Rettendes Ufer für Journalisten | Europa | DW | 14.04.2019
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Medien in der Türkei

Rettendes Ufer für Journalisten

Journalisten haben in der Türkei einen schweren Stand - nach offiziellen Angaben ist jeder Vierte arbeitslos. Ein EU-finanziertes Projekt soll nun die bedrohte Berufsgruppe schützen und die Pressefreiheit stärken.

Wie viele Journalisten in der Türkei traf es auch Ersan Atar ganz plötzlich. 22 Jahre lang war er Gerichtsreporter und liebte seinen Beruf. Aus ungeklärten Gründen wurde der 46-jährige Atar entlassen, musste sich umorientieren. Nach vier Monaten fand er einen Beruf in der Olivenöl-Produktion und hat sich damit abgefunden. "Vielleicht hört sich das ein wenig zynisch an, aber ich hatte in meinen letzten Jahren als Journalist immer wieder das Gefühl, dass ich jemandem schade. Das hat in mir immer ein gewisses Unwohlsein hervorgerufen. Doch jetzt kann ich etwas produzieren, dass den Menschen zugutekommt."

Imren Aykut und Ersan Atar (DW/G. Solaker)

Neuer Job: Imren Aykut, ehemalige türkische Arbeitsministerin, ist Kundin von Ersan Atar, der nun Olivenöl verkauft

Laut Zahlen des Türkischen Statistikinstituts (TÜIK) waren Journalisten 2018 nach Sozialarbeitern die Berufsgruppe, die am zweithäufigsten von Arbeitslosigkeit betroffen waren. In nur einem Jahr ist die Zahl der arbeitslosen Journalisten um 4,7 Prozentpunkte auf 23,8 Prozent angestiegen.

Der Abgeordnete Baris Yarkadas von der sozialdemokratischen CHP, selbst gelernter Journalist, meint, die Quote liege noch höher. "Nach meiner Einschätzung müsste die Zahl zwischen 25 und 30 Prozent liegen. Von 10.000 Journalisten sind mindestens 3000 arbeitslos, und es sieht danach aus, dass diese Zahl noch ansteigen wird", erklärt er gegenüber der Deutschen Welle.

Die Branche wird von immer größer werdenden Medienkartellen beherrscht. Die Pluralität bleibt dabei auf der Strecke. Im Juli 2016 führte der Putschversuch zu massenhaften Schließungen von Medien- und Pressehäusern. Die Schwächung der Gewerkschaften in der Türkei hat das Problem weiter verschärft.

Baris Yarkadas erinnert daran, dass 173 Pressehäuser geschlossen worden seien, und dass 800 Journalisten die Akkreditierung verloren hätten. Dies sei für ihn der Hauptgrund dafür, dass die Arbeitslosigkeit explodiert sei.

Nun hat sich der Türkische Journalistenverband (TGC) des Problems angenommen. Das Programm "Medien für die Demokratie/Demokratie für die Medien" soll der Arbeitslosigkeit unter Journalisten entgegensteuern.

Medien Türkei Istanbul Zeitungskiosk (Getty Images/C. McGrath)

Presse unter Druck: Zeitungskiosk in Istanbul

Das Programm, das von der Europäischen Union finanziert wird, ging am 1. April an den Start. Es zielt darauf ab, Medienpluralismus zu fördern und Pressefreiheit in der Türkei zu stärken. Journalisten wird Hilfe zur freiberuflichen Arbeit angeboten, zum Beispiel beim Erstellen ihrer eigener Webseite.

"Unsere Absicht ist es nicht, Fische zu verschenken, sondern das Angeln beizubringen. Wir wollen türkischen Journalisten zeigen, dass wir ihre Bemühungen honorieren und ihnen Wertschätzung entgegenbringen", erklärt der Journalist und Programmkoordinator Yusuf Kanli.

Im Rahmen des Programms können Journalisten bis zu fünf Beiträge pro Jahr produzieren und auf der speziell für Journalisten bereitgestellten Nachrichtenseite des Türkischen Journalistenverbandes veröffentlichen. Dafür stellt das Programm Technik und Material bereit.

Zudem wurde unter dem Dach des Verbandes ein "Pressehaus" eingerichtet, das am 17. April eröffnet wird. In der Einrichtung sollen freiberufliche Journalisten, Fotografen und Kameramänner die von dem Programm bereitgestellten Studios, Besprechungsräume, Computer, Software und Expertenunterstützung nutzen können.

EU: Pressefreiheit in einer Demokratie unverzichtbar

Christian Berger, Leiter der EU-Delegation für die Türkei (DW/Diego Cupolo)

Christian Berger, Leiter der EU-Delegation in Ankara

Das Programm wird von der EU finanziert. "Meinungs- und Pressefreiheit sind unverzichtbare Bestandteile einer Demokratie und daher müssen wir Hilfe leisten. Pressefreiheit ist ein zentrales Prinzip der EU und ein wichtiger Faktor auf dem Weg zum EU-Beitritt", sagte der Chef der EU-Delegation in Ankara, Christian Berger, der DW.

Das Programm sei wichtig, um die Grundrechte von Journalisten zu schützen, die Schwachstellen der Branche zu bereinigen und das Arbeitsumfeld zu verbessern, so Berger.

Schwache Gewerkschaften für Journalisten

Programmkoordinator Kanli erklärt, dass ein Mangel an Solidarität und Organisation ein weiterer Grund für die Arbeitslosigkeit unter Journalisten sei. Er kritisiert, dass nur sieben Prozent der türkischen Journalisten in einer Gewerkschaft seien. "Das führt dazu, dass ein Wort vom Chef oder aus der Politik ausreicht. Auch das Problem der unzureichenden Organisation wollen wir lösen."

Um die Vorteile dieses Programms nutzen zu können, wird eine wichtige Bedingung vorausgesetzt. Journalisten müssen Mitglied in einer Gewerkschaft oder einer Journalistenvereinigung sein.

Ersan Atar denkt nicht daran, in seinen alten Beruf zurückzukehren. Doch hat er die Hoffnung für seine jungen Kollegen nicht verloren. "Ich hoffe, dass Journalisten in der Türkei bald wieder eine Zeit erleben, in der ihre universellen Grundwerte wie Pressefreiheit und Meinungsfreiheit von niemandem mehr angetastet werden."

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