Reformation und Politik - Das neue Themenjahr | Deutschland | DW | 31.10.2013
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Deutschland

Reformation und Politik - Das neue Themenjahr

Luther hat mit seinen Thesen eine Revolution in Kirche und Politik ausgelöst, die viel Gewalt mit sich brachte. Die Evangelische Kirche reflektiert das Spannungsfeld von kirchlicher Verantwortung und politischer Macht.

Michael Stübgen ist zu DDR-Zeiten Pfarrer geworden und hat sich während seines Studiums intensiv mit Martin Luther auseinandergesetzt. In der politischen Wendezeit hat er sich der Politik zugewandt. Heute sitzt er für die CDU im Deutschen Bundestag. Sein Abgeordneten-Büro hat er in Berlin an der feinsten Adresse Unter den Linden. Dort, wo einst das DDR-Bildungsministerium residierte. Trotz aller aktuellen Koalitionsverhandlungen scheint er froh zu sein, in einem Interview über das neue Themenjahr nachdenken und sprechen zu können. Denn Politik und Reformation bestimmen bis heute sozusagen seinen Alltag. Obwohl er sich sicher ist, dass Luther heute, wenn er noch lebte, nicht unbedingt mit ihm auf der Abgeordnetenbank sitzen würde. "Martin Luther war zunächst ein Mensch, der völlig unpolitisch war. Er war ein Mönch. Er wollte Gott dienen und er ist, nachdem er diese Thesen veröffentlicht hat, von den politischen Implikationen geradezu überrollt worden", sagt Stübgen.

Luther war kein Politiker

Michael Stübgen ist evangelischer Pfarrer und seit 1990 Mitglied der CDU und des Bundestages. Foto: Dietmar Seidel

Michael Stübgen: Luther wollte keine Kirchenspaltung

Mit seinem Thesenanschlagwollte Luther im Grunde allein die damaligen Fehlentwicklungen in der katholischen Kirche beheben, bestimmt aber nicht die Kirche und das deutsche Land politisch spalten, betont der CDU-Abgeordnete im Gespräch mit der Deutschen Welle. Luther habe bei seinem berühmten Thesenanschlag 1517 gar nicht absehen können, dass es auch ein Interesse der deutschen Fürsten gab, sich an den katholischen Kirchgütern bereichern zu können. In Stübgens Wahlkreis im südlichen Brandenburg fand in Mühlberg an der Elbe 1547 die letzte vernichtende Schlacht der Katholiken unter Karl V. gegen den Schmalkaldischen Bund der Evangelischen statt. Diese Schlacht hatte Luther zwar nicht mehr miterlebt, aber die Gewalt zwischen den beiden christlichen Lagern lastete schwer auf seiner Seele. Denn ohne seine kraftvollen Thesen und reformatorischen Schriften hätte es diese rasante kirchenpolitische Entwicklung wohl nie gegeben. "Er wollte keine Kirchenspaltung. Das war für ihn furchtbar. Und wie man aus seinen letzten Schriften weiß, hat ihn das unglaublich belastet“, erklärt der Theologe und Politiker Stübgen.

Die Obrigkeit hat Pflichten

Luther wollte, dass seine Reformation friedlich verlaufen sollte. Jede Revolution und Unruhe war ihm ein Graus. Garant dafür war ihm die Obrigkeit, die ihm als gottgegeben galt. Daher verurteilte Luther auch die Bauernaufstände 1525 aufs Schärfste. Das hieß für ihn aber nicht, dass die Fürsten und Könige nun einfach frei regieren konnten. Für Luther war klar, dass alle Obrigkeit auch eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Untertanen haben muss. "Na wenn zum Beispiel die Fürsten und die Obrigkeit sich nicht um das Volk kümmern. Sich nur an ihrer Lust und Freuden orientieren, nur machtgierig sind, das hat er auf jeden Fall kritisiert", erklärt Michael Stübgen

Eine Touristin fotografiert am Freitag (29.10.2010) die Thesen Martin Luthers an der Tür der Schlosskirche in Lutherstadt Wittenberg. Der Überlieferung nach schlug Luther hier am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an. Dies gilt als Beginn der weltweiten Reformation der Kirche. Am Wochenende wird der Reformationstag in Lutherstadt Wittenberg wie jedes Jahr mit einem Festgottesdienst gefeiert. Foto: Jan Woitas dpa/lah

Die Tür der Schlosskirche in Wittenberg. Der Überlieferung nach schlug Luther hier 1517 seine 95 Thesen an

Der CDU-Politiker sieht sich bis heute dem Erbe Luthers verpflichtet. Als Abgeordneter im Bundestag versteht er sich heute als Teil der vom Volk legitimierten Obrigkeit, ganz im lutherischen Sinne. Und ganz lutherisch fühlt er sich damit verpflichtet, eine bestmögliche Politik zu machen. "Es ist nicht notwendig, alles ändern zu wollen und zu glauben, ich weiß alles besser. Aber wenn etwas gegen menschliche Würde, gegen Gerechtigkeit, gegen Frieden verstößt, dann bin ich aufgefordert, mich dagegen zur Wehr zu setzen."

Politik als theologisches Thema

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat das schwierige Feld des Spannungsverhältnisses von Politik und Reformation zum Schwerpunkt ihres Themenjahres gemacht. Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD in Hannover, räumt ein, dass Luther heute in seinen politischen Aussagen oftmals schwer zu begreifen ist. Gerade seine Hasspredigten gegen die aufständischen Bauern, die doch letztlich nur ihr Recht auf ein besseres Leben erkämpfen wollten, erzeugten bis heute großes Unverständnis.

Dr. Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD und Leiter der Abteilung Kirchliche Handlungsfelder. Bild: EKD via: DW/Klaus Krämer

Dr. Thies Gundlach: Luthers politische Aussagen sind heute schwer zu verstehen

"Martin Luther ist ein mittelalterlich geprägter Mensch, der sich so einen Bauernaufstand als eine legitime Form der Interessensdurchsetzung nicht vorstellen konnte. Der hat halt von der französischen Revolution noch viel Abstand", erklärt der evangelische Theologe.

Dennoch müsse man auch das politische Erbe des Reformators für die heutige Politik und Demokratie würdigen, so Gundlach. Gerade Martin Luther sei es gewesen, der in seiner Entdeckung der Freiheit eines jeden Christenmenschen auch die individuelle Verantwortung nicht nur vor Gott, sondern eben auch vor allen anderen Menschen und dem Gemeinwesen formuliert hat. Luther sei derjenige, der das Gewissen der Bürger und vor allem der Politiker geschärft habe.

"Wir wollen die Möglichkeit in Anspruch nehmen, das Gewissen der Menschen anzusprechen, die Politik machen", sagt der EKD-Theologe Thies Gundlach und fügt hinzu, dass durch die Reformation sich damals das Bewusstsein geändert habe, wie der Mensch zu Gott steht. Die Entdeckung des Individuums sei eng mit der Unantastbarkeit der Menschenwürde verknüpft.

Die EKD wünscht sich im neuen Themenjahr eine vielfältige Diskussion zwischen Kirche und Politik. Es geht darum, wie eine bessere Zukunft gemeinsam gestaltet werden kann.