Peking 2022: Was bewirkt ein diplomatischer Olympia-Boykott? | Sport | DW | 25.11.2021
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Menschenrechte

Peking 2022: Was bewirkt ein diplomatischer Olympia-Boykott?

Die Rufe nach einem diplomatischen Boykott der Olympischen Spiele 2022 in Peking wegen Menschenrechtsverletzungen in China werden lauter. Was kann man mit dieser Protestform erreichen, wo liegen ihre Grenzen?

Das Logo der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking in Großaufnahme

In zweieinhalb Monaten beginnen die umstrittenen Olympischen Winterspiele in Peking

Der Engländer Charles Cunningham Boycott, geboren 1832, war ein so übler Menschenschinder, dass irgendwann niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben wollte. Die Pächter seiner Ländereien in Irland zahlten ihre Pachtzinsen nicht mehr, alle Mitarbeiter kündigten, niemand kaufte oder verkaufte mehr an ihn, selbst die Post an Boycott wurde nicht mehr zugestellt. Die Strategie, sich kollektiv zu verweigern, wird seither in Anlehnung an die Protestform der irischen Bauern Boykott genannt.

Den Olympischen Winterspielen in Peking vom 4. bis 20. Februar 2022 droht ein diplomatischer Boykott. Die USA und Großbritannien erwägen nach eigener Aussage, aus Protest gegen andauernde Menschenrechtsverletzungen in China keine hochrangigen Regierungsvertreter zu den Spielen zu schicken. Weltweit wird der Ruf lauter, ein solches Zeichen zu setzen.

Potential, die Spiele zu beschädigen

"Wir werden erleben, dass sich Nichtregierungsorganisationen in den nächsten Monaten noch intensiver zu Wort melden und damit den Druck auf nationale Regierungen verstärken", sagt Jürgen Mittag, Sportpolitik-Experte der Deutschen Sporthochschule in Köln. Der Wissenschaftler rechnet damit, dass der Prozess voraussichtlich Mitte Januar seinen Höhepunkt erreicht. Dann, so Mittag gegenüber der DW, "wird man sehen können, ob es wirklich eine konzertierte Aktion gibt, ob also eine größere Zahl von Staats- und Regierungschefs nicht vor Ort sein werden. In diesem Fall wären die Olympischen Spiele sicherlich beschädigt. Und die chinesische Führung hätte nicht realisiert, was sie sich eigentlich von diesen Spielen erhofft: eine positive Präsentation und damit vor allem eine stärkere Zustimmung zum eigenen Land."

Olympia-Gegner mit Maske in Sydney

Protest eines Olympia-Gegners in der australischen Hauptstadt Sydney

Bei Olympischen Spielen haben Boykotte und Boykottdrohungen aus politischen Gründen eine lange Tradition. So nahmen Spanien, die Niederlande und die Schweiz nicht an den Sommerspielen 1956 in Melbourne teil - aus Protest gegen den Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts in Ungarn. In den 1960er und 70er Jahren verhinderten schwarzafrikanische Länder mehrfach mit Boykottdrohungen den Start der damaligen Apartheid-Staaten Südafrika und Rhodesien.

Nach der Besetzung Afghanistans durch Russland Ende 1979 boykottierten im Folgejahr 42 Staaten die Spiele 1980 in Moskau. Russland und 19 weitere Staaten revanchierten sich vier Jahre später, indem sie den Spielen in Los Angeles fernblieben. 1988 schickte Nordkorea keine Aktiven zu den Spielen in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, fünf weitere Staaten schlossen sich an. Auch vor den Sommerspielen 2008 in Peking gab es wegen Menschenrechtsverletzungen in Tibet Boykottaufrufe, die jedoch folgenlos blieben.

Mehr als ein "Boykott light"

Der diplomatische Boykott, manchmal auch Politiker-Boykott genannt, wirkt gegen den Aktiven-Boykott wie eine "Light"-Version - allerdings nur auf den ersten Blick, wie Jürgen Mittag klarstellt: "Letztendlich kann das Großereignis je nach Intensität dieses Boykotts durchaus in einem gewissen Grad beschädigt werden." Wie im Fall der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine, als viele europäische Regierungschefs und auch die EU-Kommission alle Einladungen zu den Spielen in die Ukraine ausschlugen, um gegen die Inhaftierung der damaligen Oppositionspolitikern Julia Timoschenko zu protestieren.

Professor Jürgen Mittag im Porträt

Professor Jürgen Mittag leitet an der Sporthochschule Köln das Institut für europäische Sportentwicklung

Im Gegensatz dazu sorgte 2014 die Abwesenheit des früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck bei den Winterspielen in Sotschi zwar in Deutschland, international aber kaum für Schlagzeilen. Gauck hatte seine Absage mit Menschenrechtsverletzungen in Russland begründet. Ein diplomatischer Boykott entfalte umso mehr Wirkung, je mehr Regierungen sich beteiligten, sagt Wissenschaftler Mittag - vor allem wenn man sich mit Staaten wie Russland oder China anlege: "China ist ein weltpolitisches Schwergewicht, eine Globalmacht. Da wird man relativ genau überlegen, inwieweit man das Mittel eines diplomatischen Boykotts in die Wege leitet, weil zu befürchten steht, dass China darauf an anderer Stelle mit Gegenreaktionen zurückschlägt. Das kann zu Unannehmlichkeiten führen, die man sich nicht unbedingt zuziehen will."

Amnesty: Weder für noch gegen Boykott

Nach Ansicht von Amnesty International hat sich die Menschenrechtslage in China nach den Sommerspielen 2008 nicht verbessert - ganz im Gegenteil, wie jüngst der Fall der Tennisspielerin Peng Shuai gezeigt habe. Die Menschenrechtsorganisation rufe "ausländische Regierungen dazu auf, die Olympischen Winterspiele 2022 zu nutzen, um auf die dramatische Menschenrechtslage hinzuweisen und die nachhaltigen Verbesserung einzufordern, zu denen sich die chinesischen Behörden verpflichtet haben", sagt Dirk Pleiter, China-Experte von Amnesty Deutschland. "Es ist an den ausländischen Regierungen, sich für eine angemessene Form zu entscheiden. Amnesty selbst spricht sich weder für noch gegen einen Boykott der Spiele aus, wie auch immer der gestaltet ist."

Lackmustest für die EU

Das Europäische Parlament forderte bereits Anfang Juli die EU-Regierungen auf, "Einladungen für Regierungsvertreter und Diplomaten zur Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking abzulehnen, solange die chinesische Regierung keine nachweisbare Verbesserung der Menschenrechtslage in Hongkong, der Uiguren-Region Xinjiang, Tibet, der Inneren Mongolei und in anderen Teilen Chinas nachweisen kann". Jürgen Mittag von der Sporthochschule Köln sieht in den Winterspielen in Peking und anschließend auch in der Fußball-WM in Katar einen "Lackmustest", sprich einen Prüfstein für die EU: "Sie hat sich Sport-Diplomatie auf ihre Fahnen geschrieben, sie auch zu einem ganz gezielten Instrumentarium ausgestaltet, aber noch nicht wirklich damit gearbeitet oder nur in höchst begrenztem Ausmaß."

Das Olympia-Stadion in Berlin beleuchtet in den Farben eines Regenbogens

Olympiastadion in Berlin in Regenbogenfarben - als Zeichen gegen sexuelle Diskriminierung

Die Diskussion um die Regenbogen-Beleuchtung während der Fußball-EM im vergangenen Sommer habe gezeigt, wie intensiv inzwischen Menschenrechte auf der Tagesordnung des Sports stünden. "Das Verhältnis zwischen Sport und Politik wird gerade neu austariert, neu ausgehandelt", sagt Mittag. "Welche Richtung dieser Weg nimmt und wo er endet, ist noch nicht klar." Ein diplomatischer Boykott der Winterspiele in Peking könnte erste Hinweise geben. Für Charles Boycott im 19. Jahrhundert endete der Weg übrigens in einer Niederlage: Von den Boykott-Maßnahmen der irischen Bauern kaltgestellt, verließ der Menschenschinder die Insel.

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