Psychologe: Soziale Medien haben auf Frankfurt verantwortungsvoll reagiert | Wissen & Umwelt | DW | 01.08.2019
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Psychologie

Psychologe: Soziale Medien haben auf Frankfurt verantwortungsvoll reagiert

Der tragische Vorfall in Frankfurt hat gezeigt, dass die meisten Nutzer Sozialer Medien immer noch kritisch sind, sagt der Würzburger Medienpsychologe Frank Schwab. Das sei eine Chance für die professionellen Medien.

Lokal Frankfurt Trauer nach toedlicher Gleis-Attacke am Hauptbahnhof, (picture-alliance/HMB Media/O. Mueller)

Starke Reaktionen der Öffentlichkeit nach der Tötung eines achtjährigen Jungen in Frankfurt.

Herr Schwab, am Montag gab es in Frankfurt einen dramatischen Tötungsfall. Ein Mann hatte ein Kind und seine Mutter vor eine einfahrende Bahn gestoßen. Das Kind wurde dabei getötet. Dieses Ereignis hat ein starkes Echo sowohl in klassischen als auch in Sozialen Medien hervorgerufen. Warum hat die Öffentlichkeit auf diesen Fall so regiert, wenn sie doch auf andere Tötungsdelikte meist weniger aufgeregt reagiert?

Frank Schwab: Zunächst ist so etwas sehr, sehr selten. Besonders dramatisch daran ist die Kombination: Mutter und Kind. Auf Kinder reagieren wir immer sehr sensibel, weil sie schutzbedürftig und unschuldig sind. Wenn ein Kind zu Tode kommt ist das immer besonders dramatisch.

Nun ist das hier kein Unfall, auch keine Naturkatastrophe, wo der Verursacher nicht dingbar zu machen ist, sondern es gibt eindeutig einen Schuldigen, einen Menschen, der das getan hat. Erschwerend kommt hinzu, dass man sich nicht vorstellen konnte, welche Motivlage das auslösen konnte, dass jemand so etwas tut. Außerdem haben wir relativ früh erfahren, dass der Täter – wie wir Psychologen sagen – aus der "Outgroup" stammt. Er ist "keiner von uns" sondern "jemand Fremdes". Da reagiert man dann sofort mit Ablehnung und Entsetzen. 

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 Frank Schwab | Professor für Medienpsychologie in Würzburg (picture-alliance/dpa/K.-J. Hildenbarnd)

Medienpsychologe Frank Schwab: "Die Nutzer kennen die Filterblase, in der sie stecken."

Welche Rolle spielt die Geschwindigkeit, mit der sich das in den Sozialen Medien verbreitet?

Das hat einen relativ hohen Nachrichtenwert. Es ist relevant, weil wir uns alle in die Elternrolle hineinversetzen können. Jeder ist betroffen, weil es jedem passieren kann. Es ist ein dramatisches, antisoziales und bösartiges Ereignis, das sich sehr schnell verbreitet. Wie bei der Stillen Post werden schnell zusätzliche Dinge entwickelt, die die Nachricht in eine bestimmte Richtung drängen oder sie verzerren.

Weil wir alle irgendwann auf dem Bahnsteig stehen, kann es auch jeder auf sich beziehen. Das war beim Fall des Berliner U-Bahn-Treters auch so, als ein Mann unvermittelt eine Frau in den Rücken getreten hat. Sie fiel die Treppe herunter. Erzeugt das dieses Gefühl: Ich bin selbst nicht sicher?

Jeder könnte Opfer werden, und wir können es auch nicht verhindern. Bei anderen Unglücken hat man oft Strategien, damit es bei einem selbst nicht stattfindet. Hier kann man es nicht vermeiden, es sei denn, man fährt überhaupt nicht mehr Zug. Es wird also schwierig, das irgendwie zu umgehen. 

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Früher hätte es in den klassischen Medien nochmal eine Atempause gegeben, bevor die Nachricht verbreitet wird. Mit Sozialen Medien ist jeder praktisch von Anfang an dabei, ohne dass es durch eine Redaktion kanalisiert wird.

Man weiß aus der Nachrichtenforschung, dass auch früher - noch lange bevor es die Sozialen Medien gab - Krisenberichterstattung immer dazu geführt hat, dass es zu Falschmeldungen kam. Also auch die klassischen Medien haben damals reagiert: Deutlich langsamer und besonnener. Aber auch sie haben reagiert und zum Teil dramatische Fehler berichtet und sie erst nach und nach korrigiert.

