Projekt Maramures: Deutsche Teenager ″wie Sklaven″ behandelt | Europa | DW | 16.02.2020
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Rumänien

Projekt Maramures: Deutsche Teenager "wie Sklaven" behandelt

Anklage wegen Schlägen und Demütigungen: Deutsche Jugendliche sollen im Rahmen eines Sozialprojekts in Rumänien misshandelt worden sein. Es könnte noch weitere Fälle geben, warnt eine rumänische Staatssekretärin.

Symbolbild Misshandlung (Colourbox)

Das "Projekt Maramures" galt der Reintegration von Jugendlichen - stattdessen erlebten sie Gewalt (Symbolbild)

"Die Kinder wurden unter Bedingungen gehalten, die der Sklaverei gleichkommen", lautet der Vorwurf von DIICOT, der rumänischen Sondereinheit für Organisierte Kriminalität. Die Anklageschrift der rumänischen Staatsanwaltschaft liest sich wie die Chronik eines endlosen Albtraums: Es ist die Rede von "barbarischen Methoden", "häufigen Schlägen", "Nahrungsentzug", "körperlicher Arbeit bis zur Erschöpfung", "Demütigungen und Aktionen, die der Folter gleichkommen" und "Freiheitsberaubung". 

All das sei deutschen Teenagern zwischen 12 und 18 Jahren widerfahren, die als "verhaltensauffällig" galten und im Rahmen eines deutschen Sozialprojekts in der nordrumänischen Region Maramures untergebracht waren. Statt auf den Bauernhöfen im idyllischen Dorf Viseu de Sus im Norden Rumäniens Hilfe zu bekommen, seien sie brutal misshandelt worden.                   

Die rumänische Staatsanwaltschaft hat 14 Personen angeklagt, denen vorgeworfen wird, an diesem Albtraum beteiligt gewesen zu sein. Dazu gehören neben Mitarbeitern der rumänischen Kinderschutzbehörde der deutsche Projektleiter Bert Schumann und seine Frau. Sie hätten eigentlich dafür sorgen sollen, dass die Jugendlichen mit Verhaltensstörungen in die Gesellschaft reintegriert werden - mit Hilfe des "Projekts Maramures". Deutschland hat sich das Programm auch etwas kosten lassen: Für jeden Jugendlichen, der am Projekt teilgenommen hat, seien monatlich bis zu 6000 Euro gezahlt worden. Gleich zwei rumänische Institutionen haben das Projekt im Norden des Landes gebilligt: die Kinderschutz-Behörde und das rumänischen Arbeitsministerium, das dem Projekt eine Lizenz ausstellte.

Rumänien Justiz nimmt mehrere Verdächtige wegen Kindesmisshandlung fest (picture-alliance/dpa/Kinder- und Jugendhilfe Wildfang GmbH)

Im idyllischen Maramures durchlebten deutsche Jugendliche einen Albtraum

Grundlage für die Genehmigung fehlte 

Madalina Turza, die seit Kurzem Staatssekretärin im Arbeitsministerium Rumäniens ist, sagte im DW-Gespräch, das "Projekt Maramures" habe lediglich eine Lizenz als Tageseinrichtung für Aktivitäten zur "sozio-professionellen Integration" der deutschen Jugendlichen beantragt, und nicht eine Lizenz zur langfristigen Unterbringung. Niemand habe überprüft, ob es sich tatsächlich um eine Tageseinrichtung gehandelt habe. "Und wenn es keine Beschwerden gibt, kann die Kinderschutz-Behörde nicht einfach den Menschen die Türe einrennen", sagt Madalina Turza. Die rumänische Seite habe erst eingegriffen, nachdem die ersten deutschen Jugendlichen weggelaufen sind und über die brutalen Zustände gesprochen haben. Erste Berichte über die Vorfälle wurden im September 2019 bekannt.

Madalina Turza berichtet, sie arbeite zurzeit an einem "gesetzlichen Rahmen, der es in solchen Fällen den rumänischen Behörden ermöglicht, ausländische Einrichtungen und Projekte dieser Art zu überwachen und bei Problemen auch direkt einzugreifen". 

