Peter Neumann: ″In Umbruchzeiten treten alte Kräfte wieder auf den Plan″ | Filme | DW | 07.12.2018
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Philosophiegeschichte

Peter Neumann: "In Umbruchzeiten treten alte Kräfte wieder auf den Plan"

Steckt Deutschland wieder in einer Umbruchphase? Autor Peter Neumann verortet die Veränderungen historisch. Ein Gespräch über sein viel diskutiertes Sachbuch "Jena 1800 - Die Republik der freien Geister".

Deutsche Welle: Jena im Jahre 1800 war eine geistesgeschichtlich aufregende Zeit, in Jena schlug das Herz des Geistes im heutigen Deutschland, nicht nur in Weimar! Was hat Sie gereizt an dem Thema?

Peter Neumann: Zum einen ist es mein Forschungsgebiet. Ich bin neben meiner schriftstellerischen Tätigkeit als Lyriker auch an der Universität Jena tätig und habe mich schon früh in die Klassische Deutsche Philosophie verliebt, in deren theoretischen Spekulationen, aber auch in deren, wie ich meine, ungebrochene Gegenwärtigkeit.

So bin ich über einige Umwege und einen glücklichen Zufall zu einem erzählenden Sachbuch gekommen, wobei systematisch für mich immer die Frage im Vordergrund stand: Wie kann man Philosophie-Geschichte so erzählen, dass sie nicht nur chronologisch, nicht nur teleologisch und abstrakt ist, sondern so, dass sie ganz anschaulich, erlebbar, für unsere eigene Gegenwart erfahrbar wird, etwas von dem oder jenem Zeitgeist verrät.

Sie haben sich mit ostdeutscher Provinz beschäftigt, mit Orten in Thüringen und Sachsen, Orten, die heute durch politische Vorkommnisse - auch im Ausland - nicht unbedingt das beste Image haben. Sind Ihnen diese aktuellen Geschehnisse durch den Kopf gegangen beim Recherchieren?

Das lässt sich natürlich nicht vermeiden, wenn man sich mit Orten wie Jena oder Weimar beschäftigt, Orte, an denen seit jeher so viele zeitliche Tiefenschichten präsent sind. Aus aktuellem Anlass will ich nur an die Vertreibung des Bauhauses aus Weimar im Jahr 1924 erinnern.

Anna Amalia Bibliothek in Weimar (2003) (picture alliance/dpa)

Neben Jena war natürlich Weimar damals das geistige Zentrum: Blick in die Anna Amalia Bibliothek

Ich glaube, dass die thüringische Provinz damals, um 1800, vor allem drei Dinge versprach: geistige Freiheit, landschaftliche Weite und geschichtliche Tiefe, also ein Bewusstsein für geschichtliche Herkunft, die in Revolutionszeiten fragwürdig geworden war. Jena um 1800 war ein idealer Ort, um die Verwerfungen der Zeit - Umbrüche kultureller, gesellschaftlicher, politischer und ästhetischer Art - einerseits aus der Distanz zu beobachten, und ihnen andererseits mit einer gesellschaftlichen Utopie im Kleinen zu begegnen.

Die Provinz damals war allerdings gar nicht so sehr verschieden zu der Provinz von heute. Es gibt Verhaltensmuster, die wiederkehren. Schon damals gab es einen ausgeprägten Drang, sich vor den großen gesellschaftlichen Umwälzungen abzuschotten, am Alten und Bewährten festzuhalten.

Wenn man mögliche weitere Parallelen zum Hier und Jetzt aufzeigen will: Wir stehen vor der Wahl eines neuen CDU-Vorsitzenden. Einer der Kandidaten, Friedrich Merz, hat schon vor langer Zeit angesichts gesellschaftlicher Veränderungen eine "deutsche Leitkultur" gefordert. Einer seiner Kollegen aus dem Süden der Republik, Alexander Dobrindt, hat vor kurzem eine "konservative Revolution" ausgerufen. Gibt es überhaupt Phasen historischer Umbrüche? Oder ist das ein Konstrukt der Historiker?

Deutschland Immanuel Kant Gemälde Ausschnitt (picture-alliance/akg-images)

An ihm arbeiteten sich damals alle ab: Immanuel Kant

Man muss sich klarmachen: Epochenkonstruktionen sind das Ergebnis nachträglicher Reflexionen. Das heißt, sie sind das Ergebnis der Forschungen von Historikern, Literaturwissenschaftlern, Kunsthistorikern, Philosophen. Gerade Etiketten wie "Deutscher Idealismus" oder "Deutsche Frühromantik" machen deutlich, wie sehr Macht- und Herrschaftsfragen in die Deutung von Geistesgeschichte miteinfließen. Der deutsche Idealismus ist eine Erfindung der nationalen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts.

Was spannend ist an den konservativen Rückzügen und reaktionären Flashbacks, die es momentan gibt, dass es gerade wieder so ein Bedürfnis zu geben scheint nach Vereindeutigung und Simplifizierung, nach Abkapselung und Isolierung. Dieses Bedürfnis steht diametral dem geschichtlichen Aufbruchsdenken um 1800 entgegen, das sich paradoxerweise gerade in der Provinz, in Jena und Weimar, ereignet hat.

Die Modernität des Denkens von damals liegt zweifelsohne in seiner Lust am Widerspruch, am Streit und Konflikt. Wenn jemand wie Dobrindt eine "konservative Revolution" ausruft, dann ist das sicher nicht der richtige Weg, um auf die angespannte Situation in Deutschland zu reagieren. Einem freien Geistesleben steht heute nur zu oft eine Provinzialisierung des Geistes gegenüber.

