Politisches Statement: Martin Roth verlässt das Victoria and Albert Museum | Kunst | DW | 05.09.2016
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Kunst

Politisches Statement: Martin Roth verlässt das Victoria and Albert Museum

Als Direktor hat er dem berühmten Museum in London zu neuem Glanz verholfen und vor allem auch ein junges Publikum für Kunst begeistern können. Jetzt hat Martin Roth überraschend seinen Rücktritt angekündigt.

Erst vor ein paar Tagen hatte der deutsche Kulturmanager, der seit 2011 das renommierte Victoria and Albert Museum in London leitet, für das kommende Jahr eine Ausstellung über die legendäre Kult-Band Pink Floyd angekündigt. Die Museumsschau soll an den Riesenerfolg der David-Bowie-Ausstellung von 2013 anknüpfen.

Überraschend verlässt Martin Roth jetzt einen Chefposten, das vermeldete jetzt ganz offiziell die Nachrichtenagentur epd. Am Montag (05.09.2016) hat er seine Mitarbeiter über seine Entscheidung informiert, der breiten Öffentlichkeit möchte der 61-Jährige das allerdings erst am 10. September erläutern. An diesem Tag wird die Sonderausstellung "You say you want a Revolution? Records and Rebels 1966-1970" eröffnet. Vom Museum in London gab es noch keine Stellungnahme.

Erfolgreiche Bilanz

Die Nachricht dürfte für die britische Kulturszene ein Schock sein. Obwohl Roth schon im Juni seine große Enttäuschung über den Ausgang des Brexit-Votums, auch in einem DW-Interview zu Ausdruck gebracht hat: "Ich empfinde dieses Ergebnis als persönliche Niederlage. Das ist wie, wenn Sie sich von Ihrer Partnerin trennen: Solange der Trennungsvorgang anhält, können Sie es nicht richtig glauben. Aber wenn es dann passiert, wacht man erst richtig auf." Im Deutschlandfunk nannte er aktuell einige der Gründe, die ihn zu seinem Rückzug veranlasst haben. Er wolle sich in Zukunft wieder mehr politisch engagieren, Europa brauche mehr als gute Ausstellungen.

Victoria & Albert Museum in London Foto: dpa

Roth machte das V&A zum besten Museum Großbritanniens

Seit fünf Jahren leitet der deutsche Kulturmanager Martin Roth das renommierte Victoria and Albert Museum (V&A). Sein Vertrag ist unbefristet, denn in London weiß man sehr genau, was man an ihm hat. Er hat immer wieder engagiert eine Lanze für die Künstler gebrochen, für die er schlimme Folgen durch den Brexit-Entscheid kommen sieht. "Sie gehen in die innere Emigration oder versuchen langfristig wieder etwas aufzubauen", sagt er im Juni 2016 im DW-Interview. "Ich würde mir wünschen, dass es anders wäre."

Die Ausstellungen unter seiner Ägide sorgten weltweit für Furore. Roth schaffte es auch, ein deutlich jüngeres Publikum in die altehrwürdigen Mauern des mehr als 160 Jahre alten Museums zu holen. 3,8 Millionen Besucher werden in diesem Jahr 2016 erwartet. Im Juli wurde das V&A sogar zum Museum des Jahres in Großbritannien gewählt. Unter Martin Roths Führung habe sich das Museum nicht nur zu einem der beliebtesten Museen Englands entwickelt, es sei schlicht das beste Museum der Welt, sagte die Herzogin von Cambridge, Prince Williams Ehefrau, in ihrer Laudatio.

Seit Roth das Haus in South Kensington leitet, hat er immer wieder neu für publikumswirksame Ausstellungen gesorgt. Ausstellungen wie die zu Popikone David Bowie lockten Hunderttausende ins V&A. Der Musiker selbst kam übrigens mit seinem Kindern auch vorbei und kommentierte, es sei seltsam, sich selbst im Museum zu begegnen. Mitte 2017 soll den Veteranen von Pink Floyd eine Schau mit dem Titel "Ihre sterblichen Überreste" gewidmet werden, ebenfalls eine Planung von Martin Roth.

Fliegendes Schwein über dem V&A Museum (Foto: Victoria and Albert Museum)

Ein fliegendes Schwein über dem Museum: die Pink Floyd Ausstellung wurde schon publikumswirksam angekündigt

Gründe noch unklar

Warum er jetzt seinen Chefposten vorzeitig aufgibt, war unklar. Er hatte mehrfach vor den Folgen des Brexit für die Museen und die Kultur in Großbritannien gewarnt. "Weshalb schlägt man kaputt, was über Jahrzehnte aufgebaut wurde?", sagte er dem Nachrichtenmagazin "Spiegel". "Man nimmt den jungen Menschen die Hoffnung. Veränderung statt Verhinderung wäre die richtige Alternative gewesen."

Bevor Roth ans V&A ging, war er zehn Jahre lang Direktor der Dresdner Kunstsammlungen. Im April erhielt er das Bundesverdienstkreuz, im Juni wurde er zum künftigen Präsidenten des IFA-Institutes für Auslandsbeziehungen, das den internationalen Kunst- und Kulturaustausch fördert, ernannt. Das ist allerdings ein Ehrenamt, Roth ist also frei für neue Aufgaben, die er gern - nach eigenen Worten - mit mehr politischem Engagement füllen würde.

Auf seine Zeit am Victoria and Albert Museum in London blickt der scheidende Direktor mit Stolz zurück: "Es war ein enormes Privileg und wahnsinnig aufregend, dieses großartige Museum zu leiten." Es wird nun ein Nachfolger für ihn gesucht.

suc/fab (dpa, spiegel, sunday times)