Pressefreiheit 2017: Weniger Morde, mehr Entführungen | Welt | DW | 19.12.2017
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Pressefreiheit

Pressefreiheit 2017: Weniger Morde, mehr Entführungen

65 Journalisten wurden gezielt getötet, 54 entführt, 326 sind in Haft: In ihrer Jahresbilanz zieht die Organisation "Reporter ohne Grenzen" ein durchwachsenes Fazit. Besonders gefährlich weiterhin: der Nahe Osten.

"Wo du auch hinschaust, überall sind Gauner. Die Lage ist hoffnungslos" - so lautete die Überschrift des letzten Artikels von Daphne Caruana Galizia. Kurz darauf wurde sie durch eine Autobombe getötet. Die maltesische Journalistin hatte in ihrem Blog Regierungskorruption, Bestechung, illegalen Handel und Offshore-Finanzgeschäfte in ihrer Heimat angeprangert. Unter anderem hatte die 53-Jährige über die Beteiligung enger Vertrauter von Maltas Ministerpräsident Joseph Muscat berichtet und sie beschuldigt, Briefkastenfirmen zu betreiben. Immer wieder hatte sie Morddrohungen erhalten, zuletzt zwei Wochen vor ihrem Tod. Am 16.Oktober, kurz nachdem sie von ihrer Wohnung losfuhr, zerfetzte eine Bombe ihren gemieteten Peugeot 108.

Maltesische Bloggerin getötet Daphne Caruana Galizia (Reuters/D. Z. Lupi)

Bloggerin Daphne Caruana Galizia: Sie hatte Regierungskorruption und Offshore-Finanzgeschäfte in Malta angeprangert.

Der Fall um Caruana Galizia ist einer von insgesamt 39, in denen Medienschaffende in diesem Jahr wegen ihrer Arbeit gezielt getötet wurden, heißt es in der Jahresbilanz der Nichtregierungsorganisation "Reporter ohne Grenzen" (ROG). In jedem dieser Fälle sei es das Ziel der Täter gewesen, ihre Opfer zum Schweigen zu bringen. 26 weitere Journalisten seien Zufallsopfer gewesen - sie kamen beispielsweise durch Luftangriffe, Granatbeschuss oder Selbstmordattentate ums Leben. Oder durch mysteriöse Umstände - wie die schwedische Journalistin Kim Wall. Für ein Porträt über Peter Madsen, war die 30-Jährige im August mit dem dänischen Erfinder auf dessen selbst gebautes U-Boot gegangen - und verschwand. In den darauffolgenden Tagen und Wochen wurden Teile ihrer zerstückelten Leiche gefunden. Madsen wird vorgeworfen, Wall missbraucht und getötet zu haben.

Geringste Zahl getöteter Journalisten seit 14 Jahren

Trotz der Morde: Für 2017 zieht "Reporter ohne Grenzen" ein eher positives Fazit, denn im Gegensatz zum Vorjahr, hat sich die Zahl der getöteten Medienschaffenden um 18 Prozent verringert. 2017 ist sogar das Jahr mit der geringsten Zahl getöteter Journalisten seit 14 Jahren. Allerdings bedeute das nicht, dass die Welt friedvoller geworden ist.

Laut ROG liegt der Rückgang vor allem daran, dass viele Journalisten Länder wie den Irak, Jemen oder Syrien verlassen haben, weil ihre Arbeit angesichts der Kriege dort zu gefährlich geworden ist. Nur unwesentlich weniger gefährlich sei die Arbeit laut ROG für Journalisten in Mexiko. Im Land der Drogenkartelle herrsche zwar kein bewaffneter Konflikt, dafür würden kritische Journalisten dort systematisch bedroht und kaltblütig niedergeschossen. Elf von ihnen kamen 2017 ums Leben. Für die meisten Morde wurde bis heute niemand zur Rechenschaft gezogen.

