicht auf andere Teile der Welt zu. "Die Situation in ärmeren Ländern ist nicht die gleiche wie in einkommensstarken Nationen, wo die Lösungen viel klarer sind", sagt Bloem. Mit über 800 Millionen Menschen auf der Welt, die täglich unter Hunger leiden, könne der Einfluss auf das Klima nicht die einzige Anleitung dafür sein, was Menschen essen sollen, schreiben die Studienautoren.

"Manche Länder, wie Indonesien, Indien und die meisten Länder in Afrika, werden ihre Treibhausgasemissionen und ihren Wasserverbrauch wahrscheinlich drastisch erhöhen müssen, um Hunger und Wachstumshemmung zu bekämpfen", sagt Boem. Denn dort führe die Unterernährung dazu, dass 40 Prozent der Kinder bis zu ihrem zweiten Lebensjahr so wenig Nährstoffe erhielten, dass sie in ihrem Wachstum zurückblieben und Organe und Gehirnfunktionen nicht voll ausgebildet werden könnten.

Milchkaraffe und -Glas

Wichtige Kalzium- und Proteinquelle: Milch

"Das hat enorme Auswirkungen auf das Bildungskapital dieser Länder. Es ist es sehr wichtig, dass wir diese Wachstumshemmung verhindern – und dafür brauchen wir tierische Nahrungsmittel", so Boem. Vor allem Milch und Eier seien für Kinder und schwangere Frauen eine wichtige Proteinquelle.

Fische könnten den Unterschied machen

Eine Lösung könnte laut Boem sein, pflanzliche Produkte, wie etwa Müsli, mit wichtigen Nährstoffen und Vitaminen anzureichern. So ließe sich der Konsum tierischer Produkte verringern, der sowohl die Menschen als auch das Klima teuer zu stehen komme. Die Anreicherung von Nahrungsmitteln aber sei bislang in ärmeren Ländern noch kein Thema.

Boem verweist auf ein Hauptergebnis der Studie: Proteine, die vom unteren Ende der Nahrungskette stammen, also etwa von kleinen Weichtieren wie Schnecken oder von kleinen Fischen, haben demnach einen fast so geringen Umwelteinfluss wie eine vegane Ernährung. 

"In vielen Teilen Afrikas und Asiens, in denen der Milchkonsum nur sehr gering ist, stellen kleine Fische die Hauptquelle von Proteinen und Kalzium dar, sagt der Studienautor.

Kinder sortieren Fischfang

Proteine von kleineren Tieren sind eine klimaschonende Proteinquelle

"Doch 80 Prozent der Fische, die heute produziert werden, stammen aus Asien und werden nach Europa und in die USA exportiert. Und das Futter für diese größeren Fische, die wir importieren, sind  kleine Fische. Das bedeutet, dass die Menschen in diesen Ländern, keinen Zugang mehr zu den für sie lebensnotwendigen Quellen an Protein und Kalzium haben."

Produktion an angepassten Standorten 

Die Forscher fanden auch heraus, dass die lokale Produktion aus klimatischer Sicht nicht immer der beste Weg ist. Die Produktion von einem Pfund Rindfleisch in Paraguay beispielsweise verursacht fast 17-Mal mehr Treibhausgase als ein Pfund Rindfleisch in Dänemark. Häufig ist dieses Ungleichgewicht auf die Entwaldung zurückzuführen, um Weideland zu schaffen, so die Studie.

Eine Landwirtin trägt einen Kohl

Ist lokale Produktion wirklich immer die beste?

"Das Herkunftsland eines Lebensmittels kann also enorme Auswirkungen auf das Klima haben", sagt Bloem. "In Europa ist der Boden zum Beispiel viel fruchtbarer, was die Produktion dort effizienter macht. So könnte der Handel tatsächlich gut für das Klima sein, wenn Lebensmittel an Orten produziert werden, an denen die Klimaauswirkungen am geringsten sind", sagt Bloem, "selbst unter Berücksichtigung der Emissionen für den Transport."

Neun Diäten für das Klima

Am Ende der Studie stehen neun Ernährungspläne, die geeignet sind, um das Klima zu schützen – je nach Region. Angefangen beim Verzicht auf rotes Fleisch, über die lacto-ovo-vegetarische Ernährung bis hin zum Veganismus. "Unsere Recherche zeigt, dass es keine Einheitslösung gibt, um die Klima- und Ernährungskrise anzugehen. Es kommt auf den Kontext an, und die Richtlinien für die Essensproduktion sollten das in jedem Land widerspiegeln", schreibt Seniorautor der Studie, Keeve Nachman, in dem Bericht.

Risotto mit Pilzen

Lecker und gesund auch fürs Klima: eine stark vegetarische Ernährung

Doch eines zeigt die Studie klar: Vor allem die Industrienationen können Einfluss nehmen. Sie werden aufgefordert, Entwicklungs- und Schwellenländer zu beraten und unterstützen, damit dort Umweltsünden vermieden werden, die von den reichen Nationen bereits begangen wurden.

"Tut mehr"

Auch deswegen appellieren die Studienautoren an die Menschen in der westlichen Welt, mehr zu tun. Sie könnten es sich leisten, mehr Geld auszugeben, um für negative Folgen der Nahrungsmittelproduktion aufzukommen, so Bloem.

"Während die Generation der Babyboomer in den Industrienationen gerade mal zehn Prozent ihres Einkommens für Nahrung aufbringt, muss dieselbe Generation in Ländern wie Nigeria, Kenia oder Bangladesch 50 bis 60 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben."