Presserat: Kampf für ethischen Journalismus in Serbien | Europa/Zentralasien | DW | 05.09.2018
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Europa/Zentralasien

Presserat: Kampf für ethischen Journalismus in Serbien

In Serbien sind Verstöße gegen den Pressekodex Alltag, doch Beschwerden selten. Die DW Akademie und der serbische Presserat wollen ethischen Journalismus stärken.

Den serbischen Presserat gibt es seit neun Jahren, doch an seinen Kodex halten sich längst nicht alle Medien in dem Land. (youthvibes.rs)

Den serbischen Presserat gibt es seit neun Jahren, doch an seinen Kodex halten sich längst nicht alle Medien in dem Land.

Ein 13-Jähriger wird in einer serbischen Schule mit einem Messer in der Hand aufgegriffen, er will offenbar Selbstmord begehen. Sein Vater habe ihn mehrfach sexuell missbraucht, erzählt er der Polizei, die daraufhin den Vater in Untersuchungshaft steckt.

Für die Boulevard-Presse in Serbien ein gefundenes Fressen: Detailliert lässt eine Reporterin den Minderjährigen beschreiben, wie und wo ihn sein Vater missbrauchte. Die schockierte Mutter erzählt, sie habe nie etwas bemerkt. Die Initialen der Beteiligten werden genannt – in der südserbischen Kleinstadt mit nicht einmal 20.000 Einwohnern weiß man im Nu, um wen es hier geht. Obwohl noch keinerlei Beweise für eine Straftat vorliegen.

Zahlreiche Verstöße gegen den Pressekodex

Die Beschwerdekommission des serbischen Presserats kam zu dem Schluss, dass das Boulevard-Blatt gleich mehrfach gegen den Pressekodex verstoßen hat: Die Beteiligten seien leicht identifizierbar gewesen, ihre Privatsphäre verletzt worden. Zudem habe das Blatt die Notsituation eines Minderjährigen ausgenutzt, um eine Sensations-Story zu lancieren. Und die detaillierten Beschreibungen verstießen gegen das Pornografie-Verbot.

Dass die Beschwerdekommission des Presserats einen Fall wie diesen ahndet, ist in Serbien selten. Nur ein Bruchteil der Verstöße gegen den Pressekodex kommt überhaupt zur Anzeige, im vergangenen Jahr waren das rund 100 Fälle. Dabei hat der serbische Presserat allein beim Monitoring der acht landesweit erscheinenden Tageszeitungen in gerade einmal sechs Monaten mehr als 4700 Verstöße festgestellt.

Gordana Novaković und Emil Holcer vom serbischen Presserat wollen die Medienselbstkontrolle in ihrem Land wieder gestärkt sehen. (youthvibes.rs)

Gordana Novaković und Emil Holcer vom serbischen Presserat wollen die Medienselbstkontrolle in ihrem Land wieder gestärkt sehen.

Widerstand der Medienbesitzer

Das Problem ist in Serbien besonders virulent: "Viele Medien und insbesondere Boulevard-Medien berichten ohne Rücksicht auf ethische und professionelle Standards", sagt Gordana Novaković, die Generalsekretärin des Presserats. "Einige Medienbesitzer lehnen es sogar rundweg ab, dass jemand ihre Berichterstattung unter die Lupe nimmt."

Auch neun Jahre nach der Gründung des Presserats hat die Medienselbstkontrolle noch mit großen Widerständen zu kämpfen. Zwar wird die Institution von den zwei Journalistenverbänden UNS und NUNS und den Medienverbänden Asocijacija medija und LokalPress getragen. Doch finanziell und personell steht sie nach wie vor auf dünnem Eis. In den vergangenen Monaten war die Arbeit deshalb stark eingeschränkt. Eine grundlegende Finanzierung ist erst ab 2019 wieder in Sicht.

"Gütesiegel" Qualitätsjournalismus

Seit Anfang August unterstützt nun die DW Akademie den serbischen Presserat. Für Klaus Dahmann, Ländermanager für Serbien und Westbalkan, geht es nicht nur darum, die Arbeit des Presserats bis Ende des Jahres sicherzustellen: "Die Idee ist, ethische und professionelle Standards als eine Art Gütesiegel zu etablieren. Nach dem Motto: Diese Zeitung oder dieses News-Portal achtet den Pressekodex, ist also qualitativ hochwertig. Diese Information interessiert letztlich jeden Käufer und User."

Ein Workshop der DW Akademie mit Schülerinnen und Schülern in Serbien. Die Jugendlichen lernen unter anderem, wie sie selbst Beschwerden beim Presserat einreichen können. (youthvibes.rs)

Ein Workshop der DW Akademie mit Schülerinnen und Schülern in Serbien. Die Jugendlichen lernen unter anderem, wie sie selbst Beschwerden beim Presserat einreichen können.

Darüber wird zum einen mit Medienmanagern diskutiert, zum anderen gilt es die Öffentlichkeit zu sensibilisieren: Geplant sind Workshops mit Schülern, Studenten und Vertretern von Nichtregierungsorganisation. Sie sollen ihr Bewusstsein schärfen, wo gegen den Pressekodex verstoßen wird, und lernen, wie man bei Verstößen eine Beschwerde einreicht.

Der Fall des 13-Jährigen zeigt, dass serbische Boulevard-Medien nicht davor Halt machen, Minderjährige öffentlich bloßzustellen. "Das Ziel des Presserats dagegen ist zu zeigen, dass die Medienindustrie bereit ist, die Bürger vor unverantwortlichen Medien und unethischer und unprofessioneller Berichterstattung zu schützen", sagt Gordana Novaković.

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