Wahlen in Zypern: Das Zweiparteiensystem wankt
23. Mai 2026
Die Parlamentswahl an diesem Sonntag (24. Mai) in Zypern könnte die politische Landschaft des Inselstaates erschüttern. "Zypern steuert auf eine tiefgreifende Transformation seiner politischen Szene zu", sagt der zyprische Journalist und Politikanalyst Sotiris Paroutis.
"Neue politische Kräfte gewinnen an Unterstützung, während die beiden dominierenden Parteien des Landes geschwächt sind und die Kräfte der traditionellen politischen Mitte zerfasern."
Obwohl Zypern eine präsidiale Demokratie ist, in der das Parlament nur begrenzte Befugnisse hat, sind die Wahlen strategisch bedeutsam. Denn die Zusammensetzung des Parlaments entscheidet darüber, wer 2028 als Kandidat den Rückhalt der Parteien im Parlament genießt und für die Präsidentschaftswahlen aufgestellt wird.
In Zypern wird der Präsident direkt vom Volk gewählt. Er ist sowohl Staats- als auch Regierungschef und ernennt die Minister in seinem Kabinett. Die Parlamentswahl hat also keinen direkten Einfluss auf die Zusammensetzung der Regierung.
Extreme Rechte wird zur dritten Kraft
Laut Umfragen wird die rechtsextreme Nationale Volksfront (ELAM) voraussichtlich zur drittstärksten politischen Kraft im Land aufsteigen und etwa zehn Prozent der Stimmen erreichen.
Die Partei zog erstmals 2016 ins Parlament ein. Zu diesem Zeitpunkt galt sie als politisch weithin mit der inzwischen aufgelösten griechischen neonazistischen Partei Goldene Morgenröte verbunden.
Ein Jahrzehnt später - und nach der Verurteilung der Führung der Goldenen Morgenröte durch griechische Gerichte - hat ELAM ihre Wahlergebnisse verdreifacht und sich als etablierter politischer Akteur im Parlament positioniert.
Dazu setzte sie auf Slogans, die zum politischen Forderungskatalog von rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen weltweit gehören. Dazu gehört unter anderem die Kampagne "Zypern zuerst", eine harte Anti-Immigrationsrhetorik sowie konservative Positionen zu LGBTQ+- Rechten.
Zyperns Zweiparteiensystem wankt
Die traditionellen politischen Schwergewichte auf Zypern stehen deshalb unter Duck. Meinungsumfragen deuten darauf hin, dass sowohl die konservative "Demokratische Sammlung" (DISY) als auch die linksgerichtete "Fortschrittspartei des werktätigen Volkes" (AKEL) mit starken Stimmeneinbußen rechnen müssen. Für beide Parteien werden jeweils etwa 20 Prozent der Stimmen erwartet.
Auch andere Parteien aus dem mittleren Spektrum sinken in der Wählergunst. So müssen die Grüne Partei Zyperns, die sozialistische EDEK-Partei und sowie die Partei Demokratische Ausrichtung Umfragen zufolge um ihren Einzug ins Parlament bangen.
Korruptionsskandale, wachsende öffentliche Unzufriedenheit und ein schwindendes Vertrauen in das politische Establishment scheinen das langjährige Zweiparteiensystem Zyperns zunehmend zu untergraben.
Bewegung für direkte Demokratie
Im Gegenzug präsentieren sich neue politische Bewegungen als Alternative zum traditionellen Parteiensystem. Das deutlichste Beispiel für diesen Trend ist möglicherweise die Bewegung für direkte Demokratie unter der Führung von Fidias Panayiotou.
Der junge YouTuber sorgte 2024 für Schlagzeilen, als er, gestützt auf seine enorme Popularität in den sozialen Medien, einen Sitz im Europäischen Parlament gewann.
Ein weiterer Newcomer ist die Mitte-Rechts-Partei ALMA. Diese wurde 2025 von dem ehemaligen Generalrevisor Odysseas Michaelides gegründet.
Dieser leitete von 2014 bis 2024 die oberste Prüfinstanz für öffentliche Finanzen auf Zypern und gilt als Vorkämpfer gegen Korruption. Umfragen zufolge könnte ALMA etwa acht Prozent der Stimmen erhalten.
Auf dem Weg zu einem "unpolitischen" Parlament?
"Politische Parteien haben ihre Glaubwürdigkeit verloren, und deshalb sehen wir jetzt Bewegungen entstehen, die Sitze im Parlament beanspruchen", sagt Nayia Kamenou gegenüber der DW.
Die Assistenzprofessorin am Fachbereich Sozial- und Politikwissenschaften der Universität Zypern beobachtet, dass "ideologische Reinheit allmählich als prägendes Merkmal an Bedeutung verliert".
Die wachsende Unterstützung für Parteien und Bewegungen mit vagen ideologischen Identitäten sorgt im traditionellen politischen Establishment Zyperns für Besorgnis.
Parlamentspräsidentin Annita Demetriou (DISY) reagierte auf den Aufstieg neuer politischer Bewegungen kürzlich mit den Worten, sie "schrecke bei dem Gedanken zurück, wer im nächsten Parlament sitzen könnte."
Dieser Artikel wurde vom Englischen ins Deutsche adaptiert.