″Parasite″: Südkoreas Filmkultur im Fokus | Filme | DW | 11.02.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Film

"Parasite": Südkoreas Filmkultur im Fokus

Obwohl südkoreanische Filme unter Filmkennern schon lange hohes Ansehen genießen, wurden sie international selten beachtet. Das könnte sich nach dem Oscar für "Parasite" von Bong Joon Ho nun ändern.

Als "Parasite"-Regisseur Bong Joon Ho am Sonntag bei der Verleihung der 92. Academy Awards in Los Angeles den Oscar für den besten Film entgegennahm, rückte er das südkoreanische Kino, das bislang international nur selten wahrgenommen wurde, ins Rampenlicht. Es ist an der Zeit, sagen Kenner der südkoreanischen Filmindustrie.

Bong wurde während der Veranstaltung viermal auf die Bühne des Dolby Theaters gerufen. "Parasite" gewann neben dem Hauptpreis den Oscar für die beste Regie, den Oscar für das beste Original-Drehbuch, das Bong mitverfasst hat, und den Oscar für den besten internationalen Film. Damit setzte sich "Parasite" gegen eine starke Konkurrenz durch. Viele hatten erwartet, dass das Weltkriegs-Epos "1917" den Oscar für den besten Film erhalten würde. "Parasite" schrieb Filmgeschichte, indem er als erster nicht-englischsprachiger Film den Oscar für den besten Film gewann. Es war auch das erste Mal seit 1955, dass der Gewinner der Goldenen Palme bei den Filmfestspielen in Cannes den wichtigsten Preis der Oscar-Verleihung entgegengenommen hat.

Regisseur Bong Joon-ho und sein Team strahlen und klatschen bei der Oscar-Verleihung (Reuters/M. Anzuoni)

Das Team hinter "Parasite" bei der Oscar-Verleihung

Oscar für "Parasite" ist ein Meilenstein

Bongs Sieg sei "in vielerlei Hinsicht ein Meilenstein", sagt Patrick Brzeski, der für "The Hollywood Reporter" über das koreanische Kino berichtet. "Vor diesem Jahr ist noch nie ein koreanischer Film in irgendeiner Kategorie für einen Oscar nominiert worden", sagt er. "Kritiker und Filmliebhaber haben das lange Zeit für einen Skandal gehalten, gerade wenn man bedenkt, dass die koreanische Filmindustrie in den letzten 20 Jahren und darüber hinaus unermüdlich innovatives und unvergessliches Kino produziert hat." Der Oscar für "Parasite" habe ein "peinliches Versehen" korrigiert, sagt Brzeski. "Angesichts des anhaltenden Aufschreis über mangelnde Diversität und Repräsentation in Hollywood und bei den Oscars ist die Tatsache, dass 'Parasite', der komplett in koreanischer Sprache gedreht wurde und mit koreanischen Schauspielern besetzt ist, die die meisten Amerikaner nicht kennen, den Oscar für den besten Film gewann, ein starker symbolischer Moment", so Brzeski.

Ein paar nicht-englischsprachige Filme haben in den vergangenen Jahren einen Oscar erhalten. Aber Brzeski glaubt, dass "Parasite" endlich gezeigt habe, dass "Filme von überall her, in jeder Sprache, jetzt in der Lage sind, Hollywoods höchste Ehre zu erlangen. Sie werden nicht mehr in die Kategorie der besten internationalen Filme verbannt." Bongs Film ist eine Sozialsatire, die sich um zwei Familien dreht, die an entgegengesetzten Enden des südkoreanischen Klassensystems leben. Er nutzt seinen Sinn für Humor und Spannung, um ihr Zusammenspiel darzustellen. Laut Brzeski ist die Qualität des südkoreanischen Kinos zwar seit mehr als zwei Jahrzehnten ein offenes Geheimnis, aber "Parasite" habe es geschafft, ein breiteres Publikum anzusprechen. Der Film fängt grundlegende Probleme moderner Gesellschaften ein, insbesondere die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Gleichzeitig ist Bong ein geschickter Regisseur, dem es gelinge, schwere Themen unterhaltsam auf die Leinwand zu bringen. Er bewege sich mühelos zwischen verschiedenen klassischen Genres, wie der Gaunerkomödie, dem Thriller, der schwarzen Komödie, dem Horror und dem Familiendrama.