Mit Medikamenten "stillgestellt" 

Die Ermittlungen der rumänischen Sondereinheit für Organisierte Kriminalität DIICOT deuten darauf hin, dass ein Sozialarbeiter der Kinderschutz-Behörde in Maramures das ganze Projekt trotz der fehlenden Lizenz außerhalb des legalen Rahmens weiterbestehen ließ. Nach Angaben der Ermittler habe mindestens eine Person aus dem Umfeld der Kinderschutz-Behörde die Projektleiter in der umstrittenen Einrichtung pünktlich gewarnt, wenn ein Kontrollbesuch bevorstand. In diesen Fällen seien die Teenager mit Medikamenten "stillgestellt" worden, damit sie nicht offen über die brutalen Zustände sprechen konnten.    

Rumänien Justiz nimmt mehrere Verdächtige wegen Kindesmisshandlung fest (picture-alliance/dpa/Kinder- und Jugendhilfe Wildfang GmbH)

Im Dorf wurden die Jugendlichen zur Arbeit gezwungen - für die "Arbeitgeber" offenbar kein Problem

Zu den Komplizen gehören nach Angaben der Ermittler auch lokale Behörden, die gewusst hätten, was passierte, und mehrere Dorfbewohner, die von dem unentgeltlichen Einsatz der deutschen Minderjährigen profitierten - zum Beispiel bei der harten Arbeit auf dem Feld. Nach einigen Monaten der "Eingewöhnung" in der zentralen Einrichtung des Projekts wurden die Jugendlichen in Gastfamilien aus mehreren Dörfern untergebracht, die dafür Hunderte von Euro pro Monat erhielten - sehr viel Geld für die Bewohner der ländlichen Regionen Rumäniens. Dort, in den abgelegenen Dörfern, sind archaische Traditionen manchmal stärker als das Bewusstsein für universale Menschenrechte. Die Dorfbewohner schienen sich nie zu fragen, ob Kinderarbeit ein Delikt ist.       

Brutales Strafsystem

DIICOT wirft den Angeklagten auch Handel mit Minderjährigen und Geldwäsche vor. Die vom deutschen Staat für das Projekt gezahlten Gelder seien nach Angaben der Ermittler "hauptsächlich für andere Zwecke als die angedachten" verwendet worden. Außerdem habe die Familie von Bert Schumann die Herkunft von 137.000 Euro nicht rechtfertigen können, die in ihrem Privatbesitz ist.

Die Ermittler erfuhren aus den Zeugenaussagen der deutschen Jugendlichen, dass man ihnen im Rahmen des "Projekts Maramures" sogar Personalausweise und Pässe abgenommen habe,  sie von der Außenwelt isolierte und auch vom Schulbesuch fernhielt. Mehrere von ihnen gaben an, geschlagen worden zu sein. Zum "Erziehungsprogramm" von Bert Schumann gehörten Strafen, bei denen das Kind allein in einem Zimmer mit Gitterstäben an den Fenstern eingesperrt gewesen sei, unter dem strengen Regiment von zwei rumänischen "Wächtern". Diese hätten willkürlich darüber entschieden, ob sie einen Toilettengang erlauben oder nicht, und zu wenig Essen mitbrachten. Ein Mädchen berichtete den Ermittlern, sie habe akzeptiert, dass man ihr gegen ihren Willen Verhütungsmittel verabreichte - aus Angst vor der Isolationshaft.  

Täter oder Opfer?

In einem offenen Brief an die rumänische Presse beklagte sich der deutsche Projektleiter Bert Schumann über die harten Haftbedingungen, unter denen er in Rumänien während seiner Untersuchungshaft seit August 2019 leide. Seine Vorwürfe erinnern an die Zustände, von denen die Jugendlichen in ihren Zeugenaussagen sprachen. 

Inzwischen ist kein einziges der deutschen Kinder mehr in Viseu de Sus. Doch Staatssekretärin Madalina Turza warnt im DW-Interview, dass es noch weitere Fälle dieser Art geben könnte. Vieles spiele sich "unter dem Radar" ab: "Es gibt noch schwierigere Situationen, in denen deutsche Kinder nicht auf der Basis von internationalen Regeln und richterlichen Beschlüssen nach Rumänien kommen, sondern nur nach einer einfachen Absprache mit den Eltern."