Pariser protestieren gegen Antisemitismus | Europa | DW | 01.04.2018
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Frankreich

Pariser protestieren gegen Antisemitismus

Nach dem antisemitisch motivierten Mord an der Holocaust-Überlebenden Mireille Knoll haben sich zahlreiche Pariser an einem Protestmarsch beteiligt. Immer mehr Franzosen erkennen den Judenhass als Gefahr.

Stürmische Windböen wehen durch Paris. Doch sie halten die Bewohner der Stadt nicht davon ab, sich auf den Straßen und Plätzen der Stadt zu versammeln. Dieses Mal protestieren sie nicht gegen Terroranschläge wie in den vergangenen Jahren, sondern gegen das Übel des Antisemitismus, der in den Augen vieler Bürger immer bedrohlichere Züge annimmt.

Zur riesigen Menge derer, die am Mittwochabend durch die Stadt marschierten, gehörten auch Juden und Muslime, Rabbiner und Schulkinder, die Seite an Seite von der Place de la Nation zu der bescheidenen Wohnung marschierten, in der die Holocaust-Überlebende Mireille Knoll vergangene Woche erstochen und dann verbrannt wurde. Die Polizei geht von einem antisemitischen Akt gegen die die 85 Jahre alte Frau aus.

Einige Teilnehmer sehen in der Kundgebung einen Beweis dafür, dass die Wellen von Terror und Hassverbrechen die zentralen Werte des Landes nicht zerbrochen haben. Allerdings fand der Marsch im Zentrum der Hauptstadt kein nennenswertes Echo in anderen Landesteilen und auch nicht in den heruntergekommenen Vororten. Dort hat sich im Umfeld des radikalen Islam und gärenden Missstände, eine neue, rabiatere Form des Antisemitismus gebildet.

"Höchste Zeit, sich bemerkbar zu machen"

"Es ist höchste Zeit, dass Juden sich bemerkbar machen und handeln", sagt Alain Beit, Vertreter eines jüdischen LGBT-Vereins, im Gespräch mit der DW. "Der Antisemitismus ist stark, und die Dinge werden immer gefährlicher. Jetzt protestieren die Menschen. Aber was ist der nächste Schritt?"

Tage zuvor waren zwei Männer verhaftet worden, die verdächtigt werden, Knoll ermordet zu haben - eine Frau, die der furchtbaren Razzia in Paris 1942 entkam, in deren Verlauf rund 13.000 Juden verhaftet und im großen Velodrome der Stadt zusammengetrieben wurden. Die teils von der französischen Polizei unterstützte Deportation der Juden in die nationalsozialistischen Konzentrationslager hat sich tief in das historische Bewusstsein des Landes eingegraben. An vielen Grundschulen von Paris erinnern Gedächtnistafeln an das Schicksal jüdischer Kinder, die während des Zweiten Weltkriegs verschifft wurden - ohne je wieder in ihre Heimat zurückzukehren.

Frankreich - Erinnerung an Mireille Knoll - MarcheBlanche (Reuters/G. Fuentes)

Protestmarsch in Paris: "Antisemitismus = Gewalttaten und Verbrechen"

Zunahme antisemitischer Gewalt

Der Mord an Mireille Knoll erinnert an das Gewaltverbrechen, das Anfang April 2017 an der 65-jährigen orthodoxen Jüdin Sarah Halimi verübt wurde. Sie wurde in ihrer Wohnung misshandelt und anschließend aus dem Fenster gestoßen. Vor kurzem erklärte ein Richter, dass auch die Ermordung Halimis antisemitisch motiviert war.

Beide Fälle sind nur zwei - besonders spektakuläre - Beispiele für die Welle von Hassverbrechen, die die rund 500.000 Einwohner starke jüdische Gemeinschaft Frankreichs in den letzten Jahren erdulden musste.

Tatsächlich ist die tägliche Gewalt gegen Juden Statistiken des französischen Innenministeriums zufolge im Jahr 2017 gegenüber dem Vorjahr um 22 Prozent gestiegen. Französische Juden emigrierten in den letzten Jahren in Rekordzahl nach Israel. Die Jewish Agency verzeichnete zwischen 2014 und 2016 rund 20.000 Personen, die aus dem Ausland nach Israel zogen.

"Die Lage ist ernst, wenn wir keine Lösung für Themen wie Antisemitismus, radikalen Islam und Terrorismus finden", sagte der jüdische Konsistorialpräsident Joel Mergui in einem Interview. "Wir dürfen uns an Antisemitismus und barbarische Taten dieser Art nicht gewöhnen."

Ermutigende Zeichen aus der Öffentlichkeit

Viele Juden, die an dem Protestmarsch teilnahmen, empfanden es als ermutigendes Zeichen, dass sich so viele Menschen dem Zug anschlossen - gerade im Vergleich mit den verhaltenen öffentlichen Reaktionen nach früheren anti-semantischen Vorfällen. "Das ist gut, aber wir würden auch gerne sehen, dass viele Menschen für ein Bildungsprogramm gegen Antisemitismus auf die Straße gehen", sagt die Teilnehmerin Sylvie Azogui im Gespräch mit der DW.

Daniel Corwin - er nimmt mit Freunden, darunter ein Palästinenser, an dem Marsch teil - erinnert sich an die Erfahrungen seines Vaters im von den Nazis besetzten Paris: "Sein bester Freund musste einen gelben Stern tragen", sagt Daniel. "Eines Tages durfte er keine neuen Kleider mehr tragen und auch nicht mehr ausgehen. Später dann verschwand er. Er wurde zusammen mit Millionen anderer Menschen ermordet."

Frankreich - Erinnerung an Mireille Knoll - MarcheBlanche - Marine Le Pen (Reuters/G. Fuentes)

Von vielen unerwünscht: Marine Le Pen am Rande des Protestzuges

Pfiffe für Rechts- und Linksextreme

Der Marsch gegen Antisemitismus löste eine heftige Streit darüber aus, wer daran teilnehmen dürfe und wer nicht. Aus einiger Entfernung beobachtet der 25-jährige Pharmazie-Student Shimon Marciano eine Phalanx von Fernsehkameras, die sich um die Führerin des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, bildet, die von einer Menge ausgepfiffen wird.

Während Knolls Sohn dafür plädierte, alle, die es wünschten, an der Demonstration teilnehmen zu lassen, verurteilten jüdische Führer die geplante Teilnahme von Le Pen ebenso wie die des linksextremen Politiker Jean-Luc Mélenchon. Ihre Ablehnung begründeten sie damit, beide Parteien hätten Antisemiten als Mitglieder.

"Ich denke, die Mitglieder des Front National haben nicht das Recht, hier zu sein", sagt Marciano, der eine Kippa trägt. "Wir begrüßen es zwar, dass so viele Menschen hier sind. Aber die Regierung muss mehr tun. Sie muss harte und direkte Maßnahmen ergreifen."

Bildungsprogramme gegen Antisemitismus

Alle französischen Regierungen der letzten Jahrzehnte haben versucht, gegen jüdische Angriffe vorzugehen. Auch Präsident Emmanuel Macron stellt sich in diese Tradition. So will seine Regierung etwa mit Videokampagnen gegen Antisemitismus vorgehen.

Mergui, der Präsident des Jüdischen Konsistoriums, plädiert dafür, dass die Behörden auch die Sanktionen für antisemitische Handlungen in Schulen und Gefängnissen erhöhen: "Es geht darum, dass sich die Geisteshaltung ändert. Angst haben sollten die haben, diejenigen die für die Aktionen verantwortlich sind - nicht die Gesellschaft."

Die Soziologin Martine Cohen ist hingegen der Ansicht, die jüdische Gemeinschaft sollte auf andere zugehen - und zwar auch auf Personen jenseits des muslimischen Mainstreams. Dessen Führer verurteilen antisemitische Angriffe zwar konsequent, genießen aber wenig Glaubwürdigkeit bei einer zornigen und perspektivlosen muslimischen Jugend, die als eine der wesentlichen Tätergruppen gilt.

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Angst vor wachsendem Antisemitismus in Frankreich

"Ich bin voller Hoffnung"

"Sie sind der Ansicht, Juden hätten alles", umreißt Cohen die in den Vorstädten kursierenden Stereotypen. "Die Juden gelten als integriert - und als diejenigen, die besonders viel Aufmerksamkeit erhalten, wenn sich irgendwo ein antisemitischer Vorfall ereignet."

Dennoch glaubt Cohen, dass die Welle von Terror und antisemitischen Angriffen die Reaktion der Öffentlichkeit entschieden verändern wird. "Hier findet keine rein jüdische Demonstration statt. Viel mehr beteiligen sich ganz unterschiedliche Verbände - sie alle wollen die Juden nicht allein lassen."

Für Valerie Bougault, die während des Marsches eine jüdische Freundin begleitet, ist es "unglaublich", dass der Antisemitismus in Frankreich noch immer präsent ist: "Ich möchte es nicht wahrhaben, aber tatsächlich wächst der Antisemitismus." Bougault selbst arbeitet für einen Verein, der an jüdische Kinder erinnert, die während des Zweiten Weltkriegs deportiert wurden. "Wir haben in Schulen großartige Arbeit geleistet, indem wir erklärt haben, was Antisemitismus ist. Unsere Hoffnung ist Bildung - und ich bin voller Hoffnung."

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