Nationale Begeisterung

Bongs Sieg habe "einen Ausbruch nationaler Euphorie ausgelöst", sagt David Tizzard, Orientalist und Assistenzprofessor an der Seoul Women's University. "Wie in westlichen Ländern, wenn die Nationalmannschaft bei einer Fußball-Weltmeisterschaft aufläuft, teilen die Südkoreaner bei kulturellen Ereignissen wie diesem Freud und Leid, so dass das ganze Land hinter 'Parasite' vereint war", sagt er. "Sie mögen unterschiedliche Meinungen über die Regierung, Nordkorea und die Wirtschaftslage haben, aber es gab absolut keine Meinungsverschiedenheiten dazu." Auch Tizzard meint, dass das südkoreanische Kino vom Rest der Welt zu lange übersehen worden sei. "'Parasite' hat zu Hause große Anerkennung von der Kritik erfahren, und jetzt hat er dieselbe Anerkennung auf der internationalen Bühne. Ich denke, dass jetzt dem Rest der Welt bewusst wird, was hier vor sich geht, und die Qualität sieht, die im koreanischen Kino existiert", sagt er.

Ein Mann flüstert einer Frau etwas ins Ohr (picture-alliance/dpa/Koch Film)

"Parasite" entzieht sich den Genre-Kategorien: Der Film liefert Gesellschaftskritik mit schwarzem Humor

Auch die Verleiher südkoreanischer Filme werden aus Bongs Sieg wahrscheinlich Profit schlagen können. Mit einem Budget von nur elf Millionen US-Dollar hat der Film weltweit bereits mehr als 170 Millionen US-Dollar eingespielt. "Das sollte die Filmverleiher ermutigen, mehr Risiken bei koreanischen und internationalen Inhalten einzugehen", sagt Brzeski. Einen frühen Durchbruch hatte das südkoreanische Kino im Jahr 2003 mit dem Action-Thriller "Oldboy" von Regisseur Park Chan-wook. Später wurde der Streifen vom US-amerikanischen Regisseur Spike Lee neu verfilmt. Dennoch glaubt Brzeski, dass "Parasite" ein gutes Beispiel ist für südkoreanische Regisseurinnen und Regisseure, wie Lee Chang-dong, Hong Sang-soo, Kim Bora, Lim Sun-ae und Lee Kyoung-mi. Es zeigt, wie man international erfolgreich sein kann. Trotzdem warnt Brzeski vor pauschalen Aussagen: "Ich glaube nicht, dass man Bong mit dem koreanischen Filmschaffen gleichsetzen kann - abgesehen davon, dass Korea hervorragende Filme macht, und vielleicht ein Teil der Welt erst spät auf diese Tatsache aufmerksam geworden ist."

Untertitel sind keine Hürde mehr

Filme in fremden Sprachen stehen vor der immer wiederkehrenden Frage der Zugänglichkeit. Brzeski meint, Bong habe dies im Januar in seiner Golden-Globe-Dankesrede für den besten fremdsprachigen Film am besten erklärt: "Wenn man die zweieinhalb Zentimeter hohe Hürde der Untertitel erstmal überwunden hat, kann man so viele weitere erstaunliche Filme kennenlernen", sagte der Regisseur damals. Nach der Oscar-Verleihung nahm Bong gegenüber Reportern seinen Kommentar über die Untertitel zurück: "Die Menschen haben diese Barriere bereits durch Streaming-Dienste, YouTube-Videos und soziale Medien überwunden. In der heutigen Welt sind wir alle miteinander verbunden." Und weiter: "Deshalb denke ich, dass der Tag kommen wird, an dem es keine große Sache mehr sein wird, wenn ein fremdsprachiger Film gewinnt."

Die Redaktion empfiehlt