Rätselhafte Revolte in Tadschikistan | Welt | DW | 09.09.2015
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Welt

Rätselhafte Revolte in Tadschikistan

In der ehemaligen Sowjetrepublik wird die Sicherheitslage immer instabiler. Der Vize-Verteidigungsminister ist zusammen mit bewaffneten Anhängern aus der Hauptstadt geflohen. Erbitterte Kämpfe sind ausgebrochen.

Tadschikistan Soldaten (Foto: DW/G. Faskhutdinow )

Soldaten in Tadschikistan

Tadschikistan hatte bis vor kurzem als einziges Land im postsowjetischen Raum eine legale islamische Partei. Doch nach vielen Jahren der schleichenden Repressionen kam auf einmal der Paukenschlag: Ende August wurde die Partei der islamischen Wiedergeburt verboten.

Wenige Tage danach eskalierte die Lage: Am 3. September flüchtete Vize-Verteidigungsminister Abduchalim Nasarsoda mit rund 150 bewaffneten Anhängern aus der Hauptstadt Duschanbe Richtung Osten ins Ramit-Tal.Auf der Flucht sollen diese zwei Polizeistationen angegriffen haben. Nach offiziellen Angaben kamen dabei neun Polizisten ums Leben, mehrere Menschen wurden verletzt. Der General verschanzte sich mit seinen Unterstützern im Tal und liefert sich seit Ende vergangener Woche Kämpfe mit den Sicherheitskräften.

Tadschikistan Präsident Emomali Rachmon (Foto DW/Galim Fashutdinow)

Emomali Rachmon regiert das Land schon seit mehr als zwei Jahrzehnten

Die Zahl der Opfer auf beiden Seiten wird bisher auf etwa 40 geschätzt. Gleichzeitig meldet die tadschikische Polizei, dass sich schon über 50 Rebellen ergeben haben. Doch die Lage vor Ort ist immer noch unklar. Über eine dritte Person bestritt der General angeblich, dass er an den Anschlägen auf die Polizeiwachen beteiligt war, bestätigte wohl aber gleichzeitig, dass er der Staatsgewalt trotzt.

Wer ist dieser Mann?

Im islamisch geprägten Tadschikistan stellen sich jetzt viele die Frage: Was hat den ranghohen Offizier zu einer bewaffneten Aktion bewogen? Er gehörte schließlich noch bis zur vergangenen Woche zu einem Kreis von Funktionären mit einer makellosen militärischen Karriere. Nach seinem Studium an einer Militärakademie in Moskau bekleidete er wichtige Ämter im tadschikischen Verteidigungsministerium - und wurde dort vor acht Monaten schließlich zum stellvertretenden Minister ernannt.

Auch finanziell ging es ihm gut: Er besaß eine Vielzahl von Immobilien, Restaurants und landwirtschaftliche Betriebe, die aber diese Woche konfisziert wurden.

Friedensvertrag ist Makulatur

Als Tadschikistan nach dem Zerfall der UdSSR Anfang der 1990er Jahre im Bürgerkrieg versank, war Nasarsoda lokalen Medienberichten zufolge auf der Seite der Opposition. Diese schloss erst 1997 einen Friedensvertrag mit dem langjährigen Präsidenten Emomali Rachmon. Der Vertrag sah vor, dass die Opposition 30 Prozent der Parlamentssitze und der wichtigen staatlichen Ämter bekommen sollte. Anfang 2000 begann Rachmon aber, seine Machtposition zu festigen und die Opposition ins Abseits zu drängen.

Gebet in einer Moschee in Duschanbe (Foto:DW/Galym Fashutdinov)

Tadschikistan ist islamisch geprägt

Spätestens seit diesem Jahr ist der Vertrag nun endgültig zur Makulatur geworden. Im Vorfeld der Parlamentswahlen wurde in den staatlichen Medien eine Diffamierungskampagne gegen die Partei der islamischen Wiedergeburt gestartet. Unter ungeklärten Umständen erhielt die bis dahin zweitstärkste politische Kraft des Landes diesmal überhaupt keine Sitze im Parlament. Nach der Wahl fühlte sich Mukhiddin Kabiri, der Vorsitzende der islamischen Partei, bedroht - und emigrierte in die Türkei. Gleichzeitig ging das tadschikische Regime auch gegen viele andere oppositionelle Gruppierungen hart vor. Nun ist Präsident Rachmon, der Tadschikistan seit über 22 Jahren ununterbrochen regiert, de facto Alleinherrscher.

Offiziere fliehen - auch in Richtung IS

Die Regierung in Duschanbe versucht jetzt, den Konflikt mit dem abtrünnigen General Nasarsoda als einen Kampf gegen die islamistische Gefahr darzustellen. Auch die inzwischen verbotene Partei der islamischen Wiedergeburt distanzierte sich von ihm. Doch weil Nasarsoda im Bürgerkrieg zur Opposition gehörte, gehen einige Experten davon aus, dass seine Rebellion als Protest gegen die aktuelle Unterdrückung der Opposition zu deuten ist.

Weil es zu wenig Informationen über die Hintergründe des Konflikts gibt, könne man sich aber schwer eine Meinung bilden, sagt der tadschikische Politologe Schokir Hakimow im Gespräch mit der DW. Er finde das Vorgehen des Generals sehr seltsam: "Er hat sich nie als politischer Akteur profiliert. Was hat ihn dazu getrieben, seinen Status zu opfern?"

Ein Schritt in die falsche Richtung

Der russische Journalist und Zentralasien-Experte Andrej Sachwatow hegt andere Zweifel: "Revolten gibt es in den Hauptstädten, nicht in den Bergen. Wäre es ein Aufstand gewesen, würde der Präsident nicht zwei Tage nach der Flucht von Nasarsoda nach Wachdat (Anm. d. Red.: zum Ort eines Anschlags) fahren, um die Eröffnung eines Zementbetriebs zu feiern."

Besonders beunruhigt zeigt sich die deutsche Zentralasien-Expertin Beate Eschment: "Was wir seit dem letzten Jahr sehen, nämlich das Herausdrängen der islamischen Opposition, ist besorgniserregend". Man bekämpfe die Unzufriedenheit nicht, indem man ihr einziges Sprachrohr bekämpfe, sondern indem man die Verhältnisse verbessere: "Was heute passiert, ist taktisch ein falscher Schritt".

Intern finden wohl heftige Machtkämpfe hinter den Kulissen statt, vermutet Eschment. Schon im Mai flüchtete ein weiterer Polizeioffizier zusammen mit einigen bewaffneten Unterstützern aus Tadschikistan. Sie schlossen sich dem "Islamischen Staat" (IS) in Syrien an. Insgesamt kämpfen rund 400 Tadschiken in den Reihen der Terrormiliz. Tadschikistan hat außerdem eine lange Grenze zu Afghanistan: "Je instabiler Tadschikistan ist, desto wahrscheinlicher wird es, dass afghanische Verhältnisse dorthin überschwappen", warnt Eschment.

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