Polen: Ein Impfskandal hilft gegen die Impfskepsis | Europa | DW | 27.01.2021
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Pandemie

Polen: Ein Impfskandal hilft gegen die Impfskepsis

In Polen hat das Impfen gegen Corona begonnen. Nach Medizinern und Pflegekräften - der "Impfgruppe 0" - sollen nun Senioren geimpft werden. Entgegen vieler Befürchtungen ist der Andrang riesig.

Polen Impfstart gegen Covid-19: Am 25. Januar 2021 injiziert eine Krankenschwester einer über 80-jährigen Seniorin den Pfizer BioNTech-Impfstoff am Universitätsklinikum Krakau

Eine Krankenschwester impft einer über 80-jährige Seniorin den Pfizer BioNTech-Impfstoff in Krakau am 25.01.2021

Schon vergangenen Freitag hatten sich Schlangen vor den polnischen Ärztezentren gebildet, in denen sich über 70-Jährige zum Impfen anmelden können. Viele der Senioren hatten schon zuvor vergeblich versucht, sich bei einer eigens dafür eingerichteten Telefon-Hotline zu registrieren.

"Meine Frau hat sehr lange gewartet - und wurde dann einfach aus der Warteschleife geworfen", berichtet ein älterer Mann aus Szczecin (Stettin), "deswegen versuche ich jetzt auf diesem Wege mein Glück." Einige Senioren hätten sich schon in der Nacht angestellt, berichtet der Mann weiter, doch auch das sei keine Garantie dafür, einen Termin zu bekommen.

Wie in anderen Ländern ist Impfstoff in Polen - geliefert wurde hauptsächlich das Präparat von BioNTech-Pfizer, aber auch 29.000 Dosen des Moderna-Wirkstoffs - knapp. Daher gab es vielerorts überhaupt keine freien Termine mehr, nachdem diese durch über 80-Jährige, die sich bereits vorab registrieren konnten, belegt worden waren.

Impfstart gegen Covid-19 in Polen: Eine ältere Frau öffnet am 25. Januar 2021, dem ersten Impftag in Polen, eine Tür des Universitätsklinikums Krakau

Eine ältere Frau betritt am 25. Januar 2021, dem ersten Impftag in Polen, das Universitätsklinikum in Krakau

Inzwischen sind bis Ende März alle Impftermine vergeben, teilte das Gesundheitsministerium am Sonntag (24.01.2021) mit. Auch die telefonische Impf-Hotline ist völlig überlastet. Zum Start der Registrierung der über 70-Jährigen bemühten sich am Freitag phasenweise etwa 300.000 Menschen gleichzeitig um eine Verbindung zur Nummer 989. Dafür reichten die 2000 Mitarbeiter nicht aus. Glück hatten einige, die, obwohl es offiziell um 6 Uhr morgens losgehen sollten, schon kurz nach Mitternacht anriefen - und durchkamen.

Ansturm statt Impfskepsis

Mit einem solchen Ansturm aufs Impfen hatte in Polen noch vor kurzem kaum jemand gerechnete. Noch im November wollten sich laut einer Umfrage gerade mal 43 Prozent der Bürgerinnen und Bürger impfen lassen; Anfang Januar waren es knapp 70 Prozent. Zu dieser Abnahme der Impfskepsis dürfte ausgerechnet ein Skandal beigetragen haben: Ende vergangenen Jahres hatte sich herausgestellt, dass neben der im staatlichen Impfplan vorgesehenen "Gruppe 0” - im wesentlichen Ärzte und medizinisches Personal -, auch einige Prominente bereits geimpft worden waren.

Die polnische Schauspielerin Krystyna Janda hält die Medaille Charlemagne pour des Medias Europeens hoch. Der gleichnamige Verein hat sie am wird am 11. Mai 2006 für ihr politisches Wirken zur Integration Europas ausgezeichnet. Die Verleihung fand in Aachen statt

Krystyna Janda, hier bei der Verleihung "Medaille Charlemagne pour des Medias Europeens" in Aachen am 11.05.2006

Eine davon ist die Film- und Theaterschauspielerin Krystyna Janda. Wenige Tage nach ihrer Impfung beteuerte sie im Gespräch mit dem Privatsender TVN24, sie habe extra gefragt, ob sie nicht Anderen Impfstoff wegnähme - und ihr sei versichert worden, dass das nicht der Fall wäre. Auch andere geimpfte Nicht-Mediziner sagen, sie seien davon ausgegangen, dass sie an einer Kampagne für die Impfung teilnehmen würden und mit Impfdosen geimpft wurden, die "übriggeblieben" waren.

200 Impfdosen für Nicht-Mediziner

Bei einer Kontrolle des Warschauer Universitätskrankenhauses, in dem die umstrittenen Impfungen durchgeführt worden waren, stellte sich heraus, dass fast die Hälfte von 450 Impfdosen, die die Einrichtung erhalten hatte, rund 200 Menschen zugutekamen, die in keinerlei Beziehung zum Klinikum standen.

