Preisspirale dreht sich unaufhörlich weiter | Wirtschaft | DW | 13.01.2022
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Geldentwertung

Preisspirale dreht sich unaufhörlich weiter

Die Inflation bleibt hartnäckig, sowohl im Euroraum als auch in den USA. Dort kletterten die Preise im Dezember um 7,0 Prozent - so stark wie seit 40 Jahren nicht mehr. Wie gefährlich kann das werden?

Das dürfte zwar die Spitze der aktuellen Entwicklung markieren, sind viele Ökonomen überzeugt. Und doch bleibe die Kerninflationsrate wahrscheinlich doch höher als zunächst gedacht. Die amerikanische Notenbank (FED) hatte schon vor einigen Tagen angekündigt, ihre Geldpolitik schneller zu straffen als noch im Dezember angekündigt. Nun soll es vier statt drei Zinserhöhungen geben - und das wahrscheinlich schon ab März. 

Soweit ist die Europäische Zentralbank (EZB) noch nicht, sie hat bisher nur den Einstieg in den Ausstieg aus den Anleihekäufen angekündigt. So will sie von März an ihr Pandemie-Notprogramm PEPP beenden, allerdings will sie zunächst über ein anderes  Programm (APP) weiter Anleihen im Volumen von zunächst 20 Milliarden Euro kaufen. Zinserhöhungen aber sind erst in Sicht, wenn die Notenbank ihre Anleihekäufe vollständig beendet.

Doch kein "vorübergehendes Phänomen"?

Inzwischen aber gibt es offenbar auch im EZB-Direktorium unterschiedliche Ansichten darüber, wie hartnäckig die Preissteigerung ist. Die EZB hatte bisher immer die These vertreten, die Inflation sei ein "vorübergehendes Phänomen" und hatte dazu auf verschiedene Sonderfaktoren verwiesen - etwa auf die Wiederanhebung der Mehrwertsteuer in Deutschland zu Beginn des Jahres 2021. Die hatte damals für einen Schub in der Preissteigerung gesorgt. Es sind aber vor allem die Energiepreise, die die Inflation im vergangenen Jahr in die Höhe getrieben haben, denn im ersten Pandemiejahr 2020 waren wegen der Rezession die Preise stark gefallen.

Symbolbild Konsum, Einkaufen, Löhne, Kaufkraft

Für den Wochenend-Einkauf muss man tiefer in die Tasche greifen

Vor wenigen Tagen hatte EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel erstmals auf das Risiko hingewiesen, dass wegen des Kampfes gegen den Klimawandel und wegen der Energiepreise das Risiko bestehe, dass die Inflation strukturell höher liegen werde als gedacht. Dem widersprach EZB-Chefvolkswirt Philip Lane: In diesem Jahr sei das Aufwärtspotential bei den Energiepreisen geringer, sagte er in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung Il Sole 24 Ore.

Das Nachdenken aber über die Frage, wie stark strukturelle Faktoren die Preisentwicklung in den nächsten Monaten und Jahren beeinflussen können, hat damit begonnen. Die wesentlichen strukturellen Faktoren sind dabei die Dekarbonisierung, die Deglobalisierung und die Demographie. "Die treiben in der nächsten Zeit die Inflation nach oben", ist auch Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Deutschland überzeugt. Allein die Umstellung von den alten Energieträgern Kohle, Öl und Gas auf 'grüne' Energie sei teuer.

Viele Faktoren spielen mit

Die Unternehmen haben auch aus den Folgen der Krise gelernt und holen die Produktion wieder näher an ihre Standorte heran, weil sie so hoffen, Lieferkettenprobleme zu vermindern. Und der Fachkräftemangel wegen der Alterung der Bevölkerung treibt deren Preise in die Höhe. "Das könnte das Bild langfristig prägen", meint Brzeski und verweist auf die Erfahrung der zurückliegenden Jahre, in denen die Inflation lange zu niedrig war wegen der Globalisierung, der Arbeitsteilung und der Digitalisierung. Solche Strukturbrüche würden in den Modellen der EZB nicht gut erfasst.

Symbolbild Stagflation Tankstelle Benzinpreise

Besonders die Energiekosten für Tanken und Heizen sind ein Preistreiber

Dass nun diese Diskussion in Gang komme, hält Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, für richtig: "Alles andere wäre erschreckend", meint er. Wie schnell aber die Notenbank nun reagiere, das sei noch fraglich. "Noch gibt die EZB Vollgas", sagt Krämer unter Verweis auf die Anleihekäufe. Denn trotz des angekündigten Ausstiegs aus dem Notfallprogramm PEPP kaufe die EZB weiter Anleihen. Damit schätze sie das Risiko zu gering ein. Denn auch die Löhne dürften wegen der höheren Preise im laufenden Jahr wahrscheinlich steigen, die Unternehmen dürften die stark gestiegenen Produzentenpreise auf die Verbraucher überwälzen. "Der Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik wird sich quälend langsam vollziehen", vermutet er. Ob deshalb noch zum Jahresende ein erster Zinsschritt im Euroraum komme, hält er für unwahrscheinlich. Auch Carsten Brzeski von der ING rechnet mit einer Zinserhöhung erst Anfang des kommenden Jahres.

Höhere Zinsen würden die wirtschaftliche Erholung nach dem Corona-Einbruch bremsen, warnt jedoch das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Das werde die Bevölkerung dadurch zusätzlich negativ treffen. Die schädlichen Nebenwirkungen wären also deutlich größer als der inflationsmildernde Effekt.

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