Online-Prüfungen mit Tücken | Deutschlehrer-Info | DW | 21.10.2021
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Deutschlehrer-Info

Online-Prüfungen mit Tücken

Online und digital statt mit Stift und Papier in der Uni: Wie das Wissen von Studierenden und Deutschlernenden abgefragt wird, hat sich stark verändert. Nicht alle finden das gut.

Schüler sitzen auf Abstand an Tischen, von oben fotografiert

Kugelschreiber, Mappe und Papier: So sahen Prüfungen in der Regel vor Corona aus

Dass sie ihrem Dozenten per Webcam mal einen Rundgang durch ihr WG-Zimmer geben würde, das hätte sich Marie vor wenigen Monaten noch nicht vorstellen können. Doch Corona machte es möglich oder besser gesagt: zwang alle Beteiligten dazu. Im September 2021 legte Marie ihre erste Online-Prüfung bei sich zu Hause in Bergisch Gladbach ab anstatt – wie vor der Pandemie – in der Uni in Wuppertal.

Vor der Prüfung hieß es für die Lehramtsstudentin dann also, dem beaufsichtigenden Dozenten zu zeigen, dass niemand mit im Zimmer sitzt, um ihr zu helfen. „Man kennt die Situation, vor der Kamera zu sitzen, ja schon von den Vorlesungen, aber das war dann schon noch einmal etwas anderes“, erzählt sie. „Es war schon komisch.“

Während der Prüfung wurde Marie von ihrem Dozenten permanent über die Webcam beobachtet. Er war zeitgleich für fünf Studierende zuständig. Nervös habe sie das nicht gemacht, sagt die 24-Jährige – zumindest nicht nervöser, als sie es auch während einer Präsenzklausur gewesen wäre.

Datenschutzprobleme bei technischer Überwachung

Eine Alternative zur Überwachung der Prüfungssituation per Webcam sind spezielle Software-Programme auf dem Computer, die prüfen, ob Studierende während der Klausur versuchen, Ergebnisse zu googeln oder mit anderen per Mail oder Chat zu kommunizieren.

Ein Dozent an der Universität steht in einem Hörsaal , auf dem Tisch steht ein Monitor

Online-Vorlesungen: seit Corona Normalität

Ein Weg, den die IU Internationale Hochschule, eine private aber staatlich anerkannte Hochschule aus Erfurt mit mehr als 200 Studienprogrammen, bewusst nicht geht. Die Hochschule wirbt damit, dass sich Studierende hier zwischen Präsenz- und Onlinestudium und flexiblen Kombi-Modellen entscheiden können.

An der IU gibt es bereits seit 2017 Online-Klausuren. Rund 80 Prozent der Studierenden dort legen ihre Prüfungen im Netz ab. „Der Datenschutz steht bei uns immer an oberster Stelle“, sagt die Sprecherin der Hochschule: „Deswegen haben wir uns bewusst für einen Weg entschieden, der auf eine sogenannte Live-Aufsicht setzt statt auf die Verwendung von künstlicher Intelligenz und verzichten auf die Installierung bestimmter Software.“

Prüfungszentren: Vor Ort, aber trotzdem digital

Und wenn das Internet doch mal hakt, man keinen ruhigen Raum in der Studenten-WG hat oder sich allein zu Hause nicht so gut konzentrieren kann? Dann kann man in einem von deutschlandweit 45 Prüfungszentren seine Klausur schrieben. Also in Präsenz, wenn auch nicht in der Hochschule.

Studierende sitzen eng beieinander im Hörsaal

Volle Hörsäle - so wie hier in Köln - sind seit Corona selten geworden

Denn längst nicht alle Studierenden finden es gut, ganz auf sich allein gestellt zu sein und ihre Prüfungen online zu Hause zu absolvieren. Nick zum Beispiel. Der Argentinier studiert Erneuerbare Energien in Köln. Nachdem er drei Mal die C1-Deutschprüfung nicht bestand hatte, klappte es beim vierten Mal endlich, und er konnte sein Studium beginnen. Dabei lernte er verschiedene Prüfungsmodelle kennen. Sein Fazit: „Ich fand die Präsenzprüfungen immer besser.“ Wie viele Studierende kann auch er sich nämlich an einem unbekannten Ort besser konzentrieren als in den eigenen vier Wänden. Außerdem hatte er bei Problemen einen direkten Ansprechpartner.

TestDaF setzt auf digitale Prüfungen

Einer der wichtigsten Tests für Menschen, die in Deutschland studieren wollen, ist der TestDaF der Gesellschaft für Akademische Studienvorbereitung und Testentwicklung e. V. (kurz: g.a.s.t.) und des TestDaF-Instituts. Auch hier setzt man jetzt schon im zweiten Jahr in Folge auf digitale Tests in sogenannten Prüfungszentren. Die Deutschlernenden absolvieren ihren Test also an einem Computer, aber nicht zu Hause.

Flur in der National Kaohsiung University of Science and Technology in Taiwan

So kann ein Prüfungszentrum für den TestDaF aussehen: hier an der National Kaohsiung University of Science and Technology in Taiwan.

Allerdings war man beim TestDaF nicht – wie vielen deutschen Unis – getrieben von Corona,  sondern arbeitet schon seit 2010 daran, die Deutschtests digitaler zu gestalten. Der Grund ist simpel: Digitale Tests seien viel näher am echten Studierendenleben dran als Zettel und Stift, so Hans-Joachim Althaus, Institutsleiter des TestDaF-Instituts: „Der Input für den Test kann digital sehr authentisch wiedergegeben werden: Man sieht und hört eine Vorlesung, macht Notizen oder hält eine Präsentation in einem Tutorium oder Seminar – so wie es im echten Studium verlangt wird.“

Unterschiedliche Bildschirme sind schon nicht mehr gerecht

Langfristig überlege man auch, die Prüfungen komplett online abhalten zu lassen – also ohne Prüfungszentren. Aber hier steht die g.a.s.t vor den gleichen Herausforderungen wie viele deutsche Universitäten derzeit: Das Beobachten der Studierenden per Webcam sei sehr „personalintensiv“ und mit technischen Lösungen „kommt man schnell über die Grenzen des Datenschutzes und muss sich selbst fragen, ob diese Methoden noch mit der eigenen Ethik einer Prüfungsorganisation in Einklang stehen“, so Institutsleiter Althaus.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor, der vor allem für Deutschprüfungen relevant ist, die weltweit abgenommen werden: „Nicht alle Studieninteressierte weltweit verfügen über Laptops. Denken Sie nur daran, dass allein schon Bildschirmgrößen einen großen Einfluss darauf haben, wie gut eine Aufgabe bearbeitet und gelöst werden kann. Teilnehmende würden sich also selber schaden, wenn der eigene Laptop zu klein wäre“, so Althaus.

Bei einer Prüfung ist es schließlich wichtig, dass alle unten den gleichen Bedingungen beweisen können, was sie wissen. Und zu den gleichen Bedingungen gehören eben auch Dinge wie die Bildschirmgröße. Die Internationale Hochschule IU in Bonn sowie die g.a.s.t. scheinen mit den Prüfungszentren da einen klugen Mittelweg gefunden zu haben.

Am 19. Oktober hat eine neue Anmeldephase für den TestDaF begonnen. Hier geht es zur Anmeldung.

Wo finde ich die wichtigsten Informationen, wenn ich in Deutschland studieren möchte? Eine Linkliste gibt es hier.

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