Rätselraten über Motive von Tesla-Chef Musk | Wirtschaft | DW | 08.08.2018
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Autoindustrie

Rätselraten über Motive von Tesla-Chef Musk

Ein Tweet von Elon Musk treibt die Aktie des Elektroauto-Pioniers nach oben: Ein rechtlich brisanter Vorfall. Zudem rätselt alle Welt: Will der Tesla-Chef seine Firma tatsächlich von der Börse nehmen? Eine Spurensuche.

Ein Paukenschlag ganz im Stil des US-Präsidenten, die Börsenaufsicht wird misstrauisch und die Wall Street kennt nur noch eine Auto-Marke: Tesla. Elon Musk hat es geschafft, mit kaum 140 Zeichen die ganze Aufmerksamkeit auf seine Firma zu lenken, die seit Jahren versucht, Elektroautos zu bauen und damit auch noch Geld zu verdienen. Bisher hat beides zusammen noch nicht geklappt.

Am Dienstagabend twitterte der Tesla-Chef kurz und bündig via Twitter: "Erwäge Tesla für 420 Dollar zu privatisieren." Das saß; der Mann hat mehr als 22 Millionen Follower. "Finanzierung gesichert", auch diese Behauptung konnte man noch lesen. Die Börse spielte verrückt, die Tesla-Aktie mussten von der Nasdaq aus dem Handel genommen werden. Da hatte das Papier innerhalb von zwei Stunden unterm Strich schon mal um elf Prozent zugelegt.

Die Zweifel daran, ob das denn alles mit rechten Dingen zugegangen war, schossen allerdings derart ins Kraut, dass Musk nachlegen musste. Diesmal in einer E-Mail an seine nahezu 40.000 Mitarbeiter: Doch, er habe den Tweet selbst abgesetzt, und ja, es sei womöglich "der beste Weg nach vorn", Tesla wieder von der Börse zu nehmen. Entschieden habe er sich aber noch nicht.

Was könnten die Beweggründe für diese Entscheidung und ihre bisher fulminante Inszenierung sein?

Da ist einmal Teslas Kursgewinn allein schon durch die Twitter-Ankündigung: Seit acht Jahren ist die Tesla-Aktie an der Nasdaq notiert, zuletzt zum Preis von rund 343 Dollar. Zwei Stunden nach dem Twitter-Gewitter kostete das Papier 379,57 Dollar. Musk selbst hält übrigens 20 Prozent der Anteile an Tesla. Für ihn hat sich der Kursprung auch ganz persönlich zunächst gelohnt. Aber geht's darum? Schon jetzt hätte Tesla einen Marktwert von nahezu 64 Milliarden Dollar - einiges mehr als die traditionellen Großen Drei: Bei GM sind es 54 Milliarden, bei Ford 40 Milliarden, bei Chrysler mit Fiat 26 Milliarden Dollar.

Musk und Tesla haben vom Gang an die Börse vor acht Jahren bisher in großem Stil profitiert: Der Pionier der Elektroautos verbrennt Milliarden beim Aufbau seiner Autofabriken; Gewinne muss man mit der Lupe suchen. Wenn überhaupt, spielt Tesla ab und an Geld mit den Luxuskarossen Model S und Model X ein. Das massentaugliche Model 3 kommt immer noch nicht recht im Massenbetrieb an. Die Anlaufschwierigkeiten scheinen gigantisch.

USA Tesla Model 3 (Reuters/L. Nicholson)

Musk-Hoffnungsträger Model 3 im Laden in San Francisco

Gewinne und Verluste und Verluste

Dabei hängt am Erfolg des Model 3 die Zukunft von Tesla. Mit einem Basispreis ab 35.000 Dollar (gut 29.000 Euro) will Musk Käufer mit kleinerem Geldbeutel ansprechen und höhere Stückzahlen erreichen als mit seinen mehr als doppelt so teuren Premiummodellen. Und selbst da sieht es mit der Gewinnmarge offenbar gar nicht gut aus: Andere Luxushersteller fahren mit jedem verkauften Auto mal 69.000 Euro (Ferrari), mal 17.000 Euro (Porsche) ein. Nach Berechnungen des Automobil-Experten Ferdinand Dudenhöffer macht Tesla dagegen mit jedem verkauften Fahrzeug derzeit 11.000 Euro Verlust.

Viel Kapital war und ist da nötig, und bisher sind die Investoren dem Vorreiter Musk willig gefolgt. Musks Kritik an der Börse mute deshalb fast schon bizarr an, kommentierte das "Wall Street Journal" den Vorstoß. Denn tatsächlich hätte Tesla ohne die Börse nie so viel Geld auftreiben können - die Aktionäre würden seit Jahren über die hohen Verluste hinwegsehen.

Aber Geduld ist an der Börse im Falle des Falles ein flüchtiges Gut. Mittlerweile laufen bei Anlegern zahlreiche Wetten auf ein Scheitern bei Tesla mit entsprechenden Kursverlusten. Zu hoch erscheinen die Risiken, die Musk mit Model 3 eingegangen ist.

