Pressefreiheit in der Türkei: Eine Nachricht aus dem Gefängnis | Europa | DW | 03.05.2019
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Europa

Pressefreiheit in der Türkei: Eine Nachricht aus dem Gefängnis

Der Journalist Ahmet Altan sitzt seit fast 1000 Tagen im türkischen Gefängnis Silivri. Anlässlich des Tages der Pressefreiheit schrieb er exklusiv für die DW über die Freiheit.

Der Satz, der nur dir gehört!

Wenn man von einem Menschen, der seine Freiheit verloren hat, verlangt, Freiheit zu erklären, dann bekommt man wahrscheinlich einen Text voller Verbitterung und Sehnsucht.

Doch so sollte es nicht sein. 

Am ersten Tag eines Lehrauftrags an der Universität Michigan sagte ich zu meinen Studenten: "Jedem, dem es gelingt, einen noch nie gesagten Satz zu finden, kaufe ich diesen Satz für eintausend Dollar ab."

Sie dachten wohl, ich sei ein reicher Dummkopf, der versucht, originell zu sein. Beim Rausgehen witzelten sie darüber, wie sie die tausend Dollar verprassen würden. Doch im gesamten Studienjahr konnte kein einziger Student einen neuen Satz hervorbringen. Bei jedem Satz, den ein Student für neu hielt, diskutierten wir in der Klasse und kamen zu dem Ergebnis, dass er nicht neu sei.

So wurden ihnen die Grenzen ihres Geistes klar - die ihnen bis dahin nicht bewusst gewesen waren. Sie verstanden nun, dass sie vorher in ihrem Leben immer Sätze wiederholt hatten, die schon einmal gesagt worden waren. Sie gehörten anderen.

Die sehr große Mehrheit der Menschen lebt innerhalb der engen Grenzen ihres Geistes, wiederholt dabei die Sätze, die anderen gehören. Jede politische Macht - egal welcher Religion, Ideologie oder Klasse sie angehören mag - will, dass das Leben einfach so weiter geht; ohne, dass ein "neuer" Satz hinzugefügt wird.

In freien Ländern haben die Menschen die Freiheit, sich für Sätze frei zu entscheiden, die schon einmal gesagt wurden. Bei dieser Art von Freiheit stellen sie nicht allzu sehr infrage, ob die Sätze ihnen gehören oder nicht.

In Ländern wie der Türkei bestimmt der Staat sogar, welche Sätze wiederholt werden sollen. Wer unerwünschte Sätze wiederholt, begeht ein Verbrechen. In solchen Ländern werden Menschen zusätzliche Fesseln angelegt.

Meiner Ansicht nach bedeutet Freiheit, überhaupt zu merken, dass es erstrebenswert ist, einen neuen Satz zu suchen. Man sollte sich darum bemühen. Und man kann das unter den schwierigsten Bedingungen tun - sogar wenn man im Gefängnis sitzt.

Ich empfehle jedem, der sich - aus welchen Gründen auch immer - gefangen fühlt, beklemmt oder betrübt ist, einen neuen Satz zu suchen, der nur ihm gehört. Es kann sein, dass man den Satz nicht findet, aber allein die Suche nach ihm tröstet und erheitert.

Denn Freiheit ist vergnüglich. Und diese vergnügliche Freiheit kann man nur in den Abenteuern innerhalb des eigenen Geistes entdecken. Egal, wie dick die Mauern um einen herum sind.

Silivri, 21.4.2019

Ahmet Altan

 

Der türkische Journalist, Intellektuelle und Schriftsteller Ahmet Altan wurde nach dem gescheiterten Putsch am 15. Juli 2016 verhaftet. Ihm wird vorgeworfen, dass er einen Tag vor dem Putschversuch "unterschwellige Botschaften" in einer Fernsehsendung verbreitet habe. Es heißt, Altan habe von dem bevorstehenden Putsch gewusst. In der Folge wurde er wegen des Versuchs "die verfassungsgemäße Ordnung der Türkei zu stürzen" zu lebenslanger Haft verurteilt. Mittlerweile ist Altan seit 953 Tagen in Haft. Für die DW hat er ein Essay aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Silivri verfasst.

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