Regisseur Bernardo Bertolucci ist tot | Filme | DW | 26.11.2018
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Nachruf

Regisseur Bernardo Bertolucci ist tot

Mit 77 Jahren ist der Filmregisseur Bernardo Bertolucci gestorben. Berühmt wurde er mit "Der letzte Tango in Paris" und "Der letzte Kaiser". Doch sein Werk hat viele Facetten. Bewundert und umstritten ist er bis heute.

In den Filmen Bertoluccis spiegelt sich das ganze Leben wider. Das Leben des Filmregisseurs Bernardo Bertolucci - aber auch das Leben eines jeden Menschen. In den 16 langen Spielfilmen des Italieners lassen sich zahlreiche autobiografische Bezüge aufspüren. Doch man kann sie auch sehen und genießen, ohne dass man von all dem weiß. Nicht zuletzt diese Mehrdeutigkeit und die Geschichten, die über das einzelne Individuum hinausweisen, machen die Größe des Regisseurs Bertolucci aus.

Politik und Psychologie im Frühwerk

Im Rückblick lässt sich das Leben und Werk Bertoluccis auf ganz verschiedene Art und Weise interpretieren. Als das eines politisch interessierten Menschen, der in seinen Filmen die Geschichte seines Heimatlandes seziert. Als das eines Regisseurs, der sich vor allem für die psychologisch nachvollziehbaren Handlungen der Menschen interessiert, Väter und Söhne vor allem. Schließlich als das eines Filmverrückten, der die verschiedenen Spielarten und Ausformungen des Kinos ausreizt.

Der große Irrtum (picture-alliance/United Archives)

Jean-Louis Trintignant und Stefania Sandrelli in "Der große Irrtum", einem der gesellschaftskritischen Frühwerke

Die einen werden Bertolucci in Erinnerung behalten, weil er dem italienischen und europäischen Nachkriegskino mit ein paar Filmen neues Leben einhauchte. "Vor der Revolution", "Die Strategie der Spinne" und "Der große Irrtum" sind da vor allem zu nennen, in denen sich der junge Bertolucci, der von der Literatur kam, im für ihn neuen Medium mit gesellschaftlichen Umbrüchen beschäftigte; Kommunismus, Katholizismus und die italienische Geschichte mit dem nicht lange zurückliegenden Mussolini-Faschismus waren seine Themen.

Kammerspiel in Großaufnahme: "Der letzte Tango in Paris"

Andere werden Bertolucci lieben, weil er in den Filmen seiner mittleren Phase einen sich immer stärker entwickelnden Stilwechsel in Richtung filmischer Opulenz vollzog, die Bilder und Einstellungen in seinen Werken immer größer werden ließ, die Emotionen quasi aufpumpte und die ganze Welt vor seine Kameras holte. "Der letzte Tango in Paris" war zwar ein Kammerspiel, aber eines der Großaufnahmen und eines der Kamera-Perspektiven, die selbst intimste Dinge vor den Augen der erschreckten Zuschauer ins Monumentale ausdehnte.

Das zweiteilige Historien-Epos "1900" "atmete" mit seiner weitausholenden Panorama-Perspektive geradezu italienische Geschichte und stand millionenschweren Hollywood-Produktionen von der Ausstattung her in Nichts nach. Ebenso einige der folgenden Filme: Insbesondere "Der letzte Kaiser" zeigte, zu was dieser Regisseur im Stande war: Einerseits die tragische, intime und persönliche Geschichte eines Kindes zu erzählen (die des chinesischen Thronfolgers), andererseits das aber mit einem Heer von Statisten und einer großartigen Ausstattung darzustellen, überwältigend in seiner Pracht, zudem aufgenommen an Schauplätzen, die zuvor ein Kameramann aus dem westlichen Ausland nicht einmal betreten durfte.

Bertolucci kehrte immer wieder zu seinen Wurzeln zurück

Bertolucci drehte seine Filme als europäische Co-Produktionen mit viel Geld aus unterschiedlichen Töpfen. Selbst Hollywood mit seiner finanziellen Hybris staunte - und verlieh Bertolucci 1988 für sein China-Epos neun Oscars. Doch Bertolucci wollte die an ihn gerichteten Erwartungen nie erfüllen. Nach "1900" erzählte er in "La Luna" und in "Die Tragödie eines lächerlichen Mannes" wieder kleinere Geschichten, behandelte menschliche Schicksalen und "kleine" Tragödien.