Sich dem Misstrauen und den Fragen der Anleger zu entziehen, scheint deshalb Musks vorrangiges Motiv zu sein:  "Als börsennotiertes Unternehmen sind wir wilden Schwankungen unseres Aktienkurses ausgeliefert, die eine große Ablenkung für alle sein können, die bei Tesla arbeiten", schrieb Musk am Dienstag an seine Mitarbeiter. Auch sorge die Pflicht, Quartalszahlen zu veröffentlichen, für enormen Druck. Einige Mitglieder des Tesla-Aufsichtsrats könnten dem Weg des Unternehmensgründers möglicherweise folgen. Sie wollen den Rückzug von der Börse zumindest prüfen.

Elon Musk, CEO SpaceX & Tesla Inc. (picture-alliance/AP Photo/J. Raoux)

Tesla-Gründer Elon Musk: "Finanzierung gesichert"

Saudis und andere Großaktionäre

Kurz bevor Musk mit Tweets und Mail selbst für Aufregung sorgte, hatte ein Bericht der "Financial Times" die Börse in Wallung gebracht. Dem Blatt zufolge ist Saudi-Arabien mit seinem Staatsfonds bei Tesla eingestiegen und hält mittlerweile drei bis fünf Prozent an Musks Firma. Wenn stimmt, was das Finanzblatt von Insidern erfahren hat, hätten die Saudis nach und nach eine mehrere Milliarden Dollar schwere Beteiligung aufgebaut und wären inzwischen unter den acht größten Tesla-Aktionären. 

Dem Aktienkurs gab schon diese Nachricht ordentlich Kursauftrieb. Tesla verliert ja weiterhin laufend Geld und hat begrenzte Kapitalreserven, so dass die Aussicht auf einen finanzstarken Partner den Anlegern durchaus gefallen dürfte. Aber gefällt sie auch Musk? Der Staatsfonds der Saudis hat sich seine Anteile dem Bericht zufolge mit Hilfe der Großbank JPMorgan am Markt zusammengekauft. Neue Aktien wollte Tesla für die Saudis offenbar nicht ausgeben.

"Kursrelevante Aussagen"…

Die Finanzierung seines Ausstiegsszenarios aus der Börse sei gesichert, hatte Musk schon in seinem ersten Tweet verkündet. Wie, das sagte er nicht. Auch nicht durch wen. Stattdessen orakelte er, dass Aktionäre ihre Anteile mit großem Aufschlag veräußern können sollten. Für den Tesla-Chef könnte all das noch Konsequenzen haben.

Infografik Kursverlauf Tesla Aktie am 7. August 2018 DE

Teslas Kurs vor und nach Musks Tweet

Musk müsse den Nachweis erbringen, dass die Finanzierung stehe, sagte der Jurist John C. Coffee von der Columbia Law School dem Portal "Yahoo Finance". "Aber wenn er dies nicht belegen kann, riskiert er einen großen Rechtsstreit." Sein Bluff könnte dann Klagen wegen Marktmanipulation nach sich ziehen. Auch die US-Börsenaufsicht SEC habe sich bereits bei Tesla erkundigt, ob die massiv kursbewegende Mitteilung den Tatsachen entspreche und warum sie einfach während der öffentlichen Handelszeiten über den Kurznachrichtendienst Twitter lanciert worden sei, berichtet das Wall Street Journal".

… und "Aprilscherze"

Warum also das alles? Das Orakeln über die Motive rutscht mangels klarer Aussagen von Tesla leicht in Mutmaßungen über den Charakter des Chefs ab. Vor kurzem erst ging Musk Analysten und Journalisten bei einer Bilanzkonferenz frontal an: "Langweilig" und "dumm" seien deren Fragen und gar nicht "cool", so der Firmengründer. "Der nächste bitte", bügelte er die Frager ab. Im nachbörslichen Handel gaben die Anteilsscheine anschließend prompt um fünf Prozent nach.

USA Elon Musk schießt Tesla-Roadster mit neuer Super-Rakete ins All (picture-alliance/ZUMA Wire/Space X)

Musk-Auto in Musk-Rakete - Tesla-Roadster beim Start der Rakete "Falcon Heavy" im Dezember 2017

Und dann war da noch die Sache mit dem "Aprilscherz". Zu Ostern hatte Musk die Anleger per Twitter mit der Nachricht erschreckt, Tesla sei so gut wie pleite - "so bankrott, du kannst es nicht glauben", hieß es in dem Tweet - um dann nachzuschieben: April, April!

Der 47-jährige ist jedenfalls für allerlei Ungereimtheiten gut. Ob es sich um Charaktermacken oder persönliche Ausfälle handelt, lässt sich dabei selten beantworten. Vielleicht ist es ja auch als besonders geschickte Marketing-Kampagne gedacht, um seine schuldengeplagte Firma so lange über Wasser zu halten, bis wirklich viele Tausend Elektroautos vom Band rollen - oder Musk mit einer seiner firmeneigenen Raketen womöglich auf dem Weg zum Mars ist. Auch dieses Ziel hatte der Pionier schon mal ausgegeben.

ar/bea (dpa, rtr, ap – Archiv)

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