Problemfall Energiewende? | Deutschland | DW | 10.09.2013
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Deutschland

Problemfall Energiewende?

Die Energiewende ist ein Prestigeprojekt der jetzigen Bundesregierung. Doch die Umsetzung ist ins Stocken geraten. Auch im Ausland gilt Deutschland nicht mehr überall als Vorbild.

Stolz eröffneten vor ein paar Wochen Politiker und Wirtschaftsvertreter den riesigen Offshore-Windpark "Riffgat" vor der Nordseeinsel Borkum. 30 riesige Windkraftanlagen auf dem neuesten technischen Stand sollen in Zukunft große Mengen Strom liefern. Das Problem: Vorerst erzeugen die Windräder keine Energie - sie verbrauchen sogar welche.

Denn man hat es nicht rechtzeitig geschafft, die Anlagen ans Stromnetz anzuschließen, es fehlen noch 15 Kilometer Leitungen. Um die Anlage zu kühlen und einsatzbereit zu halten, schlucken die Stromaggregate jeden Monat über 20.000 Liter Diesel.

Eine Anlage im Offshore-Windpark Riffgat. Foto:dpa.

Offshore-Windpark Riffgat

So produziert der Windpark vermutlich noch mehrere Monate lang Abgase statt umweltfreundlichem Strom. Damit ist er ein Beispiel unter vielen für die Schwierigkeiten, vor denen die deutsche Energiewende steht.

Vom Fukushima-Schock zur Turbo-Energiewende

Es waren ehrgeizige Ziele, die die deutsche Bundesregierung vor gut zwei Jahren nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima beschlossen hat: Bis spätestens 2022 soll in Deutschland Schluss sein mit der Kernenergie. Nach und nach sollen Windräder, Biogas- oder Fotovoltaikanlagen den nötigen Strom erzeugen. Bis 2015 sollen 35 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen stammen, 2050 sogar 80 Prozent. Der Ausstieg aus der Kernenergie ist aber nur ein Element der Energiewende: Darüber hinaus geht es darum, klimaschädliche fossile Energieträger wie Kohle und Gas zu ersetzen. "Und deshalb steigen wir nicht einfach aus der Kernkraft aus, sondern wir schaffen die Voraussetzungen für die Energieversorgung von morgen." So formulierte es damals Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Dazu sollen Häuser besser gedämmt werden, tausende Windparks in den nördlichen Küstenregionen Deutschlands entstehen, im sonnenreichen Süden Fotovoltaikanlagen auf Hausdächer montiert werden. Bisher waren diese Bemühungen recht erfolgreich. Der Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien ist in den vergangenen 13 Jahren von sechs auf 25 Prozent gestiegen. Immerhin bekommen die Produzenten für Strom aus Erneuerbaren Energien einen garantierten Preis - finanziert wird dieser durch einen Zuschlag auf den Strompreis. Die deutschen Verbraucher bezahlen also die Energiewende letzlich.

Mehr Ökostrom, größere Probleme?

Vor Sonnenaufgang pflügt ein Landwirt mit einem Traktor ein Feld in Brandenburg. Foto: Patrick Pleul/ZB

Weder schön noch beliebt: Strommasten und Windrad in Brandenburg

Doch gerade der schnelle Ausbau der Erneuerbaren Energien hat neue Probleme geschaffen: Wie wird der Strom dahin transportiert, wo er gebraucht wird, etwa vom windreichen Norddeutschland in den industriereichen Süden? "Der Ausbau der Stromnetze ist bei weitem nicht so schnell vorangegangen," kritisiert Jürgen Stotz, Präsident des nichtstaatlichen und nichtkommerziellen Weltenergierats in Deutschland. Das liegt auch daran, dass an vielen Orten Deutschlands Bürger dagegen klagen, dass riesige Hochspannungsmasten in ihrer Nachbarschaft entstehen oder Leitungen durch Naturschutzgebiete gelegt werden sollen. Man habe den Fehler gemacht, solche Schwierigkeiten nicht ernst genug zu nehmen, meint Jürgen Stotz: "Man hat gedacht, wenn die Ziele nur sehr ehrgeizig sind, dann kommt alles andere automatisch."

Neue Aufgaben für die Forschung

Bisher fehlt es auch an Lösungen, wie man den Strom, der zum Beispiel bei viel Wind oder Sonne in großer Menge erzeugt wird, speichern kann. Bis solche Speicher entwickelt sind, müssen andere Kraftwerke einspringen - wenn die Sonne eben nicht scheint und kein Wind weht. Das könnten zum Beispiel moderne Gaskraftwerke sein.

Die Silhouette vom Steinkohlekraftwerk Mehrum in Hohenhameln im Landkreis Peine (Niedersachsen) zeichnet sich am 31.08.2013 bei Sonnenuntergang vor dem Abendhimmel ab. Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Umweltschädliches Kohlekraftwerk im Betrieb

Die Umweltökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung kritisiert jedoch, dass statt dessen neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Die aber sind ihrer Ansicht nach gar nicht als Ergänzung zu den Erneuerbaren geeignet, weil sie nicht schnell genug an- und wieder abgeschaltet werden können. Auch die umweltschädliche Braunkohle wird nach wie vor aus der Erde gebaggert. "Wenn man die Energiewende ernst nimmt, muss man sich auch mittelfristig von der Kohle verabschieden, die auch nicht in eine nachhaltige Energiewende passt."

Vorreiterrolle in Gefahr

Die Energieexpertin ärgert sich außerdem darüber, dass gerade jetzt im Wahlkampf nicht über die Erfolge der Energiewende und über notwendige Verbesserungen geredet werde, sondern vor allem über die Belastungen: "Es wird ausschließlich über Strompreise gesprochen, aber die sind überhaupt kein Indikator für den Fortschritt der Energiewende", meint die Energieexpertin.


Vor Sonnenaufgang pflügt ein Landwirt mit einem Traktor ein Feld in Brandenburg. Foto: Patrick Pleul/ZB

Jürgen Stotz vom Weltenergietag

Gerade die Debatte um Strompreise hat zur Folge, dass auch im Ausland die deutsche Energiewende nicht mehr nur positiv wahrgenommen und auch auf andere Länder wie beispielsweise Schweden geschaut wird. Seit Jahrzehnten gilt Deutschland als Vorzeigeland in Sachen Umweltschutz. Schon vor 30 Jahren schraubten die ersten Hausbesitzer Solarpaneelen auf ihre Dächer. Bis heute ist Deutschland in Sachen Umwelttechnik Vorreiter, meint Jürgen Stotz vom Weltenergierat. Aber wenn Stotz mit Wissenschaftlern aus aller Welt zusammenkommt, stellt er auch fest: "Viele Länder zweifeln an der Erreichbarkeit unserer ehrgeizigen Ziele". Viele seien vor allem von den hohen Kosten abgeschreckt. Das hat auch eine Umfrage unter den internationalen Partnern im Weltenergierat ergeben. Aber: "Nach wie vor herrscht dort die Meinung vor: Wenn das einer schafft, dann sind das die Deutschen."

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