Last Tango in Paris - Film mit Marlon Brando (AP)

Bertolucci bei den Dreharbeiten zu "Der letzte Tango in Paris" mit Maria Schneider und Marlon Brando

Und so ließ er dem "Letzte(n) Kaiser" mit "Himmel über der Wüste" auch wieder einen intimeren Film folgen, der den einsamen Geschlechterkampf eines Paares in der Wüste zeigte. "Wir sollten gegen das arbeiten, was wir gemacht haben", verriet Bertolucci in einem Interview Ende der 1960er Jahre und weiter: "Man macht etwas, dann widerspricht man dem, dann widerspricht man dem Widerspruch und so weiter." Das war das Prinzip Bertoluccis. Der junge aufstrebende Regisseur arbeitete sich an seinen Vaterfiguren ab, dem realen, der Dichter und Kinokenner war, den frühen Ikonen des europäischen Autorenfilms, Pier Paolo Pasolini und Jean-Luc Godard vor allem. Und ebenso arbeitete sich Bertolucci auch an den Künsten und gesellschaftlichen und politischen Leitbildern ab: Der Literatur und dem Kino seiner Vorbilder - und an Kommunismus und Katholizismus.

Widersprüche als Lebenselixier und künstlerischer Antrieb

Doch damit nicht genug. Wichtig war ja, dass dem ersten Widerspruch ein zweiter folgte. Also wieder zurück zu den Vätern. Bertolucci erkannte, dass nicht alles schlecht war, was ihm seine frühen Vorbilder mit auf den Weg gegeben hatten. Dem analytischen und eher kargen Frühwerk folgte die filmische Opulenz und Kinoüberwältigung. Und dann vermischte sich alles: intimes Kammerspiel und feinnervige Menschenbeobachtung mit großen Gefühlen und melodramatischen Ausschweifungen.

Die Träumer Film von Bertolucci (picture-alliance/dpa)

"Die Träumer" mit Eva Green, Louis Garrel (l.) und Michael Pitt war 2003 auch eine Hommage an den Lehrmeister Jean-Luc Godard

"Lebendigkeit entsteht genau kraft der Fähigkeit, sich selber zu widersprechen", lautete eine Art Fazit in jenem Interview, das Bertolucci so früh gegeben hatte, das aber auch eine Art Vorausschau auf sein späteres Werk war.

Bernardo Bertolucci hat ein paar großartige Filme hinterlassen. Unumstritten war er nicht. Manche Experten warfen dem Italiener gerade seine hemmungslose Opulenz in Filmen wie "Der letzte Kaiser" vor, die dann bei einem Werk wie "Little Buddha" gar ins Naive umschlug. Und ein Film wie "Der letzte Tango in Paris" erscheint heute trotz aller schauspielerischen Bravourleistungen und Tabuüberschreitung im Zuge der #MeToo-Debatte in einem anderen Licht.

Im Alter von Krankheit gezeichnet

Schließlich haben die künstlerische Kraft und der Wille zur Erneuerung bei Bertolucci in späteren Jahren stark nachgelassen. Nur 2003 gelang ihm mit "Die Träumer" noch einmal ein Film von außerordentlicher künstlerischer Kraft. Das mag auch seiner angeschlagenen Gesundheit geschuldet sein.

Bernardo Bertolucci (picture-alliance/AP Photo/N. Ut)

Bertolucci war in den letzten Lebensjahren, in denen er viel geehrt wurde, an den Rollstuhl gefesselt

Übrig bleibt doch aber eine der größten Regie-Karrieren des europäischen Nachkriegsfilms. Gerade weil Bertolucci so viele verschiedene ästhetische Strömungen in seinen Filmen aufnahm und variierte, weil er Gesellschaft und Historie, Persönliches und Politisches auf unnachahmliche Art und Weise miteinander verzahnte, Altes mit Neuem zusammenbrachte und in verschiedene künstlerische Formen goss, wurde Bernardo Bertolucci zu einem der ganz Großen des Kinos.

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