Private Autopsie widerspricht US-Polizeibericht | Aktuell Amerika | DW | 30.03.2018
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Kalifornien

Private Autopsie widerspricht US-Polizeibericht

Die kalifornischen Polizisten hatten gefeuert, weil sie ein Handy für eine Waffe hielten. Offenbar trafen die tödlichen Schüsse den Verdächtigen in den Rücken, was die bisherige Notwehr-These infrage stellt.

Sacramento am 18. März: Polizisten werden in einen Stadtteil der kalifornischen Hauptstadt gerufen, weil dort ein möglicherweise bewaffneter Mann Autoscheiben einschlagen soll. Der Verdächtige ist Stephon Clark, ein 22-jähriger Schwarzer. Die Polizisten wollen ihn stellen, halten bei der Verfolgung Clarks Handy für eine Waffe und feuern insgesamt 20 Mal auf den jungen Mann, der danach im Vorgarten seiner Großmutter stirbt.

Seitdem sorgt der Fall USA-weit für Diskussionen: Ist erneut ein Schwarzer Opfer von Polizeigewalt geworden? Zumindest gibt es inzwischen ernsthafte Zweifel an der offiziellen Version der kalifornischen Polizei, Clark habe sich auf die Polizisten zubewegt, weshalb sie in Notwehr schießen mussten.

Private Autopsie

Der Bericht des zuständigen Gerichtsmediziners liegt auch zwölf Tage nach der Schießerei noch nicht vor. Dafür präsentierte jetzt der namhafte Pathologe Bennet Omalu, den Clarks Familie beauftragt hatte, sein Untersuchungsergebnis. Demnach wurde der junge Mann von sechs Kugeln in den Rücken getroffen. Zwei weitere Kugeln trafen ihn seitlich.

Pathologe Bennet Omalu (picture-alliance/AP Photo/R. Pedroncelli)

Pathologe Omalu: "Jede Kugel war tödlich"

"Die Behauptung, dass er den Polizisten gegenüberstand, lässt sich nicht mit den vorliegenden forensischen Beweisen in Einklang bringen", so Omalu auf einer Pressekonferenz in Sacramento. Jede der Kugeln, die Clark in den Oberkörper traf, sei tödlich gewesen.

Auch der Anwalt der Familie, Benjamin Crump, sagte, der von Omalu vorgelegte Autopsiebericht widerspreche den Polizeiberichten, wonach Clark eine Bedrohung für die beiden Polizisten gewesen sei. Es gäbe keine Einschusswunden an der Vorderseite seines Körpers.

Polizei will offiziellen Bericht abwarten

Die Polizeibehörde von Sacramento teilte in einer Erklärung mit, dass sie sich erst nach der Veröffentlichung der Ergebnisse der offiziellen Autopsie durch den Leichenbeschauer des Bezirks und einer Überprüfung durch die Staatsanwaltschaft zu dem Fall äußern werde.

Sacramento (USA): Polizeivideo von der Fahndung nach Stephon Clark (Reuters/Courtesy Sacramento Police Department)

Polizeivideo von der Fahndung: 20 Schüsse auf Stephon Clark

Der Vorfall wurde sowohl von Körperkameras der beteiligten Beamten, als auch von Polizeidrohnen gefilmt. Entsprechendes Videomaterial hatten die Ermittler am Mittwoch veröffentlicht. Und in einem Polizei-Statement von Montag heißt es, "vor der Schießerei sahen die beteiligten Beamten den Verdächtigen, der ihnen gegenüberstand, mit ausgestreckten Armen vorrücken und ein Objekt in seinen Händen halten".

Der kalifornische Generalstaatsanwalt Xavier Becerra erklärte inzwischen, dass staatliche Ermittler die weiteren Untersuchungen überwachen werden und die Verfahren und Praktiken der Polizeibehörde überprüft würden. Die beiden an der Schießerei beteiligten Polizisten - einer von ihnen ist schwarz - wurden beurlaubt.

Appelle bei Trauerfeier

Am Donnerstag hatten hunderte Menschen in Sacramento an der Trauerfeier für Stephon Clark teilgenommen. Der schwarze Bürgerrechtler Al Sharpton sagte in einer Ansprache, dass Clarks Name nicht vergessen werde, "bis wir Gerechtigkeit" bekommen.

Demonstration für getöteten Stephon Clark (Getty Images/J. Sullivan)

Demonstration für getöteten Stephon Clark in Sacramento: Vielerorts friedliche Proteste

Überall in den USA seien junge schwarze Männer Polizeigewalt ausgesetzt. Diesem "Wahnsinn" müsse ein Ende gesetzt werden, zitierte der "San Francisco Chronicle" aus Sharptons Rede.

In den USA gibt es seit langem eine Debatte über Polizeigewalt gegen Schwarze. Unter dem Schlagwort "Black Lives Matter" hat sich eine nationale Protestbewegung formiert. Nach dem Tod von Stephon Clark gab es vielerorts friedliche Proteste.

AR/fab (dpa, ap, rtr, afp)

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