Beziehungsrätsel bei Armbrust-Drama | Deutschland | DW | 15.05.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Spektakulärer Kriminalfall

Beziehungsrätsel bei Armbrust-Drama

Deutschland rätselt über das sogenannte Armbrust-Drama. Begingen die fünf Toten Suizid? Das Beziehungsgeflecht der Gruppe könnte bei der Aufklärung helfen, sagt Kriminalpsychologin Benecke im DW-Interview.

Das sogenannte Armbrust-Drama mit drei Toten in Passau und zwei Toten im niedersächsischen Wittingen gibt weiter Rätsel auf. Insbesondere die Frage nach einem Motiv für das gesamte Geschehen ist noch nicht geklärt. Die Staatsanwaltschaft geht bei dem 53-Jährigen und den beiden 33 und 30 Jahre alten Frauen von Tötung auf Verlangen beziehungsweise Suizid aus. Geklärt ist die Identität der beiden am Montag in einer Wohnung in Wittingen gefundenen Frauen. Wie sie ums Leben kamen, ist allerdings noch unklar. Bei einer der Frauen handelte es sich um die Lebensgefährtin der 30-Jährigen, die in Passau tot aufgefunden wurde. Die zweite Tote ist eine 19-Jährige, die ebenfalls in der Wohnung lebte. Die drei Toten in Passau, ein Mann und zwei Frauen, waren mit Armbrüsten erschossen worden.

DW: Frau Benecke, die Toten waren nicht gefesselt. Es bestand mutmaßlich Zustimmung zur Tat, weshalb die Polizei in Richtung gemeinsamen Suizid ermittelt. Wie schätzen sie diesen Fall ein?

Lydia Benecke: Bei einer derzeit so dünnen Informationslage kann man sicher nicht seriös Wahrscheinlichkeiten einschätzen, aber die Ermittler werden gute Gründe haben, in eine solche Richtung zu ermitteln. Sicherlich sind auch nicht alle Informationen, die den Ermittlern bekannt sein werden, im Moment für alle zugänglich. Aus der Fachliteratur kennt man solche Taten in verschiedenen Zeiten und Kulturen. Es können dabei verschiedene Beziehungsgeflechte eine Rolle spielen. Häufig spielen Macht-Dynamiken eine Rolle. Ein Aspekt der besonders wichtig ist, wenn es um erweiterte Suizide geht und nicht nur zwei oder drei Personen betroffen sind, sondern vielleicht eine Gruppe von Personen, die irgendwas verbunden hat.

Genau das ermittelt offenbar gerade die Polizei. Nach Medienberichten hatten die fünf Toten zum Teil eine sexuelle Beziehung miteinander. Inwiefern können emotionale Verbindungen Gewaltakte fördern?

Lydia Benecke (Manfred Esser)

Kriminalpsychologin Lydia Benecke

Das kann man nicht pauschal beantworten, weil es noch nicht ganz geklärt ist, wer zu wem in welcher Art von menschlicher emotionaler oder vielleicht auch sexueller Beziehung stand. Dabei wäre der sexuelle Aspekt auch nur eine Ausformung der zwischenmenschlichen Ebene. Es wird entscheidend sein, das ganz genau zu klären. Denn die Frage ist: Gibt es innerhalb einer Gruppe verschiedener Menschen, die nicht alle verwandt sind, die aber irgendetwas verbindet, emotionale Abhängigkeiten und Machtstrukturen? Gibt es Anführer und Mitläufer? Wie genau verhalten sich die Persönlichkeiten innerhalb der Gruppe zueinander, aus denen dann eine so destruktive Dynamik erwächst? Das sind essenzielle Fragen, die zu klären sind.

Gibt es bestimmte Persönlichkeitsbilder, die eine solche Tat befördern könnten?

Es gibt sehr verschiedene Konstellationen und das Problem ist, man kann Alternativ-Hypothesen aufstellen. Dementsprechend ist die Informationslage noch zu dünn, um das einordnen zu können. Ich fürchte, dafür müssen wir noch mehr Informationen abwarten, die von den Ermittlern veröffentlicht werden.

Frau Benecke, haben Sie in Ihrer bisherigen Praxis als Kriminalpsychologin ähnliche Fälle erlebt?

Es gibt verschiedene Fälle von dem Typus des erweiterten Suizids. Es gibt auch Fälle, wo zum Beispiel destruktive Gruppen, die eine sektenartige Funktion und Dynamik hatten, bis zum Extremsten einer Gruppentötung beziehungsweise Selbsttötung gegangen sind.

Moderne Armbrust (picture-alliance/imageBroker)

Eine moderne Armbrust

Man muss Gruppendynamiken wie in Sekten unterscheiden von Gruppendynamiken bei erweiterten Suiziden, die zwischen sich sehr nahestehenden Privatpersonen erfolgen können, teilweise auch gemeinschaftlich. Im Moment ist die Gesamtstruktur der Personen, die hier beteiligt sind noch unklar. Auch die Frage, wer was genau getan hat. Deshalb kann man jetzt keine klare Einordnung vornehmen. Es gibt zu viele mögliche denkbare Szenarien.

Es gibt Hinweise, dass  die Toten der sogenannten Mittelalter- oder Ritterszene angehörten. Insofern wird darüber spekuliert, ob es eine Rolle spielen könnte, dass die Betroffenen Teil einer sehr speziellen Interessensgruppe waren.

Im Augenblick gibt es noch sehr viele Hypothesen über die Hintergründe dieser ungewöhnlichen Tat. Natürlich fokussieren sich jetzt Medien und Öffentlichkeit sehr stark auf äußere Auffälligkeiten wie beispielsweise dunkle Kleidung. Von Interesse ist auch die scheinbare Affinität einiger Beteiligter zur sogenannten Mittelalter-Szene, in der Menschen gerne mittelalterliche Kleidung und vielleicht auch die entsprechende Musik mögen. Aber all das ist psychologisch gesehen eine Verpackung, die bei einer Gruppe von Menschen, die sich destruktiv miteinander entwickeln, auswechselbar ist. Dementsprechend wäre es sehr hilfreich, wenn sich die Medien und die Öffentlichkeit etwas zurückhielten und abwarten würden, bis gesicherte Erkenntnisse zur Gruppendynamik mitgeteilt werden. Es ist sinnlos, sich auf äußere Auffälligkeiten zu fokussieren, die aber über die Dynamik innerhalb der Gruppe überhaupt nichts aussagen.

Das Gespräch führte Ralf Bosen.

Lydia Benecke ist Kriminalpsychologin und Autorin populärwissenschaftlicher Sachbücher mit Büro in Köln. Sie beschäftigt sich auch mit Subkulturen wie der Gothic-Szene.

Die Redaktion empfiehlt