Polio in Syrien ausgebrochen | Welt | DW | 29.10.2013
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Welt

Polio in Syrien ausgebrochen

Hilfsorganisationen fordern ungehinderten Zugang für ihre Mitarbeiter in ganz Syrien. Denn dort breiten sich ansteckende Krankheiten immer rasanter aus - auch Polio.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind im Nordosten Syriens zehn Kleinkinder an Polio erkrankt. Zwölf weitere Polio-Verdachtsfälle - auch als Kinderlähmung bekannt - werden untersucht. Seit Tagen würden Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Polio in der syrischen Provinz Deir as-Sour laufen, so Oliver Rosenbauer von der Global Polio Eradication Initiative (GPEI), einer weltweiten Initiative zur Ausrottung der Krankheit.

"Wir betrachten es als Ausbruch einer Epidemie", sagt Rosenbauer im Gespräch mit der Deutschen Welle. Der Polio-Erreger, so Rosenbauer "hat ein richtiges Händchen dafür, die Kinder zu finden, die nicht geimpft oder geschwächt sind."

Polio wird durch Viren ausgelöst, die das Nervensystem angreifen und binnen weniger Stunden zu Lähmungen führen können. Die Krankheit kann tödlich sein und betrifft vor allem Kinder unter fünf Jahren.

Die GPEI plant in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Hilfsorganisationen eine Impfkampagne in Deir as-Sour, die dann im November auf das ganze Land ausgedehnt werden soll. Rosenbauer räumt ein, dass die Aktion schwierig sein wird, da weite Teile des Landes aufgrund der Kampfhandlungen unzugänglich sind. Syriens Nachbarländer sind ebenfalls dabei, Impfkampagnen zu starten oder auszuweiten, so Rosenbauer.

Fast schon ausgerottet

Vor 20 Jahren war Polio noch für die meisten Behinderungen in Entwicklungsländern verantwortlich. Damals gab es rund eine halbe Million Fälle weltweit, im letzten Jahr waren es nur noch knapp mehr als 220 - dank verstärkter Impfkampagnen weltweit.

Ein Kind bekommt einen Impfstoff in den Mund geträufelt (Foto: Global Polio Eradication Initiative)

Nigeria ist eines von drei Ländern, in denen Polio nie ganz ausgerottet wurde

Polio ist eine der ansteckenden Krankheiten, die theoretisch ganz ausgerottet werden können. Nigeria, Pakistan und Afghanistan sind heute die einzigen Länder, die die Ausbreitung von Polio nie ganz stoppen konnten. Inzwischen sind auch einzelne Fälle in Somalia, Kenia und Äthiopien aufgetreten.

Nur ein Problem unter vielen

Doch Polio ist nicht das einzige Gesundheits-Problem in Syrien. Das UN-Büro zur Koordinierung von humanitärer Hilfe (OCHA) schätzt, dass rund 6,8 Millionen Menschen in Syrien zur Zeit auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Jedoch sind weite Teile des Landes für UN-Mitarbeiter und Hilfsorganisationen unzugänglich.

Roger Hearn, der viele Jahre für die Vereinten Nationen in Syrien war und jetzt für die Kinderhilfsorganisation Save the Children in Jordanien arbeitet, fordert ein stärkeres Engagement der WHO und anderer UN-Organisationen "in allen Teilen Syriens, egal ob sie von der Regierung oder den Rebellen kontrolliert werden". Ziel sei es, den Zugang zu humanitärer Hilfe in ganz Syrien zu sichern, so wie auch der Zugang der Chemiewaffeninspekteure gesichert wurde.

Drei Chemiewaffeninspekteure mit Schutzkleidung untersuchen einen Raum in Syrien (Foto: picture-alliance/dpa)

Chemiewaffeninspekteure arbeiten weitgehend ungestört in Syrien

Hearn, OCHA und andere humanitäre Helfer hoffen, dass eine Erklärung des UN-Sicherheitsrats von Anfang Oktober den Prozess vorantreibt. Dort werden die Konfliktparteien aufgefordert, Kampfhandlungen an strategischen Stellen zu unterbrechen, um Hilfslieferungen und humanitäre Helfer durchzulassen.

Es ist das erste Mal, dass der Sicherheitsrat eine einheitliche Position zu dem Thema bezogen hat, was der WHO zeigen sollte, dass sie "hier mehr tun kann", so Hearn von Save the Children.

"Leider hat sich die internationale Staatengemeinschaft zu sehr auf einen kleinen Teil des Problems konzentriert. Kinderlähmung zu haben oder zu verhungern, ist meiner Meinung nach genauso schlimm, wie bei einem Gasanschlag zu sterben", erklärt Hearn.

Helen Patterson, die in Nordsyrien die medizinische Versorgung von Ärzte ohne Grenzen leitet, kann dem nur zustimmen. "Mir scheint, dass man die Chemiewaffeninspekteure beschützen kann, aber wenn man als Hilfsorganisation rein will, ist es einfach zu gefährlich", sagt sie im Gespräch mit der DW.

"Wir arbeiten unter Beschuss"

Vor dem Krieg hatte Syrien "ein relativ gut ausgebautes Gesundheitssystem und gute Wasserversorgung und Sanitäranlagen", so Patterson. "Aber diese Strukturen sind jetzt so marode, dass sie kaum noch funktionieren und sehr fragmentiert sind. Unser größtes Problem ist die Sicherheitslage, wir arbeiten unter Beschuss und Bomben, zwischen bewaffneten Gruppen, und viele Gebiete sind nicht zugänglich", erklärt sie.

Zwei Ärzte operieren einen Patienten (Foto: DW/A. Stahl)

Das syrische Gesundheitssystem liegt am Boden

"Wir sehen immer mehr Fälle von Hepatitis A, Durchfallerkrankungen und Typhus, aber auch Masern. Außerdem gebe es immer mehr Fälle von Leishmaniose, einer Infektionserkrankung, die durch Parasiten hervorgerufen wird, die normalerweise durch Insektizide in Schach gehalten werden. Da die Besprühung von Feldern jedoch praktisch eingestellt wurde, können sich die Fliegen, die den Parasiten beherbergen, ungehindert vermehren.

Der bevorstehende Winter macht die ohnehin geschwächte Bevölkerung nur noch anfälliger, so dass sich auch chronische Krankheiten verschlimmern werden, da "die Leute keinen Zugang haben zu ganz einfachen Medikamenten gegen hohen Blutdruck, Diabetes oder Herzerkrankungen", sagt Patterson. Roger Hearn von Save the Children macht seinem Ärger über die aktuelle Situation Luft: "Ich bin wirklich fassungslos, dass Leute, die unter solchen Umständen leben müssen, keinerlei Hilfe bekommen können."

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