Papst Franziskus und sein Grollen über Deutschlands Katholiken | Deutschland | DW | 13.11.2022
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Katholische Kirche

Papst Franziskus und sein Grollen über Deutschlands Katholiken

Ein Rüffel in Rom? Die katholischen deutschen Bischöfe sind zu Gesprächen im Vatikan. Die Basis erwartet Reformen - der Papst setzt auf religiöse Rückbesinnung.

Papst Franziskus umgeben von deutschen Bischöfen 2015

Die deutschen Bischöfe bei Papst Franziskus - hier 2015

Für den Gastgeber ist es Routine. Für die anderen, die 67 Gäste, ist es einer der wichtigsten Termine in diesem Jahr. Die katholischen deutschen Bischöfe sind in den kommenden Tagen (bis 18. November 2022) zu Gesprächen im Vatikan und sprechen bei den verschiedenen Behörden der Kurie vor. Höhepunkt dabei ist die Begegnung mit Papst Franziskus.

Berichte und Weisungen

Jahr für Jahr trifft das Kirchenoberhaupt rund 500 Bischöfe aus aller Welt. Das katholische Kirchenrecht schreibt diese Besuche den Bischöfen vor, die aus ihren Diözesen berichten sollen und mit Weisungen oder Anweisungen wieder heimwärts ziehen. Im kirchlichen Insider-Sprech heißen diese Reisen in den Vatikan "Ad-limina-Besuche": Die Bischöfe reisen, wie es im Lateinischen heißt, "ad limina apostolorum" ("an die Türschwellen der Apostel"). Gemeint sind die Türschwellen der Grabeskirchen der Apostel Petrus und Paulus in Rom.

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Pilgerziel und Machtzentrale: der Petersdom im Herzen des Vatikan

Auch wenn die Bischöfe gemeinsam vor den Papst treten: Nach Rom reisen die 67 einzelnen Bischöfe, nicht die Bischofskonferenz als geschlossene Reisegruppe. Die Einrichtung von Bischofskonferenzen ist recht jung und wurde erst im vorigen Jahrhundert in weltkirchlichen Dokumenten und im Kirchenrecht erwähnt und verankert.

Die deutschen Bischöfe stehen seit dem Publikwerden des Skandals um vielfachen Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen im Jahr 2010 unter Druck. Einerseits geht es um Aufarbeitung und Entschädigung, andererseits um die ständig lauter werdenden Rufe nach kirchlichen Reformen, beispielsweise nach der Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Kirche. Der "Synodale Weg" von Bischöfen und Laien, 2019 gestartet, steht für diese Suche nach Reformen. Für die Tage in Rom ist es schon spannend genug, ob die einzige Frau in den Reihen der Bischofskonferenz, Generalsekretärin Beate Gilles, seit 16 Monaten im Amt, mit aufs Gruppenfoto kommen wird. 

Und die Reformbemühungen stoßen bei Papst Franziskus zunehmend deutlich auf kritische Worte. Schon mehrfach hat er den deutschen Katholiken Mahnungen mitgegeben, am grundlegendsten in einem persönlichen Brief zum Synodalen Weg, dem kirchlichen Dialog in Deutschland, im Sommer 2019. Zuletzt pochte er beim Rückflug von seinem Bahrain-Besuch Anfang November auf eine Journalisten-Frage darauf, die deutschen Katholiken sollten den "religiösen Sinn des Volkes" wiederentdecken. Denn das sei der "Kern der Theologie", nicht die Diskussionen über etwaige Entwicklungen und theologische Konsequenzen. Und Franziskus verwendete zum wiederholten Male eine Mahnung, die zeigt, wie der Vatikan auf die katholische Kirche im Lande Martin Luthers schaut: Deutschland habe eine "große und schöne evangelische Kirche"; er wolle keine andere, "die nicht so gut wäre wie diese". Als Negativ-Folie ist die evangelische Kirche zumindest gut. 

"Erosion und Resignation"

Schon im November 2015, beim bislang letzten Ad-limina-Besuch deutscher Bischöfe, sprach Franziskus von einer "Erosion des katholischen Glaubens in Deutschland", von "lähmender Resignation", die es zu überwinden gelte, klagte über "immer neue Strukturen".