Es gibt weitere Parallelen zu heute, die ins Auge fallen, wenn man Ihr Buch liest. Gerade der Aspekt, dass sich Entwicklungen wie Aufklärung und Anti-Aufklärung abwechseln, Wahrheitsfindung versus Fake News etc. Ist das vergleichbar?

Deutschland Stadt Jena Markt bei Nacht (Fotolia/ArtHdesign)

Einst geistiges Zentrum deutscher denker - Jena heute

Es ist das Kennzeichen von Umbruchszeiten, dass, sobald sich der Bruch ereignet hat, sofort die alte Kräfte auf den Plan treten, um das Neue entweder noch zu verhindern oder es zumindest in moderatere Bahnen zu lenken. So war es auch damals. Deswegen spricht man um 1800 auch von einer Gegenaufklärung oder einer "alten Aufklärung". Hochburgen der alten Aufklärung waren Göttingen und Berlin, aber auch in Tübingen, im Stift, herrschte weiterhin die Orthodoxie, alles rückwärtsgewandte Kräfte.

Der Kreis in Jena versuchte sich mit aller Macht, mit Witz und Scharfsinn, dagegenzustemmen, um den Kampf um die Wahrheit nicht aufzugeben, die Geltungsansprüche der Vernunft einzufordern. Das ist schon eine vergleichbare Situation, dass es zu diesem Konflikt zwischen dem Alten und dem Neuen kommt, und dass das Neue immer Schwierigkeiten hat, sich gegen das Alte durchzusetzen.

Interessant ist die Rolle die Frau in Jena, das war eine sehr fortschrittliche Rolle, verkörpert vor allem von Caroline Schlegel/Schelling. War der Kreis damals revolutionär in dieser Hinsicht?

Absolut! Eine Denkfigur, auf die man um 1800 immer trifft, ist die von Entzweiung und Einheit: Die Polaritäten müssen aufgehoben werden. Und zu den Polaritäten gehört eben auch die geschlechtliche Polarität von Mann und Frau, auch in ihren sozialen und kulturellen Mustern. Deswegen war es ganz selbstverständlich für den Jenaer Kreis, dass Frauen Männer und Männer Frauen sein konnten, eine Art Kippbild, es gab nur ein Geschlecht, die menschliche Gattung. Das schließt auch eine gewisse sexuelle Freizügigkeit mit ein.

Dorothea Caroline von Schelling (picture-alliance/dpa/Bifab)

Im Herz des Jenaer Kreises stand Dorothea Caroline von Schelling

Und deshalb haben Frauen auch ganz selbstverständlich mitgearbeitet, mitgedichtet, mitübersetzt, waren Teil der intellektuellen Gemeinschaft und wurden - wie Caroline Schlegel/Schelling - sogar Zentrum dieser Gemeinschaft auf Zeit. Über die veralteten Vorstellung von Mann und Frau, von lebenslanger Ehe, Versprechen und Treue hat man sich eher lustig gemacht.

Eine letzte Parallele zwischen Jena 1800 und Heute, das Thema Religion. Das mag damals eine größere Rolle gespielt haben. Aber: Angesichts vieler religiöser Radikalisierungen (im Trump-Amerika, die Orthodoxie im Putin-Russland, Islam etc.) - erinnert das nicht auch an Heute, der Atheismus-Vorwurf früher und heute?

Der Kampf um die Religion und die Frage, was Religion in aufgeklärten Zeiten noch bedeuten kann, ist ein entscheidendes Problem um 1800. Die Diagnose, die schon Immanuel Kant gefällt hatte, war: Wir können uns nicht mehr allein auf unseren Glauben verlassen, wenn wir gerechtfertigte Erkenntnisansprüche in der Philosophie stellen wollen, wir müssen eine Vernunft-Kritik durchführen, die uns die allgemeinen und notwendigen Bedingungen angibt, was erkennbar ist und was nicht. Und Gott als übersinnliches Wesen gehört eben nicht in den Bereich des für uns Erkennbaren, erkennbar sind nur Gegenstände in Raum und Zeit.

Gleichzeitig gibt es aber auch eine Gegenbewegung bei Kant: Denn ohne Gott und ohne den Glauben kommen wir in der Welt nicht aus. Kant sagt: Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen. Und warum kommen wir ohne Gott nicht aus? Ohne den Glauben an Gott oder ein übersinnliches Substrat würde uns eine bestimmte Struktur fehlen. Und diese Struktur ist eine Struktur der Einheit. Also das, was die Gegensätze, die es realiter gibt, auf einer höheren, ideellen Ebene wieder vermittelt. In dieser Weise bekommt Gott, die Religion, wieder vernünftige Züge, weil der Glaube einen Modus beschreibt, über die Differenzen hinweg zu fragen nach dem, was die Vernunft, eine Gesellschaft zusammenhält.

...und das ist religionsunabhängig?

Diese Form einer Vernunft-Religion ist im Grunde nicht festgelegt auf eine bestimmte Religion, Christentum, Islam, Judentum, sondern das ist - wie gesagt - eine formale Struktur. Nach dieser Struktur wird man überall dort suchen, wo es Konflikte gibt, wo nach einem vereinigenden, die Gegensätze überwölbenden Dritten gefragt wird. Das muss nicht zwangsläufig die Religion sein, das kann auch die Kunst leisten, der gemeinsame Dialog.

Zum weiterlesen: Peter Neumann: "Jena 1800 - Die Republik der freien Geister", Siedler Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-8275-01105-9.

Das Gespräch führte Jochen Kürten

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