Heute ist die Situation etwas aufgeheizter, weil die Sozialen Medien ja sofort loslegen und auch ohne Expertise einfach Behauptungen in die Welt posaunen, die dann jeglicher Recherche entbehren. Gute Regelwerke, wie: Man braucht zwei Quellen oder man muss sich nochmal vergewissern, werden dort nicht beachtet. Die öffentlich-rechtlichen Medien geraten unter Druck da mithalten zu wollen oder zu müssen, weil sie sich verpflichtet fühlen, das auch zu tun. Dadurch ist das Risiko noch einmal höher, dass die eine oder andere voreilige Meldung ihren Weg findet.

Medienmacher, die da nicht mithalten, müssen sich unter Umständen den Vorwurf gefallen lassen, unglaubwürdig zu sein oder etwas zu verschweigen…

Dann bekommen Sie sofort den Vorwurf, sie seien "Lügenpresse" oder "Systemmedien". Man wolle aus irgendwelchen unterstellten politischen Gründen nicht berichten. Auch verschwörungstheorieartige Behauptungen werden laut, man dürfe nicht berichten.

Wir sind ja nicht mehr alle nur Leser, sondern viele Menschen beteiligen sich über Soziale Medien selbst an dem Diskurs, werden zu Publizisten. Was führt eigentlich Menschen dazu, sich zu Dingen zu äußern, von denen sie eigentlich recht weit entfernt sind, mit denen sie gar nichts zu tun haben?

Es gibt nicht nur ein Motiv. Man kann also nicht sagen: "Das sind alles kleine Narzissten, die dort ihre Bühne suchen und sich aufspielen wollen." Viele haben ihre Gruppe, ihre Community, ihre Filterblase, in der sie sich bewegen. Und weil diese Menschen diejenigen sind, die so etwas immer wissen und dazu eine Meinung haben, können sie wiederum andere warnen. Sie sind quasi dazu verpflichtet zu zeigen, dass sie sich gut auskennen. Dadurch gewinnen sie Ansehen. Das zahlt in die Selbstwertregulierung ein. Viele sind auch wirklich betroffen und besorgt und finden darin eine Methode, mit ihren Ängsten und ihrer Schockiertheit umzugehen. 

Bei großen Unfällen gibt es oft Mitleidsbekundungen. Wenn dann alle sagen, wie schrecklich sie das finden, möchte man nicht hintenanstehen und sagt: "Ich finde es auch ganz schlimm", so dass man nicht als harter Klotz rüberkommt, der gar kein Mitleid zeigt. Also es gibt ganz unterschiedliche Motive, warum man das macht. Es gibt natürlich auch Menschen, die das für ihre Motive missbrauchen und dann etwa sagen: "Ich habe schon immer etwas gegen Fremde oder Ausländer gehabt". Das ist dann Wasser auf deren Mühlen, um es zu instrumentalisieren und sie betreiben eine entsprechende politische Kommunikation in ihrem Sinn.

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Es gibt aber auch ernstgemeinte Beileidsbekundungen. Hat das aus ihrer Sicht auch etwas Gutes?

Unsere Gesellschaft ist zu einem digitalen Dorf geschrumpft. Wir fühlen uns heutzutage für Dinge zuständig und verantwortlich, über die sich vor einigen Hundert Jahren keiner Gedanken gemacht hätte. Einerseits wäre die Nachricht gar nicht angekommen, andererseits hätten wir damals unsere Empathie und Zuständigkeit nicht so weit ausgedehnt. Dafür, dass wir uns heute weltweit sorgen und kümmern, sind auch die Medien schuld. Das ist ein Vorteil der digitalisierten Welt. Der Nachteil ist, dass auch Stimmen zu Wort kommen, die schon immer das Böse im Menschen gesehen haben, vor allem in fremden Menschen. Wir sind als Menschen geneigt, schon aufgrund von nur sehr wenigen Hinweisreizen Personengruppen auszuschließen, zu diffamieren und zu sagen: "Wir sind besser. Wir sind die Guten und das sind die Bösen." Diese Tendenz in uns springt in solchen Situationen relativ schnell an.

Ist die in unserer Biologie verankert? Haben wir das alle in uns?

Darüber streitet die Forschung sehr kräftig. Ich würde sagen: Dadurch, dass das alles so schnell geht, haben wir zumindest eine Neigung. Wir sind nicht dazu verdammt. Es ist kein Determinismus. Aber wir neigen alle dazu, aufgrund von kleinen Hinweisreizen Gruppen zu eröffnen und heftig auf Fremdgruppen zu reagieren.