Das Wort "Missbrauch" kam in der damals veröffentlichten vierseitigen Rede des Papstes an die Gäste aus Deutschland nicht vor. Und auch nicht in den beiden Reden, mit denen sich 2006 Papst Benedikt XVI. (2005-2013) an die in zwei Gruppen angereisten deutschen Bischöfe wandte. Da ging es um die "Treue zum Lehramt", gegen Säkularisierung und gegen die Ausübung seelsorgerlicher "Leitungsfunktionen" durch Laien, auch gegen die Predigt durch Laien. Ja, Benedikt warnte vor einem "Anspruchsdenken" von Laienseite. Es ist 16 Jahre her und wirkt doch wie eine andere Zeit. Damals gehörten übrigens noch 25,3 Millionen Menschen in Deutschland der katholischen Kirche an, heute sind es knapp vier Millionen weniger.

"Erläutern und werben"

Trotz der steten römischen Mahnungen – die Bischöfe wollen in Rom auch über den Synodalen Weg und den Ruf nach Reformen sprechen. "Es ist uns Bischöfen ein Anliegen, die wichtigen Texte des Synodalen Weges in die Gespräche in Rom einzubringen, zu erläutern und um Verständnis zu werben", sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, nach deren Herbstvollversammlung Ende September in Fulda. 

Bätzing sprach vor seiner Abreise nach Rom auch von "erkennbarem Gesprächsbedarf" und erklärte, "dass es viel Unverständnis zu unserem Weg in Rom gibt".

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Und der Aachener Bischof Helmut Dieser will den Papst für eine Neubestimmung der kirchlichen Sexuallehre gewinnen, um auch nicht-heterosexuellen Lebensformen Wertschätzung entgegenzubringen. "Wir wollen ihn bitten, zum Beispiel den Katechismus in dieser Weise weiterzuschreiben", sagte Dieser der Deutschen Welle. Das sei kein Bruch mit der kirchlichen Lehre, sondern eine Weiterentwicklung. Bischof Dieser ist beim Synodalen Weg der deutschen Katholikinnen und Katholiken sehr engagiert beim Thema "Kirche und Sexualität".

Anders als bei früheren Besuchen sprechen die Bischöfe häufiger als Gesamtgruppe mit Vertretern der vatikanischen Behörden, auch mit den Spitzenkräften. Das mag Alleingänge, vielleicht auch in Absetzung von den anderen Bischöfen, verhindern. Die 67 Bischöfe bilden ja eine gemeinsame Konferenz. Aber sie sind doch eine Sammlung von Flügeln oder Gruppen. Es gibt wohlhabende und arme Diözesen, Bistümer aus noch sehr kirchlich geprägten Regionen in Süddeutschland oder entkirchlichten Regionen, vorwiegend in Ostdeutschland.

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Vor allem stehen reformorientierte Bischöfe und die Bremser nebeneinander - oder einander gegenüber. Bätzing und Dieser zählen zu jenen, die Veränderungen wollen, der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, der in seiner Erzdiözese wegen vieler ungewöhnlicher Entscheidungen, auch wegen Merkwürdigkeiten bei der Aufarbeitung von Missbrauch und Vertuschung, höchst umstritten ist, zu den Bewahrern. Dessen Pressestelle ließ nun verlauten, Kritiker wollten Woelki vor den Tagen in Rom "an den Pranger" stellen.

Anfänger und Vielfahrer 

Etwa ein Viertel der Bischöfe, darunter Bätzing und die Bischöfe von Mainz, Hildesheim und Augsburg, Peter Kohlgraf, Heiner Wilmer und Bertram Meier, erlebt überhaupt zum ersten Mal einen solchen Rapport in Rom. Sie wurden erst nach 2015 zu Bischöfen geweiht. Insgesamt 20 der heute noch aktiven Bischöfe zogen im Herbst 2006 bereits zu Papst Benedikt nach Rom. Und sechs, darunter Münchens Kardinal Reinhard Marx und der Osnabrücker Oberhirte Franz-Josef Bode, reisten schon im vorigen Jahrtausend zur Berichterstattung zu Papst Johannes Paul II. (1978-2005).

Aber ganz egal, ob progressiv oder reaktionär, ob frisch mit dabei oder alterfahren, ein Blick auf die letzten Besuche zeigt: Alle verkünden in der Regel nach den Gesprächen, sie fühlten sich ermutigt. Alles andere wäre dann wirklich überraschend. 

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