Reality-Check: Alternative Verpackungen | Wissen & Umwelt | DW | 11.08.2019
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Plastikvermeidung

Reality-Check: Alternative Verpackungen

Ob Bioplastik aus Zuckerrohr oder Tragetaschen aus Papier - inzwischen gibt es zahlreiche Alternativen zu herkömmlichem Plastik. Aber nicht alle sind wirklich so grün, wie sie scheinen.

Tragetaschen aus Bioplastik (picture-alliance/dpa/B. Settnik)

Nach viel Kritik eingestellt: Tragetaschen aus Bioplastik, die als "100 Prozent kompostierbar" beworben wurden

Plastik verschmutzt Meere und Umwelt, verbraucht Ressourcen und die Produktion setzt CO2 frei. Und trotzdem werden laut einem Bericht des BUND und der Heinrich Böll Stiftung weltweit über 400 Millionen Tonnen pro Jahr produziert - Tendenz steigend. Mehr als ein Drittel davon sind Verpackungen. Immerhin: Auch alternative Ansätze werden entwickelt. Aber wie umsetzbar sind diese Alternativen wirklich - und wie umweltschonend? Der Reality-Check einiger populärer Kandidaten.

Glas

Nicht immer muss es etwas Brandneues sein: Glasbehälter können als Verpackung für alle möglichen Produkte genutzt werden. "Glas ist natürlich ein schönes Material, weil es super recyclingfähig ist", sagt Elke Salzmann von der Verbraucherzentrale. Und auch ein weiteres Problem vieler anderer Verpackungen kommt bei Glas nicht vor: Es gibt keine Schadstoffe an die Lebensmittel ab, erklärt Salzmann.

Allerdings hat Glas einen anderen, entscheidenden Nachteil. "Glas ist deutlich schwerer als Kunststoff", sagt Tom Ohlendorf, Verpackungsexperte des WWF. Das Gewicht ist nicht nur ein wichtiges Auswahlkriterium für Verbraucher, die nicht so schwer schleppen wollen. Auch auf den Transportwegen wird mehr Treibstoff gebraucht und mehr CO2 ausgestoßen, wenn die Ladung mehr Gewicht hat. Und: "Glas ist aufwändig in der Herstellung," fügt Elke Salzmann hinzu. Deswegen sei es auch vor allem nachhaltig, wenn es als Material für Mehrwegverpackungen genutzt wird.

Papier und Pappe

Inzwischen sieht man sie mindestens so oft in den Geschäften wie ihre Pendants aus Plastik: Papiertüten, oft aus bräunlichem Papier - recycelt. Denkt man. "Da steht auch immer drauf: Für die Umwelt. Und dann ist es so gestaltet, dass es an Recyclingpapier erinnert. Aber das ist kein reines Recycling-Produkt", weiß Salzmann. Schließlich müssten dem Papier in der Produktion Stoffe zugesetzt werden, damit es reißfest und tragfähig genug ist. Um im Vergleich zur Tüte auf Rohölbasis eine bessere Ökobilanz zu haben, müsse die Papiertüte drei bis vier Mal wiederbenutzt werden - das sei aber unwahrscheinlich, meint Elke Salzmann.

"Die Einweg-Tragetasche aus Papier ist nicht zwingend besser als die Tragetasche aus Kunststoff," merkt auch Tom Ohlendorf an. Es müssten nämlich auch die Ressourcen eingerechnet werden, die für die Herstellung nötig sind: Laut Umweltbundesamt werden für ein Kilo Druckerpapier etwa 50 Liter Wasser verbraucht. "Papier und Pappe haben natürlich den Vorteil, dass es in der Umwelt keinen Schaden anrichtet, weil es zerfällt", sagt Salzmann. "Zukunftsfähiger wäre es aber, auf Mehrweg zu setzen. Stattdessen werden dem Verbraucher immer mehr To-Go-Produkte im Papierschälchen angeboten", so die Expertin.