China: Inhaftieren und warten auf den Tod

In China steht es nach wie vor schlecht um die Meinungsfreiheit. Dort habe man inzwischen die Methoden weiterentwickelt, um Regimekritiker für immer zum Schweigen zu bringen, schreibt ROG: "Mittlerweile verurteilt es seine Kritiker nicht mehr zur Todesstrafe, sondern wartet vorsätzlich ab, bis sich ihr Gesundheitszustand im Gefängnis immer weiter verschlechtert und sie schließlich sterben." Als Beispiele nennt die Organisation den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo und den Blogger Yang Tongyan. Bei Beiden wurde während langjähriger Haftstrafen Krebs im Endstadium diagnostiziert. Beide starben, kurz nachdem sie ins Krankenhaus verlegt worden waren. 52 Medienschaffende sitzen in China wegen ihrer Arbeit hinter Gittern - in keinem Land sind mehr Journalisten und Blogger inhaftiert. Weltweit sind es Ende 2017 mindestens 326 - etwas weniger als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Aber: Fast die Hälfte von ihnen sitzt in fünf Ländern im Gefängnis: China, Syrien, Vietnam, Iran und in der Türkei.

 

Der Fall Deniz Yücel: Eine Geisel im diplomatischen Streit

In der Türkei hat vor allem der gescheiterte Putschversuch im Juli 2016 dazu geführt, dass Journalisten bei ihrer Arbeit sehr vorsichtig sein müssen. Unter dem verhängten Ausnahmezustand reicht es bereits, wenn man Kritik an der Regierung äußert oder einen verschlüsselten Messenger-Dienst nutzt, um unter Terrorismus-Vorwürfen beschuldigt zu werden. 43 Journalisten sind aktuell inhaftiert. Einige warten bereits seit 18 Monaten auf ein Urteil.

Türkei Demo für die Freilassung von Journalisten | (DW/K. Akyol)

Willkür statt Rechtsstaatlichkeit: In Istanbul demonstrieren Journalisten für die Freilassung inhaftierter Kollegen

Im Fall des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel, der seit Februar in der Türkei im Gefängnis sitzt, gibt es bis heute nicht einmal eine Anklageschrift. Yücel wird "Terrorpropaganda" und "Anstiftung zum Hass" vorgeworfen. Tatsächlich, so ROG, sei Yücel aber vielmehr eine Geisel im diplomatischen Streit zwischen Ankara und Berlin und solle als abschreckendes Beispiel für andere Journalisten dienen.

Syrien: Entführungsland Nummer eins

In den türkischen Nachbarländern Syrien und Irak hingegen besteht die größte Gefahr für Journalisten darin, entführt zu werden. 54 sind es laut "Reporter ohne Grenzen" weltweit. 40 sollen sich in der Gewalt des sogenannten Islamischen Staates (IS) oder anderer Extremistengruppen befinden. Für sie sind solche Entführungen ein gewinnträchtiges Geschäft. Über die Lösegelder finanzieren sie ihre Kriege.

Besonders lukrativ ist weltweit das Geschäft mit ausländischen Geiseln aus der Medienbranche. Ihre Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent gestiegen. Drei der insgesamt sieben in Syrien entführten Ausländer, sind dabei seit mehr als fünf Jahren in der Gewalt ihrer Geiselnehmer. Darunter der Brite John Cantlie. Er tauchte immer wieder als "Reporter" in gestellten Propagandavideos der Dschihadistenmiliz IS auf. Aber auch einheimische Journalisten sind vor Entführungen nicht gefeit. Weil die Geiselnehmer in vielen Fällen eine regelrechte Nachrichtensperre verhängen, ist die genaue Zahl der Fälle nur schwer zu ermitteln. Die Entführung des irakischen Fotojournalisten Kamaran Nadschm wurde beispielsweise erst nach mehr als drei Jahre publik. Frei gekommen ist er bis heute nicht.

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