Religion: Feigenblatt der Rechten? | Deutschland | DW | 13.02.2018
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Rechte Christen

Religion: Feigenblatt der Rechten?

Sie haben keine Macht und bestimmen dennoch die politische Agenda. Rechte Christen sorgen in Deutschland mit dafür, dass die gesellschaftliche Polarisierung zunimmt. Freiwillig und unfreiwillig.

Christenverfolgung, Religionsfreiheit, Missionierung unter muslimischen Flüchtlingen und die Unterstützung Israels  - in Deutschland gelingt es ultrakonservativen Christen zunehmend, ihre Kernthemen in den öffentlichen Diskurs einzuspeisen.

Das Thema Christenverfolgung, einst ein Randthema, steht mittlerweile auf der politischen Agenda weit oben. Angesichts der von dem Hilfswerk "Open Doors" dokumentierten Gewalt gegen christliche Flüchtlinge in Asylbewerberheimen lässt Bundesinnenminister Thomas de Maizière zum Beispiel seit 2017 "christenfeindliche Straftaten" gesondert erfassen.

Vorbild Trump?

Die Publizistin Liane Bednarz sieht in der Annäherung zwischen rechtskonservativen Christen und politischen Rechten eine Gefahr für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt. "Wir gehen in dieselbe Richtung wie die USA", erklärt die liberalkonservative Christin im DW-Gespräch. Die Evangelikalen in den USA, die mehrheitlich Präsident Donald Trump gewählt haben, hätten vielfach die gleichen Feindbilder wie die gen rechts gedrifteten Christen hierzulande: Islam, Gender, Homoehe und Abtreibung.

Bednarz warnt vor einer politischen Radikalisierung in beiden Lagern. In ihrem neuen Buch "Die Angstprediger. Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirche unterwandern" beschreibt sie, wie Teile der konservativen evangelischen, evangelikalen und katholischen Christen rechtes Gedankengut annehmen und verbreiten.

Abtreibungsgegner USA (picture-alliance/dpa)

US-Präsident Donald Trump bekam viele Stimmen aus dem Lager der zahlreichen Abtreibungsgegner

"Die neue Rechte tritt mit einigen ihrer führenden Köpfe christlich auf und verkauft sich gleichzeitig als konservativ", meint Liane Bednarz. "Viele konservative Christen sind zur Alternative für Deutschland (AfD) gegangen und haben sich mitradikalisiert. Sie wollen offenbar nicht sehen, wie rechts die Partei inzwischen ist."

Erst CDU, dann AfD

Anette Schultner sah dies kommen und zog die Konsequenzen. Die ehemalige Vorsitzende der Plattform"Christen in der AfD" wollte am Aufbau der AfD zu einer konservativen Volkspartei mit christlichen Konturen mitwirken. Die CDU, in der sie mehr als zehn Jahre Mitglied war, hatte sich in ihren Augen von konservativen Werten verabschiedet. Im Oktober 2017 verabschiedete sich Schultner aber auch aus der AfD.

Ihre Entscheidung bereut sie nicht. "Die Entwicklung in die falsche Richtung scheint sich in der AfD zu beschleunigen", sagt Schultner der DW. "Der rechtsradikale Flügel um den Thüringer AfD-Sprecher Björn Höcke verfügt mittlerweile über genug Stimmen, um fast alles verhindern zu können." Schultner hat nun über die schwierige Suche nach einer politischen Heimat ein Buch mit dem Titel "Konservativ. Warum das gut ist" geschrieben. 

Anette Schultner, Ex-AfD (Imago/Ipon)

Anette Schultner, ehemalige Vorsitzende der Christen in der AfD, auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin

Doch die politische Einflussnahme durch rechte Christen erfolgt nicht nur über Parteien. Auch die gezielte Öffentlichkeitsarbeit von Organisationen wie dem Bundesverband Lebensrecht, Aktion Kinder in Gefahr, Pegida, European Christian Political Movement (ECPM), Christliches Forum oder die Deutsche Vereinigung für eine christliche Kultur sorgen für die gewünschte Platzierung auf der politischen Agenda.  

Alternative für Christen?

Theologe Wolfgang Thielmann bescheinigt der AfD, dass sie viele dieser Themen "strategisch klug" aufgegriffen und in ihr Parteiprogramm integriert hat. In aller Regel geschehe dies allerdings unter einer anderen Zielsetzung, erklärt Thielmann, der in seinem Buch "Alternative für Christen?" das Verhältnis der AfD zur Religion untersucht hat.

"Die AfD hat das Abtreibungsverbot nicht in erster Linie aus ethischen, sondern aus bevölkerungspolitischen Gründen ins Programm aufgenommen", sagt Thielmann. "Doch im rechten christlichen Lager schauen viele nicht genau hin, sie sehen nur, dass ihr Anliegen aufgegriffen wurde."

Sein Fazit: "Es gelingt der AfD, dass die Öffentlichkeit ihre Themensetzung diskutiert. Wir reden auf einmal über Überfremdung". Teil der erfolgreichen Strategie sind gefilmte Auftritte von AfD-Abgeordneten im Bundestag, die auf Youtube hunderttausendfach angeklickt werden. Thielmann: "So trägt die AfD dazu bei, dass sich die Gesellschaft polarisiert."

Deutschland Taufe in Berlin für neu konvertierte Christen (Getty Images/AFP/J. MacDougall)

Missionieren unter Muslimen: In Freikirchen werden Flüchtlinge, die zum Christentum konvertieren, getauft

Kritik an der Kirche

Volker Münz, kirchenpolitischer Sprecher der AfD, hält diese Vorwürfe für falsch. "Ich möchte die konservativen Werte in der Politik stärken und versuche, Brücken zu bauen", stellt der Bundestagsabgeordnete klar. Er trat 1993 aus der CDU aus und 2013 in die AfD ein. Münz ist Mitglied der evangelischen Bezirkssynode Göppingen und sitzt im Gemeinderat seiner Kirche in Uhingen.

Ausgerechnet mit seiner eigenen Kirche geht der Protestant hart ins Gericht. "Mit der evangelischen Kirche gibt es Probleme und Verstimmungen. Sie ist zu politisch", sagt er. Münz betont, dass er Unterstützung sowohl von Einzelpersonen aus der evangelischen und katholischen Kirche als auch von freikirchlichen Gemeinden bekommt.

Konservatives Vakuum

Für die Gemeinsamkeiten zwischen rechten Christen und politischen Positionen der AfD macht er den Kurs von Angela Merkel verantwortlich. "In Deutschland gab es zuletzt ein Vakuum auf der konservativen Seite", sagt Münz. Die AfD hole nach, was in anderen europäischen Ländern schon da ist: "Eine neue konservative politische Kraft, die stark christliche Positionen übernimmt."

In der katholischen und evangelischen Kirche wächst nach anfänglichem Schweigen die Überzeugung, dass es "Christenpflicht ist, sich kritisch mit Rechtspopulismus auseinanderzusetzen". Unter diesem Motto hatte der Evangelische Kirchentag bereits im Mai 2017 die damalige Vorsitzende der Christen in der AfD, Anette Schultner, aufs Podium gebeten.

Auf dem bevorstehendenKatholikentag in Münster stellen Gläubige nun den kirchenpolitischen Sprechern der im Bundestag vertretenden Parteien die Gretchenfrage: "Nun sag', wie hältst Du's mit der Religion?". Auf dem Podium am 12. Mai sitzt auch der AfD-Abgeordnete Volker Münz.

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