Paralympics 2018: Es bleibt viel zu tun | Sport | DW | 16.03.2018
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Paralympics

Paralympics 2018: Es bleibt viel zu tun

Die Fusion von Olympischen Spielen und Paralympics ist logistisch nicht zu bewältigen. Doch an der Basis könnten behinderte und nichtbehinderte Sportler viel voneinander lernen.

Zwischen Jubel und Applaus mischt sich das spitze Geräusch der Kufen auf dem Eis. Die südkoreanischen Schlittenhockeyspieler stoßen sich mit ihren kurzen Schlägern Richtung Tor. Unterhalb der Hüfte haben sie eine Behinderung, darüber wird gedrängelt, geschubst, geblockt. Doch der Jubel auf den Tribünen schwillt ab. Weltmeister Kanada gewinnt das paralympische Halbfinale mit 7:0.

Greg Westlake war schon 2006 in Turin dabei, als Kanada zum letzten Mal das Finale gewann. Sein Oberkörper gleicht einem Schrank, seine Beine mussten wegen einer angeborenen Krankheit amputiert werden, als er achtzehn Monate war.  "Es ist nicht leicht für kanadische Hockeyspieler, wenn zu Haue alle Perfektion erwarten ", sagt Westlake. Kanada stürmte mit 42:0 Toren ins Finale, am Sonntag warten die USA.

Im Gefüge aufgegangen

Die Aussagen Westlakes und seiner Kollegen sind aus einem anderen Grund bemerkenswert. Sie sprechen von Eishockey, selten von Schlittenhockey. Auf Nachfragen dazu wirken sie überrascht, schließlich sei das doch ganz normal. Und in der Tat: In Broschüren, Werbevideos und Internetkanälen führt der kanadische Eishockeyverband seine olympischen und paralympischen Spieler gemeinsam und in ähnlichem Umfang auf. Ob Taktiklehre, Motivationsseminar, Materialschulung: Die Paralympier sind im Gefüge ihrer Sportart aufgegangen.

Dom Cozzolino (Kanada), Dong Shin Jang (Korea), Greg Westlake (Kanada) und Yong Min Lee (Korea) (l.-r.) im paralympischen Halbfinale von Pyeongchang (Foto: picture-alliance/KEYSTONE/A. Wey)

Greg Westlake (2.v.r.) führt Kanada im paralympischen Halbfinale von Pyeongchang gegen Korea zum Sieg

"Dieses System ist nicht über Nacht entstanden ", sagt Anne Merklinger.  "Wir haben es über Jahre entwickelt." Die ehemalige Schwimmerin ist Geschäftsführerin von  "Own the Podium ", zu Deutsch: "Hol’ dir das Treppchen". Die Organisation wurde 2005 gegründet, mit Blick auf die heimischen Winterspiele 2010 in Vancouver. Für eine bessere Medaillenausbeute koordiniert sie Trainer, Forscher, Mediziner und Geldgeber für olympische und paralympische Sportarten. Die kanadische Regierung stellt umgerechnet 44 Millionen Euro bereit.

Suche nach einer angemessenen Haltung

Kanada war seiner Zeit voraus. 2006 verabschiedeten die Vereinten Nationen das  "Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung ", 2008 trat es in Kraft. Dieses menschenrechtlich orientierte Modell spricht sich für Gleichberechtigung aus - und gegen eine bevormundende Sonderrolle. Als Oberbegriff steht  "Inklusion ", und seither sucht auch der Sport nach einer angemessenen Haltung.

Andrew Parsons, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), in einer Pressekonferenz (Foto picture-alliance/dpa/M. Becker)

IPC-Präsident Parsons sieht beide Seiten der Medaille

Wenn man Andrew Parsons, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), auf das Thema anspricht, glaubt er zu wissen, was nun kommt.  "Wir können Olympische und Paralympische Spiele nicht zusammen legen ", sagt er vorbeugend auf eine Frage, die ihm immer wieder gestellt wird.  "Eine solche Veranstaltung wäre logistisch nicht zu bewältigen." Er mag aber die Idee, dass behinderte und nichtbehinderte Athleten in den nationalen Verbänden näher zusammenrücken.  "Es gibt dafür keinen allgemein gültigen Weg. Wir sollten die Kultur und Geschichte des jeweiligen Landes berücksichtigen. "

Zwiespältiges Bild in Deutschland

Vor elf Jahren, kurz nach der UN-Resolution, hatte das Internationale Paralympische Komitee den Beschluss gefasst, spätestens 2016 nicht mehr als Fachverband zu wirken. Doch noch heute muss das IPC in zehn Sportarten die Weltmeisterschaften organisieren. In der Leichtathletik oder beim Schwimmen, im Skisport oder beim Schlittenhockey, denn deren Weltverbände sträuben sich noch.

Im föderalen Deutschland ist das Bild zwiespältig. Es gibt inklusive Musterzentren: Für Skisport in Freiburg, Leichtathletik in Leverkusen, Schwimmen in Berlin. Beim FC St. Pauli hat das Blindenfußballteam eine eigene Abteilung. Auf Landes- und Bezirksebene finden gemeinsame Veranstaltungen im Tischtennis, Kanu oder Triathlon statt. Und auch die Medaillenprämien der Paralympier haben seit 2014 olympisches Niveau erreicht.

"Wir brauchen Vorbilder bei den Paralympics"

Skifahrerin Anna Schaffelhuber im Porträt (Foto: picture-alliance/dpa/K.J. Hildenbrand)

Vorzeige-Paralympionikin Anna Schaffelhuber

Doch immer wieder fühlen sich behinderte Athleten von Sportfachverbänden in Deutschland herablassend behandelt. Es kursieren Geschichten über Trainingsstützpunkte und Eliteschulen, die den Namenszusatz  "paralympisch" ablehnen. Es wird über Funktionäre getuschelt, die das gestiegene Fördervolumen des Innenministeriums für den Deutschen Behindertensportverband (DBS) für unangemessen halten.

Diese Beispiele tragen dazu bei, dass einige der 17 Landesverbände des DBS eine Öffnung gegenüber dem DOSB ablehnen. So ist es keine Überraschung, dass im August diese Jahres eine Chance vertan werden könnte: Die Europameisterschaften der nichtbehinderten und behinderten Leichtathleten in Berlin werden getrennt organisiert.

Lars Pickardt, Vorsitzender der Deutschen Behindertensportjugend, möchte einen Kulturwandel mit gestalten, mit Schnupperkursen, Talenttagen oder dem Schulwettbewerb  "Jugendlichte mit Behinderung sollten ein breites Bewegungsangebot erhalten ", sagt Pickardt.  "Und für ihre Orientierung brauchen wir Vorbilder bei den Paralympics ".

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