Impfstart gegen Covid-19 in Polen: Senioren warten am 25. Januar 2021 im Beobachtungsraum, nachdem sie den Pfizer BioNTech-Impfstoff am Universitätsklinikum Krakau erhalten haben

Nach der Impfung: Senioren am 25. Januar 2021 im Beobachtungsraum des Universitätsklinikums Krakau

Auch einige Politiker ließen sich entgegen der festgelegten Reihenfolge vorzeitig impfen und posteten sogar Fotos davon auf soziale Medien. Einem Landrat der regierenden Partei "Prawo i Sprawiedliwość" (deutsch Recht und Gerechtigkeit, kurz PiS) wurde dafür die Parteimitgliedschaft entzogen. Vor allem aber führte der Skandal dazu, dass viele Polinnen und Polen ihre bisherige Impfskepsis ablegten. Seitdem ist die Frage, wie mit dem jetzigen Andrang umgegangen werden kann.

Eine neue Impfreihenfolge

Noch in der vergangenen Woche wurden Veränderungen in der Impfreihenfolge verfügt. Nach der neuen Verordnung dürfen sich nun nach der "Gruppe 0" Senioren im Alter über 80 Jahren, dann über 70 und dann über 60 impfen lassen. Nach ihnen sind Menschen mit chronischen Krankheiten wie Krebs an der Reihe, dann folgen Lehrer sowie Angehörige von Militär und Polizei.

Corona-Impfstart in Polen: Als einer der ersten Menschen wurde am 27. Dezember 2020 dieser Sanitäter in einem Krankenhaus in Warschau mit dem Pfizer-BioNTech-Impfstoff geimpft

Dieser Sanitäter wurde bereits am 27.12.2020 in Warschau mit dem Pfizer-BioNTech-Impfstoff geimpft

Michał Dworczyk, Chef der Kanzlei des Premierministers, begründete die Korrekturen mit Anträgen der betroffenen Gruppen. In jedem Entscheidungsprozess könnten Fehler auftreten, so der Politiker. Bis jetzt wurden in Polen mehr als 700.000 Impfdosen verabreicht. Knapp zwei Prozent der Gesamtbevölkerung hat zumindest eine Injektion erhalten. Grundsätzlich gelten für Ausländer, die sich offiziell und legal in Polen aufhalten, dieselben Regeln wie für Einheimische - unter bestimmten Bedingungen.

Impf-Bedingungen für Ausländer

Dabei geht es vor allem um Ukrainer. Dreiviertel der 2019 in Polen erteilten Arbeitsgenehmigungen gingen an diese Gruppe. Ukrainer machen auch den Löwenanteil der Ausländer aus, die in die polnische Sozialversicherung einzahlen - zuletzt rund eine halbe Million Menschen. Tatsächlich dürften weit mehr Ukrainer im Land leben und arbeiten.

Eine junge Dame mit Corona-Schutzmaske zeigt drei ukrainische Pässe. Seit dem 29.04.2020 können ukrainische Staatsbürger polnische Arbeitsvisa per Post erhalten

Seit dem 29.04.2020 können ukrainische Staatsbürger polnische Arbeitsvisa per Post erhalten

"Jede Person, die sich legal in Polen aufhält und derer Aufenthalt beispielsweise durch eine befristete oder unbefristete Aufenthaltserlaubnis geregelt ist, kann sich impfen lassen", betont Kanzleichef Dworczyk, der die polnische Impfkampagne leitet. Es gebe hierbei keine Einschränkungen, so dass Beschäftigte aus der Ukraine oder anderen Ländern kostenlos Impfstoff erhalten könnten.

Gastarbeiter als Infektionsrisiko

Olga Duda vom Verband der Ukrainer in Polen weist jedoch im Gespräch mit der DW darauf hin, dass sich in der Praxis bürokratische Prozeduren oft sehr lange hinzögen - und viele Ukrainer, wenn überhaupt, erst nach Monaten eine Aufenthaltskarte erhielten. Viele nutzten zudem traditionell den "kleinen Grenzverkehr" oder andere, vereinfachte Verfahren. Sie alle fallen durch den polnischen Impfrost, während in ihrer ukrainischen Heimat die Impfungen noch gar nicht richtig begonnen haben.

Ukrainische Arbeitskräfte bei der Einreise nach Polen am Übergang Schehyni am 15. Juni 2020, dem Tag der Öffnung der Grenze. Zuvor hatte Polen hatte seine Grenzen wegen Corona geschlossen

Ukrainische Arbeitskräfte bei der Einreise nach Polen am Übergang Schehyni am 15. Juni 2020

Das ist auch auf lange Sicht ein Problem - denn wenn Polens Grenzen wieder für Gastarbeiter aus dem Osten geöffnet werden, könnten diese das Virus immer wieder neu einschleppen und damit Impferfolge in Polen verwässern. Dworczyk erklärte, dass der Personenkreis Impfberechtigter aus den betroffenen Ländern durchaus noch erweitert werden könne – aber abhängig von der Verfügbarkeit der Impfstoffe und der weiteren Entwicklung der Pandemie in Polen.

Dass diejenigen Ukrainer, die über eine Aufenthaltsberechtigung verfügen und von Berufs wegen für die Impfung privilegiert sind, tatsächlich bereits geimpft wurden, bestätigt Olga Duda. Das gelte insbesondere für ukrainische Ärzte, Pfleger und Sanitäter. Deren Zahl dürfte noch steigen, denn die Regierung in Warschau hat Ende vergangenen Jahres vereinfachte Zulassungsregeln für Ärzte aus Nicht-EU-Staaten eingeführt. Vor einer Woche wurden die ersten fünf auf dieser Basis ins Land gelassenen Mediziner vorgestellt: drei Belarussen und zwei Ukrainer.

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