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Putins Alkoholproblem

Markus Reher, Moskau31. Oktober 2006

Gorbatschow hatte es, und bei Jelzin war es offensichtlich: das Problem mit der Flasche. Doch auch der Asket unter den Staatslenkern im Kreml, Wladimir Putin, bekommt den Alkoholkonsum im Land nicht in den Griff.

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Wie eine Epidemie breitete sich die Vergiftungswelle in der letzten Woche aus. Fernsehsender brachten Bilder apathisch Leidender in überfüllten Krankenhäusern. Fähnchen auf einer eingeblendeten Karte markierten die Orte der Seuche und zeigten das ganze Ausmaß der Katastrophe: Überall im Lande, in mehr als zehn Regionen, von der finnischen Grenze bis zum sibirischen Baikalsee, vom Nordmeer bis zur Schwarzmeerküste waren Russen betroffen. Mehr als 2000 Fälle registrierten die Behörden bis zum Wochenanfang und mehr als 100 Tote. Diagnose: toxische Gelbsucht. Akute Alkoholvergiftung nach Genuss von mit Industriealkohol gepanschtem Schnaps.

40.000 Tote pro Jahr

Täglich melden die Agenturen neue Fälle, die Staatssender berichten von noch mehr vergifteten Verbrauchern und inzwischen emsig ermittelnden Milizionären. Einige Regionen riefen gar den Notstand aus. Selbst heimische Ärzte sind fassungslos. So viele Alkoholvergiftungen in so kurzer Zeit hat das Land noch nicht gesehen. Dabei ist man einiges gewohnt im Reich des Wodkas. Allein in den letzten Jahre starben im Schnitt rund 40.000 Menschen jährlich durch gepanschten Klaren oder an Maßlosigkeit. Politiker aller Couleur rufen nun nach einem Staatsmonopol für Spirituosen wie zu Sowjetzeiten. Schon Anfang des Jahres hatte Putin geschworen, den Fuselsumpf trockenzulegen.

Doch ausgerechnet Putins Feldzug gegen die Panscher trieb denen die Massen erst in die Arme. Die Beamten setzten die Sprit-Steuern rauf, und jedes Fläschchen Schnaps oder Wein sollte fortan mittels neuer Strichcodeaufkleber erfasst, und die Russen so vor bedenklichen Falsifikaten geschützt werden. Die Folge: Wochenlang leere Regale und, schlimmer noch, gestiegene Preise. Wodka wurde für viele unerschwinglich. Betroffen vor allem die harten Trinker, die Armen, die Leute in der Provinz, in den tristen einstigen Sowjetstädten und den trübseligen Dörfern. Kaum Anreize, keine Perspektive, da ist der billige Rausch oft der einzige Trost. Mehr als 20, 30 Rubel darf der halbe Liter Wodka aber nicht kosten, nicht mehr als umgerechnet einen Euro. Die windigen Händler wissen das und verkaufen giftigen Äthylalkohol aus Haushaltsreinigern, Möbelpolitur oder Scheibenwischanlagen als klaren Schnaps direkt vom Lastwagen oder aus dem Heck ihrer Autos. Im regulären Geschäft zahlt man nach derzeit selbst unter der Ladentheke mindestens das Doppelte.

Durchschnittsalter 58

Doch selbst wenn die jetzigen Razzien alle Panscher überführen würden: Die Russen und ihr Präsident wären ihr Alkoholproblem nicht los. Nirgends sonst auf der Welt wird dermaßen getrunken wie in Russland. Schätzungen gehen von einem Jahresverbrauch von bis zu 20 Litern reinen Alkohols pro Kopf und Jahr aus. Männer sterben auch wegen übermäßigen Wodkakonsum im Schnitt schon mit 58 Jahren, 14 Jahre früher als ihre Frauen. Doch die holen auf. Vor allem in den Millionenstädten. Schon frühmorgens trifft man junge Mütter in der U-Bahn, den kleinen Fratz an der einen Hand und die Dose Bier in der anderen. Bier auf dem Weg zur Arbeit, Bier zum Spaziergang im Park, Bier zur Zeitungslektüre im Bus. Bier gilt hierzulande, wie die Alkopops, als Erfrischungsgetränk, je hochprozentiger, desto spritziger. Und es macht dem Wodka, der kristallklar in Reih und Glied die meterlangen Regalreihen neonbeleuchteter 24-Stunden-Märkte säumt, bei der jungen Generation gehörig Konkurrenz. Bier ist in. Bier ist cool. Die perfekte Einstiegsdroge.