Jahrhundertsänger Plácido Domingo wird 80 | Musik | DW | 21.01.2021
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Musik

Jahrhundertsänger Plácido Domingo wird 80

Er singt und singt und singt - trotz Alter, Corona-Erkrankung und #MeToo-Vorwürfen. Auch mit 80 steht Plácido Domingo noch auf der Bühne.

Plácido Domingo 2018

Macht sich noch keine Gedanken über den Ruhestand: Plácido Domingo

Über sein Alter spricht er lieber auf Französisch. "Quatre-vingt" (übersetzt: "vier mal zwanzig") höre sich besser an, als zu sagen, dass er am 21. Januar 2021 sein neuntes Lebensjahrzehnt beginne, sagte Plácido Domingo Ende Oktober 2020 bei einem Treffen mit Journalisten in Moskau. 

Sein Name bedeutet - übersetzt aus dem Spanischen - so viel wie "ruhiger Sonntag", aber gerade sonntags kam der Mega-Opernstar in den vergangenen 60 Bühnenjahren so gut wie nie zur Ruhe. "Da ist fast immer eine Aufführung oder ein Konzert gewesen."

Plácido Domingo steht bei der bei der Operngala in Moskau mit dem Rücken zum Orchester: Ihm applaudieren Tenor und Anna Netrebko-Ehemann Yusif Eyvazov (links), Dirigent Tugan Sokhiev (Rechts)

Unter Freunden: Plácido Domingo bei der Operngala im Bolschoi-Theater in Moskau im Oktober 2020 (links: Tenor und Anna Netrebko-Ehemann Yusif Eyvazov, rechts: Dirigent Tugan Sokhiev)

Marathon-Mann und "Stehaufmännchen" der Oper

Mit 80 noch auf der Bühne, wenn auch nicht mehr als Tenor, sondern im Bariton-Fach: Als Sänger hat der in Madrid geborene Künstler längst alle Rekorde gebrochen - und zwar nicht nur quantitativ. Seit über 60 Jahren verzaubert seine markante, sinnliche Stimme die Musikwelt.

Fast 4000 Vorstellungen hat Domingo als Sänger bestritten, über 150 Rollen verkörpert. Und immer hat er mit der Kraft seiner Interpretationen überzeugt: wie zuletzt Ende Oktober 2020 beim Gala-Konzert im Bolschoi-Theater in Moskau. Das Konzert, das trotz Corona-Pandemie mit großem Aufgebot an Opernstars, darunter Anna Netrebko, Piotr Beczała oder Michael Volle, stattfand, war nach den Worten von Domingo eine Art "Ouvertüre zu seinem 80. Geburtstag", den er am 21. Januar feiert.

Der Ort für diese "Ouvertüre" war nicht zufällig gewählt: Die #MeToo-Bewegung ist noch nicht wirklich nach Russland  vorgedrungen, so dass Domingo hier weiterhin nicht nur mit seiner erstaunlich jungen und kraftvollen Stimme, sondern auch mit einer "sauberen Weste" auftreten kann.

Anna Netrebko und Plácido Domingo in Il Trovatore ín Kostümen bei den Salzburger Festspielen, 2014, sie kniet, er schaut zu ihr hinab

Bühnenpartner: Anna Netrebko und Plácido Domingo, hier in "Il Trovatore" bei den Salzburger Festspielen 2014

Zu den Vorwürfen der sexuellen Belästigung, die im August 2019 in den USA gegen ihn erhoben wurden, will sich Domingo nicht mehr äußern. Er habe sein persönliches Fehlverhalten eingestanden und sich entschuldigt - immerhin, denn erst leugnete der Sänger jegliche Schuld, er habe "nie jemanden belästigt". Zahlreiche Aussagen von Frauen aus der Opernwelt bezeugten das Gegenteil: Es wurde von "unangemessenen Aktivitäten" - vom Flirt bis hin zu sexuellen Avancen - berichtet, allerdings meistens anonym. Eine Anzeige wurde nie erstattet.

Der Skandal hat den Workaholic Domingo seine USA-Karriere und den Posten des Intendanten in Los Angeles gekostet. Auch sein Heimatland, Spanien, hat gegen Domingo, einst als Halbgott gefeiert, eine Art Bann verlegt. Da wünscht sich der Sänger, so seine jüngste Aussage gegenüber der spanischen Zeitung "El Mundo", "eine ehrliche Klärung im persönlichen Gespräch".

Julia Novikova und Placido Domingo in Rigoletto, 2010: Sie sitzen in einem Ruderboot, er hat den Arm um sie gelegt

Singt gerne Vater-Rollen: Plácido Domingo mit der russischen Sopranistin Julia Novikova in "Rigoletto", 2010

Ansonsten möchte er das Thema aber hinter sich lassen und sich "anderen Herausforderungen widmen". Russland eignet sich perfekt dafür: Seit seinem Russland-Debüt 1974 liegt das Land ihm zu Füßen. Sogar Präsident Putin zählt zu den Domingo-Fans und hat den Sänger in seinen Kultur-Beirat eingeladen (was Domingo allerdings höflich ablehnte - unter Berufung auf den vollen Terminkalender). Dafür versprach der Maestro, im kommenden Jahr mehrfach als Sänger und Dirigent auf den russischen Bühnen zu stehen, weitere Einladungen sollen ihn nach Mexiko und Italien führen. Im Falle Domingos scheint die Musikwelt Milde walten lassen.

