″Poesie der Pflanze″ - Karl Blossfeldt und die Formenvielfalt in der Natur | Kultur | DW | 11.03.2019
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Ausstellung

"Poesie der Pflanze" - Karl Blossfeldt und die Formenvielfalt in der Natur

Historische Fotografien von Karl Blossfeldt treffen auf Fotokunst von Jim Dine. Mit seiner Arbeit hat Blossfeldt Generationen von Künstlern beeinflusst, erzählt Kuratorin Gabriele Conrath-Scholl im DW-Interview.

Die Photographische Sammlung der SK Stiftung Kultur in Köln bringt in ihrer aktuellen Ausstellung zwei Künstler zusammen, die höchst unterschiedliche Biografien haben und die dennoch viel verbindet: Karl Blossfeldt, 1865 im Harz geboren, und Jim Dine, berühmter amerikanischer Popart-Künstler, 1935 in Cincinnati/Ohio zur Welt gekommen. "Poesie der Pflanze" ist der Titel und zugleich programmatische Klammer für die Fotografien der beiden Künstler, erzählt Kuratorin Gabriele Conrath-Scholl im DW-Interview.

DW: Frau Conrath-Scholl, Sie kennen als Kunsthistorikerin die Fotogeschichte sehr genau. Was hat Karl Blossfeldt (1865-1932) in seiner Zeit, also Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, zu solch kunstvollen Fotografien gebracht?

Blossfeldt war darum bemüht, das Ornament und die Muster, die in den künstlerischen Formen seiner Zeit vorkamen, noch mal zu erneuern, und zwar auf Grundlage von Beobachtungen, die er an der lebendigen Pflanze vornahm. Und dies auch in ganz unterschiedlichen Bereichen des Kunstgewerbes, der Kunst und der Architektur.

War er von Haus aus gelernter Fotograf?

Nein, Blossfeldt war Lehrer an der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums in Berlin. Dort hat er zwischen 1899 und 1930 gelebt und gearbeitet. "Modellieren nach der lebendigen Pflanze" das war sein Fach. Die Fotografie war für ihn nur ein didaktisches Mittel für seine Studenten.

Fotograf Karl Blossfeldt 1895 (public domain/Karl Blossfeldt)

Karl Blossfeldt

Nachdem er sehr unterschiedliche Methoden versucht und durchgearbeitet hatte - er hat zum Beispiel Pflanzen mit Wachs konserviert oder er hat sie galvanisiert - entdeckte er für sich diese Art der botanischen Fotografie. Auch das Zeichnen war ja damals eine Form des Konservierens.

Aber er merkte, dass man mit all dem an manchen Stellen nicht nah genug an der Natur dran war. Und insofern ist er letztlich zur Fotografie gekommen, und zwar nicht zu einer 1:1-Fotografie, sondern er hat alles stark vergrößert. Und damit kam er zu wunderbaren Einsichten und Ansichten von Pflanzen, die einem sonst als Betrachter verborgen blieben.

Hatten seine Naturaufnahmen damals schon einen künstlerischen Wert? Oder war es reines Anschauungsmaterial?

Diese Fotografien hat er seinen Studenten vorgelegt und danach wurde dann gezeichnet. Die Motive wurden genauestens abgezeichnet oder auch künstlerisch transformiert in Ornamente und Muster. Oder sie wurden zu Stuckarbeiten, zu Musterzeichnungen für Tapeten oder Textilien und dergleichen umgearbeitet.

Seine Idee war, eine Naturformen-Sammlung von großer Dimension zusammenzutragen und sie auszustellen - in der Akademie und im Museum. Und zwar permanent auszustellen, so dass jeder nach Lust und Laune in diesen Raum gehen konnte, um dort die unterschiedlichsten Naturformen betrachten und studieren zu können.

Inwieweit hat Blossfeldt an den Pflanzen auch das kunstvoll Konstruierte interessiert und nicht nur das botanische Objekt?

Blossfeldt kam ja von der Bildhauerei. Er hatte in Berlin die Ausbildung als Bildhauer absolviert. Und er war ausgebildet als Kunstgießer und war als Modelleur tätig gewesen. Insofern war er mit diesen plastischen Formen und der skulpturalen Qualität einer Pflanze sehr vertraut. Das war im Formenspiel seiner Zeit ja wichtig: der ganze Historismus, der Jugendstil, das alles lebte ja vom Ornament. Und das war etwas, was ihn interessierte.

Und dann hat er sich Kameras gebaut, die es ermöglichten, die Dinge so stark zu vergrößern. Er hat viel in der Dunkelkammer gearbeitet und hat seine Aufnahmen zu sehr zarten und kunstvollen Bildern ausformuliert.

Bildeergalerie Moore in Deutschland (picture-alliance/dpa/P. Pleul)

In den Wäldern rund um Berlin ließ sich Blossfeldt von den Formen der Natur inspirieren

Wie viel gärtnerische Energie steckte in seiner Arbeitsweise? Wo hat Blossfeldt seine Pflanzenobjekte überall gefunden?

Er ist in die Wälder rund um Berlin gewandert und hat sich die einzelnen Pflanzen selbst und dezidiert gesucht. Das berichtet er auch in einigen seiner Briefe. Er hat diese zum Teil zarten Pflänzchen dann in Töpfen und Gläsern mitgenommen, damit sie nicht beschädigt oder geknickt wurden.

Er hatte ein kleines Gewächshaus, stellte sie zum Teil aber auch wieder nach draußen in den Garten. So konnte er dann abwarten und sie genau beobachten, so dass er ganz unterschiedliche Wachstumsphasen dieser Pflanzen fotografieren konnte. Also letzten Endes war er auch ein Gärtner. Er kannt sich aus mit diesen Pflanzen.

Welche Verbindung zeigt Ihre aktuelle Ausstellung zwischen dem Deutschen Karl Blossfeldt, Jahrgang 1865, und dem US-Amerikaner Jim Dine, Jahrgang 1935 - als Vertreter völlig unterschiedlicher Künstlerbiografien?

Es ist das gute Auge und die Achtsamkeit, mit den Dingen und den Objekten aus der Pflanzenwelt umzugehen. Und ganz klar spielen die Pflanzenformen eine wichtige Rolle, die beide in den Blick genommen haben.

Das Interview führte Heike Mund.

Gabriele Conrath-Scholl ist Leiterin der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur in Köln und Kuratorin der Ausstellung "Poesie der Pflanze". Sie hat zahlreiche Texte und Katalogbeiträge u.a. über August Sander, Albert Renger-Patzsch, Bernd und Hilla Becher veröffentlicht und ist Mitherausgeberin der Gesamtauflage von Sanders "Menschen des 20. Jahrhunderts" (2002). Die Ausstellung "Poesie der Pflanze" ist noch bis zum 21. Juli 2019 in Köln zu sehen.

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