Hierbei gibt es ein weiteres Problem: Für eventuelle Schadstoffe in Papier und der draufgedruckten Farbe wurden noch keine EU-Grenzwerte festgelegt. Bei einer Untersuchung im Juli diesen Jahres fand der europäische Verbraucherverband BEUC unter anderem in Servietten und Kaffeebechern aus gefärbtem Papier Stoffe, die im Verdacht stehen, Krebs zu erregen.

Biokunststoffe

In den letzten Jahren wurden sie viel diskutiert: Biokunststoffe. Oft basieren sie auf Stärke und können so - wenn sie ausschließlich aus nachwachsenden Rohstoffen produziert werden - ohne die endliche Ressource Erdöl auskommen. Doch aufgepasst mit dem Begriff "Bioplastik" - der ist nicht geschützt. "Biokunststoff ist erstmal ein Agrarkunststoff. Er muss nicht aus biologischem Anbau sein," sagt Salzmann. Somit könnten dort auch Pestizide eingesetzt worden sein. Außerdem müssen Kunststoffe nicht komplett aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt sein, um als "Bio" bezeichnet werden zu dürfen.

Auch nach der Nutzung gibt es ein Problem: Zwar sind die Taschen im Großen und Ganzen kompostierbar - aber: "In industriellen Kompostieranlagen werden bestimmte Konditionen benötigt, unter anderem die Temperatur, damit diese Biokunststoffe sich überhaupt zersetzen", erklärt Ohlendorf. Doch selbst in diesen Anlagen würden sie häufig aussortiert und verbrannt, da sie entweder von regulären Plastiktüten nicht zu unterscheiden sind, oder länger zum Zersetzen brauchen als der Rest des Biomülls. Auf dem heimischen Kompost funktioniert die Zersetzung der Tüten also nicht - und ebenso wenig im Meer. 

"Gut sind Agrarkunststoffe dann, wenn man sie aus Abfallprodukten der landwirtschaftlichen Erzeugung herstellen kann", sagt Elke Salzmann. Ein Beispiel dafür ist die Bagasse. Das sind die breiigen Reste des Zuckerrohrs, nachdem es für die Zuckerproduktion ausgepresst wurde. "Dieses Material soll angeblich ohne Zusatzstoffe auskommen. Das sind aber noch relativ neue Produkte. Da muss man abwarten, wie die sich bewähren, wenn sie unabhängig im Labor getestet werden," so Salzmann.

Stroh

Alternativen zu Plastik Verpackungen aus Stroh (picture-alliance/dpa)

Dieses Unternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern setzt auf eine Mischung aus Stroh und Zellulose

Der Versandhandel wird immer größer - und damit auch der Verbrauch von Verpackungsmaterial. Um dem Trend von Plastik-Luftpolstern und Styropor als Transportschutz entgegen zu wirken, begeben sich einige Forscher "back to the roots" - zum Stroh. Ob ohne andere Materialien in Form gepresst oder mit Zellulose gemischt - "das ist definitiv eine Alternative, die künftig noch mehr Zulauf gewinnen wird", vermutet Ohlendorf.

"Man muss natürlich gucken, wo das Stroh herkommt, ob extra für dieses Produkt neue Felder angelegt werden, oder ob es tatsächlich ein Nebenprodukt ist," schränkt der Experte ein. Außerdem müsse auch hier geschaut werden, was nach der Nutzung passiert. "Ist das Stroh unbehandelt, dann darf man es mitunter in der Biotonne entsorgen. Geht es aber in den gelben Sack, dann wäre es verloren."

So viele Alternativen - aber welche gewinnt?

Bei allen kreativen Ideen: "Die beste Verpackung ist letzten Endes die, die es gar nicht gibt", sagt Tom Ohlendorf. Doch bis dahin, da sind sich beide Experten einig, sollten wir vor allem auf wiederverwendbare oder zumindest recycelbare Produkte setzen - und die könnten auch aus hochwertigem herkömmlichen Kunststoff hergestellt sein.

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