Mit Optimismus gegen Corona

Das Phänomen seiner Bühnen-Langlebigkeit erklärte Domingo in einem Interview mit der Fürsprache der heiligen Cecilia, der Patronin aller Musiker, zu der er vor jedem Auftritt bete - und mit seinem Optimismus. Diesen Optimismus büßte er nicht einmal während der Corona-Erkrankung ein, die Domingo mit seiner ganzen Familie bereits im März 2020 durchmachte. Der fünfmonatigen Corona-Pause, die er in seinem Ferienhaus in Acapulco verbrachte, kann er auch etwas Positives abgewinnen: Er habe viel Zeit mit seiner Familie, den drei Söhnen und zahlreichen Enkelkindern verbracht, Klavier gespielt und "über sein Leben nachgedacht".

Eine Ausnahmekarriere als Sänger und Geschäftsmann

Plácido Domingo wurde am 21. Januar 1941 in Madrid geboren. Seine Eltern waren beide Sänger im Zarzuela-Fach, eine Form der spanischen Operette. Bald zog die Familie berufsbedingt nach Mexiko. Der vom Fußball und Stierkampf begeisterte Junge wurde im Alter von 14 Jahren ins Nationale Musikkonservatorium des Landes aufgenommen. Im Alter von 18 Jahren folgte sein Debüt als Solist.

Nach der Heirat mit Marta Ornelas, einer Musikerkollegin, heute 86 und weiterhin Beraterin ihres Mannes in allen Angelegenheiten, sangen beide von 1962 bis 1965 an der Oper in Tel Aviv. Der Startschuss zur internationalen Karriere kam zwei Jahre später, zunächst in Europa, 1968 dann mit Domingos Debüt bei der Metropolitan Opera in New York auch in den USA. Es folgten Auftritte auf allen wichtigen Opernbühnen der Welt. Die meisten absolvierte der Sänger jedoch bei der Metropolitan Opera, wo er in mehr als 800 Aufführungen 46 Rollen verkörperte.

Placido Domingo, Jose Carreras und Luciano Pavarotti singen, James Levine steht am Dirigentenpult

"Die drei Tenöre": Plácido Domingo, José Carreras und Luciano Pavarotti, mit James Levine am Pult, 1996 in München

In den 1990-er Jahren setzte Domingo Maßstäbe bei der Akzeptanz klassischer Musik, auch außerhalb der Konzertsäle. Als einen der "Drei Tenöre" - zusammen mit Luciano Pavarotti und José Carreras - liebte ihn auch jenes Publikum, das sich sonst nicht für Klassik interessierte. Spätestens nach dem Auftritt bei der Fußballweltmeisterschaft 1990 wurden die drei Kult. Das Projekt bescherte den Sängern und den Machern zudem einen überragenden wirtschaftlichen Erfolg, die Alben der "Tenorissimi" verkauften sich über 20 Millionen Mal.

Von Verdi zu Wagner, vom Tenor zum Bariton

Domingos Hauptrepertoire bildeten die französischen und italienischen Opern mit Schwerpunkt auf den Komponisten Verdi, Puccini und Bizet. Domingo war aber schon immer für Überraschungen gut: So waren Besucher der Richard Wagner-Festspiele in Bayreuth 1991 erstaunt, als der "König des Belcanto" bei einer Aufführung von "Parsifal" unangekündigt im Zuschauerraum auftauchte.

Plácido Domingo und Sarah Willis sitzen sich gegenüber und unterhalten sich

Ein Charmeur: Plácido Domingo mit DW-Moderatorin und Hornistin Sarah Willis

Dort blieb er allerdings nicht lange: In der folgenden Saison stand Domingo auf der Bühne, sang die Titelrolle und verblüffte mit einem weichen, melodischen Wagner-Gesang. Es folgten Auftritte und Studioaufnahmen weiterer Wagner-Rollen: Lohengrin, Siegmund, Siegfried und Tristan. Auch im russischen Repertoire behauptete sich der Spanier - etwa als Hermann in "Pique Dame" von Pjotr Tschaikowski, eine seiner Parade-Rollen.

Plácido Domingo und seine Ehefrau Marta, 1999

Immer an Plácido Domingos Seite: Ehefrau Marta

Ob er ans Aufhören denke? In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte Domingo 2009: "Ich werde keinen Tag länger singen, als ich sollte. Allerdings auch keinen weniger, als ich kann." Elf Jahre später, im Oktober 2020, kam auf diese Frage eine präzisere Antwort: Er rechne, so ließ Domingo wissen, noch mit ein bis zwei aktiven Bühnenjahren. Und dann habe er auch "viel anderes vor". Alter, so der Sänger gegenüber "El Mundo", sei "keine Ausrede dafür, dass man die Begeisterungsfähigkeit verliert oder nicht mehr träumt".

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