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Vorprogrammiert: Wie entstehen Filterblasen?

Das kann mir genauso passieren, wie Ihnen?

Ja, ja, das geht sehr schnell. Wir müssen nur sagen: Das ist die Gruppe Rot und das ist die Gruppe Grün und schon fangen die Leute an zu denken: "Wir sind hier die Grünen, das sind die Roten. Irgendwas stimmt mit denen vielleicht nicht." Das müssen gar nicht biologische Merkmale sein. Man kann durch kleine Merkmale Gruppenunterschiede etablieren und dann sehr schnell nachteilige Gedankengänge und Gefühle auslösen.

Ist das in der Evolutionsbiologie angelegt?

Es ist ein schwieriges Thema: Wir können keine Zeitreisen machen. Aber wir wissen, dass unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, nicht immer nur freundlich sind. Sie sind durchaus auch kriegerisch unterwegs und grenzen sich sehr stark und unangenehm gewalttätig gegen andere Gruppen ab. Insofern haben wir sicher ein Erbe von Gruppenkonflikten, von dem man vermuten kann, dass es auch biologische Anteile hat. Das bedeutet nicht, dass wir dem ausgeliefert sind oder dass das gut oder natürlich wäre. Aber wir müssen die Mechanismen verstehen und dagegen anarbeiten.

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Machen soziale Medien süchtig?

Als Homo sapiens haben wir zumindest den Anspruch, vernünftig zu sein. Wir wollen auch lernen. Was können wir also als Medienkonsumenten aber auch als Social-Media-Publizisten lernen?

Besonnenheit ist wichtig. Wir wissen aus der Forschung, dass die Antworten, die man von Menschen auf bestimmte Fragen bekommt, differenzierter und reflektierter werden, wenn sie ein bisschen mehr Zeit haben. Social-Media-Betreiber sollten sich also mehr Zeit lassen: Nochmal gegenrecherchieren und sich mit jemandem besprechen, bevor man etwas postet: ein Vier-Augen-Prinzip. Das ist besser, als wenn man sich danach dafür schämt, irgendetwas schnell gepostet zu haben.

Man muss aber auch sagen: In Frankfurt wurde sehr sensibel mit dem Thema umgegangen. Vor Ort ist das nicht hochgekocht. Es gab auch keine größeren bösartigen Vorfälle. Ein Großteil der Leute hat sich durchaus moralisch sensibel verhalten.

Sich Zeit lassen widerspricht wiederum der Natur der Sozialen Medien. Das würde dann auch bedeuten: Soziale Medien transportieren zwangsläufig mehr emotionale Inhalte.

Wir als Emotionsforscher würden sagen: "Die Emotion ist schon mal ein zeitlicher Aufschub". Bevor ich direkt flüchte oder angreife haben wir als Menschen den emotionalen Apell. Das heißt, ein Flüstern in uns, das sagt: "Renn mal lieber weg!" oder "Hau da mal drauf!" Wir müssen aber nicht. Wir haben die Zeit zu überlegen und intelligent zu handeln. Emotionen zu haben ist eine Voraussetzung dafür, später intelligent und reflektiert zu handeln. Emotion ist also ein Moratorium für rationaleres Handeln.

Natürlich sind die Sozialen Medien schneller getaktet. Aber da ist auch die große Chance der professionellen Medien zu sagen: Da machen wir nicht mit, sondern liefern ein Angebot, bei dem der Nutzer sicher sein kann, dass es gut recherchiert ist, der Wirklichkeit entspricht und professionell gemacht ist. Man weiß aus der Forschung, dass viele Leute bei Krisen auch wieder die professionellen Medien aufsuchen, sich kompetent informieren lassen und nicht sofort wieder in ihre Filterblase abtauchen.

Es gibt also auch ein Misstrauen gegenüber der Blase?

Die Menschen wissen schon, was sie da tun und sind von sich aus auch kritisch. 

Frank Schwab lehrt und forscht seit 2010 zur Medienpsychologie an der Universität Würzburg am interdisziplinären Institut Mensch- Computer- Medien. Insbesondere interessieren ihn evolutions- und emotionspsychologische Aspekte der Massen- und Individualmedien. So untersuchen er und sein Team u.a. psychologische Mechanismen der Medienselektion und Mediennutzung sowie die bio-psychologischen Grundlagen von Mediennutzungsmotiven.

Das Interview führte Fabian Schmidt